Als ich schon jede Hoffnung aufgegeben hatte, wieder heil aus diesem Kessel herauszukommen, entfuhr mir plötzlich ein Freudenschrei. Mein Blick war auf das Kochgeschirr mit dem Löffel gefallen; nun war ich orientiert. Da es schon ganz hell geworden war, hatten wir keine Sekunde zu verlieren. Wir sprangen über freies Gelände, von den ersten Gewehrkugeln umpfiffen, den eigenen Linien zu. Im vorderen französischen Graben stießen wir auf die Patrouille des Leutnants v. Kienitz. Als uns der Ruf „Lüttje Lage!“ entgegentönte, wußten wir, daß wir das Gröbste hinter uns hatten. Ich fiel von oben leider gerade auf einen schwer Blessierten, den sie zwischen sich liegen hatten. Kienitz erzählte mir hastig, daß er französische Schanzer im ersten Graben durch Handgranaten vertrieben und beim weiteren Vorgehen gleich zu Anfang durch eigene Artillerie Tote und Verwundete gehabt hätte.
Nach längerem Warten erschienen noch zwei meiner Leute, der Unteroffizier Dujesiefken und der Füsilier Haller, der mir wenigstens einen kleinen Trost mitbrachte. Er war beim Umherirren allein in einen kleinen Stichgraben geraten und hatte dort drei verlassene MG. entdeckt, von denen er eins vom Gestell geschraubt und mitgenommen hatte. Da es immer heller wurde, hasteten wir über das Niemandsland in unsere vordere Linie.
Von den vierzehn Mann, die mit mir ausgezogen waren, kamen nur vier zurück, und auch die Patrouille Kienitz hatte schwere Verluste. Meine Niedergeschlagenheit wurde etwas erhellt durch die Worte des biederen Oldenburgers Dujesiefken, der, als ich mir im Stollen die Hand verbinden ließ, vorm Eingang seinen Kameraden die Ereignisse berichtete und mit dem Satze schloß: „Vor Leutnant Jünger habe ich jetzt aber Respekt; Junge, Junge, der flitzte dich man so über die Barrikaden!“
Anschließend marschierten wir durch den Wald zum Regiments-Gefechtsstand. Der Oberst von Oppen begrüßte uns und ließ uns Kaffee einschenken. Er war zwar sehr betrübt über unseren Mißerfolg, sprach uns jedoch seine ganze Anerkennung über das Geleistete aus. Dann wurde ich in ein Auto gepackt und fuhr zur Division, die genauen Bericht haben wollte. Vor wenigen Stunden noch im wüsten Handgranatenkampf durch zerschossene Gräben stürmend, genoß ich in vollen Zügen die Wohltat, zurückgelehnt in schnellem Fluge über die Landstraße zu brausen.
Der Generalstabsoffizier empfing mich in seinem Arbeitszimmer und versuchte vergeblich, mir zu beweisen, daß ich durch übereiltes Vorgehen den Verlust meiner Leute verschuldet hätte. Ich dachte: „Du kannst mir hier, zwanzig Kilometer hinter dem vorderen Graben, viel erzählen,“ und gab zu verstehen, daß ich in der feindlichen Linie weder einen grünen Tisch, noch die Stöße von Karten darauf gehabt hätte. Außerdem hatte ich nur die Ehre des Kampfes gehabt, der Plan, an dem ich manches auszusetzen gefunden, war mir fertig in die Hand gedrückt worden. Ich hatte vorher gebeten, den Angriffspunkt an die markante Linie der Chaussee zu verlegen oder wenigstens farbige Leuchtkugeln aus dem eigenen Graben hochzuschießen, um den Verirrten den Weg zu weisen. Man hatte mir bedeutet, daß dadurch das feindliche Feuer angezogen würde. Zum Teufel, was schiert mich das feindliche Feuer? Das bin ich gewohnt. Aber ich bin keine Eule, die ihren Weg im Dunkeln findet!
Der Divisions-Kommandeur begrüßte mich sehr liebenswürdig und verscheuchte bald meine Mißstimmung. Beim Mittagessen saß ich im verschlissenen Feldrocke mit verbundener Hand neben ihm und bemühte mich, nach dem Worte: „Nur die Lumpe sind bescheiden!“ unsere Taten vom Morgen in das richtige Licht zu stellen.
Am nächsten Tage besichtigte der Oberst von Oppen die Patrouille noch einmal, verteilte Eiserne Kreuze und gab jedem Teilnehmer vierzehn Tage Urlaub. Am Nachmittag wurden die Gefallenen, deren Zurückschaffung gelungen war, auf dem Soldatenfriedhof Thiaucourt begraben. Zwischen den Gräbern dieses Krieges ruhten dort auch Kämpfer von 1870/71. Eins dieser alten Gräber schmückte ein bemooster Stein mit der schlichten Inschrift: „Dem Auge fern, dem Herzen ewig nah!“ In eine große Steintafel war gemeißelt:
„Heldentaten, Heldengräber reihen neu sich an die alten,
Künden wie das Reich erstanden, künden wie das Reich erhalten.“
Abends las ich im französischen Heeresbericht: „Ein deutsches Unternehmen bei Regniéville mißglückte; wir machten Gefangene.“ Daß die Gefangenen nur gemacht waren, weil unsere Leute sich bei der Suche nach dem ausgerissenen Gegner verirrt hatten, war nicht hinzugesetzt. Hätten die Franzosen ihre Gräben verteidigt, wie mutige Soldaten zu tun pflegen, so wäre es wohl anders gekommen.