Es war neblig und kühl. Das Bild hatte sich inzwischen verändert. Das Granatfeuer hatte sich verzogen und lagerte dumpfdonnernd auf anderen Teilen des riesigen Schlachtfeldes. Flugzeuge durchknatterten die Luft und beruhigten das ängstlich spähende Auge durch ihre großen eisernen Kreuze.
Ich lief noch einmal zu einem Brunnen, der zwischen Trümmern und Schutt sich merkwürdig klar erhalten hatte, zog den Eimer hoch, trank und füllte meine Feldflasche.
Die Leute der Kompagnie traten in Zügen an. Ich hakte mir eilig vier Handgranaten in das Koppel und begab mich zu meiner Gruppe, von der zwei Mann nicht zur Stelle waren. Kaum hatte ich noch Zeit, die Namen aufzuschreiben, als alles sich in Bewegung setzte. In Reihen zu einem bewegten sich die Züge durch das Trichtergelände, umbogen Balken, preßten sich an Hecken, tauchten in Tiefen unter und wanden sich klirrend und polternd auf den Feind zu.
Ich war mir meines Auftrages klar bewußt. Das zweite Bataillon unseres Regiments und ein Bataillon des Nachbarregiments hatten den Befehl, englische Abteilungen, die über den Kanal gestoßen waren, zurückzuwerfen. Mir war zugedacht, mit meiner Gruppe vorn liegen zu bleiben und den Gegenstoß aufzufangen.
Während ich all dieses noch einmal überlegte, traf mein Blick auf das blasse, entschlossene Gesicht eines jungen Unteroffiziers. „Bachmann“, dachte ich, obgleich ich ihn nicht kannte. Es war mein Kamerad, Fahnenjunker-Unteroffizier, ebenfalls bei der Kompagnie Sandvoß. Ich verlor ihn aus dem Gesicht und betrachtete staunend die Landschaft, die sich plötzlich vor unseren Augen entwickelt hatte.
Wir waren vor den Trümmern eines Dorfes angekommen. Aus der schrecklich zernarbten Ebene Flanderns ragten schwarz und zersplittert die astlosen Stümpfe einzelner Bäume, Überreste eines großen Waldes. Ungeheure Rauchschwaden zogen durch die Luft und verhängten den Himmel mit düsterem, schwerem Gewölk. Über der kahlen Erde, so unbarmherzig zerrissen und wieder zerrissen, schwelten stinkende Gase, die gelb und braun träge umherwanderten.
Es wurde Gasbereitschaft befohlen. In diesem Augenblick setzte schlagartig ein ungeheures Feuer ein. Erde sprang auf in fauchenden Fontänen, und ein Hagel von Splittern fegte wie ein Regenschauer das Land. Einen Augenblick stand jeder erstarrt. Dann stürzte alles wie rasend auseinander. Einmal noch hörte ich unverständlich die brüllende Stimme unseres Bataillonskommandeurs, Rittmeister Böckelmann.
Meine Leute waren verschwunden, ich befand mich in einem anderen Zuge und drängte mich mit den anderen nach den Trümmern eines Dorfes, das die unerbittlichen Granaten bis auf die Grundmauern rasiert hatten. Wir rissen die Gasmasken heraus.
Mit einem Schlage setzte ein tolles Maschinengewehrfeuer ein. Alles warf sich nieder. Links neben mir kniete der Leutnant Ehlers, neben ihm lag spähend ein Unteroffizier. Vor uns flackerte gelb eine Feuerwand, Detonation folgte auf Detonation; Häuserreste, ein Schauer von Erdklumpen, Ziegelstücken und Eisensplittern hagelte auf uns herab und schlug helle Funken aus den Stahlhelmen. Ich starrte in diesen glühenden Hexenkessel hinein.
Was war dagegen das halbstündige Trommelfeuer, das diesen verfehlten Angriff vorbereitet hatte. Denn daß er verfehlt war, war mir klar wie eine Vision. Zweimal verschlang ein ungeheuerlicher Krach in kurzen Zwischenräumen das Toben. Ganze Schuttfelder flogen in die Luft, wirbelten durcheinander und stürzten mit höllischem Prasseln nieder.