Um 3 Uhr morgens kam der Befehl zum endgültigen Abrücken. Wir marschierten über die mit Leichen und zerschossenen Wagen bestreute Chaussee nach Staden. Um den Krater eines riesigen Einschlages herum lagen allein zwölf Tote. Staden, das bei unserer Ankunft noch so belebt gewesen war, wies schon viele zerschossene Häuser auf. Der verödete Marktplatz war mit fortgeworfenem Hausgerät besät. Eine Familie verließ mit uns das Städtchen, als einzigen Besitz eine Kuh hinter sich herziehend. Der Mann hatte ein Stelzbein, die Frau hielt die weinenden Kinder an der Hand. Der wirre Lärm im Rücken erhöhte das Traurige des Bildes.

Die Überreste des II. Bataillons wurden in einem einsamen Hof untergebracht, der sich inmitten saftiger, hochaufgeschossener Felder hinter dichten Hecken verbarg. Dort wurde mir die Führung der siebenten Kompagnie übertragen, mit der ich bis zum Schluß des Krieges Freud und Leid teilen sollte.

Am Abend saßen wir vor dem mit alten Kacheln ausgelegten Kamin, stärkten uns durch einen steifen Grog und lauschten dem wieder auflebenden Donner der Schlacht. Aus dem Heeresbericht einer neuen Zeitung sprang mir der Satz in die Augen: „Es gelang uns, den Feind an der Steenbachlinie aufzuhalten.“

Es war seltsam, zu empfinden, daß unser scheinbar wirres Tun in finsterer Nacht weltgeschichtliche Bedeutung erlangt hatte. Wir hatten ein gut Teil dazu beigetragen, die mit so gewaltigen Kräften begonnene feindliche Offensive zum Stillstand zu bringen.

Bald begaben wir uns zur Ruhe auf den Heuboden. Trotz des ausgiebigen Schlaftrunkes phantasierten die meisten Schläfer und wälzten sich hin und her, als ob sie die Flandernschlacht noch einmal durchkämpfen müßten.

Am 3. Juli setzten wir uns, reichbeladen mit Vieh und Feldfrüchten der verlassenen Gegend nach dem Bahnhof des nahen Städtchens Gits in Marsch. In der Bahnhofskneipe trank das ganze zusammengeschrumpfte Bataillon schon wieder in glänzender Stimmung Kaffee, den zwei derbe flämische Kellnerinnen zum allgemeinen Vergnügen mit sehr gewagten Redewendungen würzten. Besonderen Spaß machte es den Leuten, daß sie nach Landesbrauch jeden, auch die Offiziere, mit „du“ traktierten.

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Nach einigen Tagen erhielt ich aus einem Gelsenkirchener Lazarett einen Brief meines Bruders. Er schrieb, daß er wohl einen steifen Arm und eine klapprige Lunge behalten würde.

Ich entnehme seinem Tagebuch folgende Zeilen, die meinen Bericht ergänzen und die Eindrücke eines in das Tosen der Materialschlacht geworfenen Neulings anschaulich wiedergeben:

„— — Antreten zum Sturm!“ Das Gesicht meines Zugführers und Vizefeldwebels Schnell beugte sich über den Eingang der kleinen laub- und bretterüberdachten Höhle, in der wir seit Stunden rauchend und essend lagen. Die drei Leute neben mir beendeten ihr Gespräch und rafften sich fluchend auf. Ich erhob mich, schnallte um, rückte den Stahlhelm fest und trat in die Dämmerung hinaus.