Um 3 Uhr wurden wir geweckt, standen auf, wuschen uns und ließen das Frühstück zurechtmachen. Ich hatte gleich einen tüchtigen Ärger, da mir mein Bursche die Spiegeleier, die ich mir zur Stärkung und Feier des Tages leisten wollte, vollkommen versalzen hatte.

Wir schoben die Teller zurück und sprachen zum hundertsten Male alle Einzelheiten durch, die uns begegnen konnten. Zwischendurch boten wir uns gegenseitig Cherry Brandies an, während v. Kienitz einige uralte Witze zum Besten gab. Zwanzig Minuten vor fünf nahmen wir die Leute zusammen und führten sie in die Bereitschaftsbunker der vorderen Linie. Es waren schon Lücken in den Draht geschnitten und lange, mit Kalkmehl gestreute Pfeile wiesen auf unsere Angriffspunkte. Wir trennten uns mit einem Händedruck und harrten der Dinge, die da kommen sollten.

Ich war vollkommen in Dreß: Vor der Brust zwei Sandsäcke mit je vier Stielhandgranaten, links mit Aufschlag-, rechts mit Brennzünder, in der rechten Rocktasche eine Pistole 08 am langen Bande, in der rechten Hosentasche eine kleine Mauserpistole, in der linken Rocktasche fünf Eier-Handgranaten, in der linken Hosentasche Leuchtkompaß und Trillerpfeife. Am Koppel Karabinerhaken zum Abreißen der Handgranaten, Dolch und Drahtschere. In der inneren Brusttasche steckte eine gefüllte Brieftasche und meine Heimatadresse, in der hinteren Rocktasche eine platte Flasche voll Cherry Brandy. Achselklappen und Gibraltarband hatten wir abgelegt, um dem Gegner keinen Aufschluß über unsere Herkunft zu geben. Als Erkennungszeichen trugen wir an jedem Arm eine weiße Binde.

Vier Minuten vor fünf setzte bei der linken Nachbardivision Ablenkungsfeuer ein. Punkt 5 Uhr brach schlagartig unser Artillerie- und Minenfeuer los. Ich stand mit dem Unteroffizier Kloppmann vorm Stolleneingang und rauchte eine letzte Zigarre; wir mußten jedoch wegen zahlreicher Kurzschüsse Deckung nehmen. Mit der Uhr in der Hand zählten wir die Minuten.

Punkt 5.05 Uhr ging es aus dem Stollen heraus und auf den vorbereiteten Wegen durchs Hindernis. Ich rannte, eine Handgranate hochhebend, voran und sah auch die rechte Patrouille in der ersten Dämmerung vorstürmen. Das feindliche Verhau war schwach; ich übersprang es in zwei Sätzen, stolperte aber über eine dahintergezogene Drahtwalze und stürzte in einen Trichter, aus dem mich die Unteroffiziere Kloppmann und Mevius hervorzogen. „Rin!“ Wir sprangen in die erste Linie, ohne auf Widerstand zu stoßen, während rechts ein krachender Handgranatenkampf begann. Ohne uns darum zu kümmern, setzten wir über die den nächsten Graben absperrende Sandsackbarrikade und sprangen von Trichter zu Trichter vor, bis wir zwei Reihen Spanischer Reiter erreichten, die uns von der zweiten Linie trennten. Da diese vollkommen zerstört war und keine Hoffnung auf Gefangene gab, eilten wir, ohne uns aufzuhalten, durch einen verbarrikadierten Laufgraben weiter vor.

Bei der Einmündung in die dritte Linie fiel vor mir ein glimmendes Zigarettenende zu Boden. Ich gab meinen Leuten ein Zeichen, faßte die Handgranate fester und schlich vorsichtig durch den gut ausgebauten Graben vor, an dessen Wänden zahlreiche verlassene Gewehre lehnten. In solchen Situationen registriert das Gedächtnis unbewußt auch das Nebensächlichste. So prägte sich mir an dem Grabenkreuz das Bild eines Kochgeschirres ein, in dem ein Löffel stand. Diese Beobachtung rettete mir 20 Minuten später das Leben.

Plötzlich verschwanden vor uns schattenhafte Gestalten. Wir rannten hinter ihnen her und gerieten in eine Sackgasse, in deren Wand ein Stolleneingang gebohrt war. Ich stellte mich davor und schrie: „Montez!“ Eine herausgeschleuderte Handgranate war die Antwort. Sie explodierte in Höhe meines Kopfes an der gegenüberliegenden Wand, zerfetzte meine seidene Mütze, verwundete meine linke Hand mehrfach und schlug mir die Kuppe des kleinen Fingers weg. Dem neben mir stehenden Pionier-Unteroffizier wurde die Nase durchbohrt. Wir zogen uns einige Schritte zurück und bombardierten den gefährlichen Platz mit Handgranaten. Ein übereifriger schleuderte eine Brandröhre in den Eingang und machte dadurch jeden weiteren Angriff unmöglich. Wir machten kehrt und verfolgten die dritte Linie in entgegengesetzter Richtung, um endlich einen Gegner zu fassen. Überall lagen fortgeworfene Waffen und Ausrüstungsstücke. Die Frage: „Wo mögen nur die Leute zu diesen vielen Gewehren sein?“ stieg immer unheimlicher in uns empor, doch hasteten wir entschlossen mit fertiger Handgranate und vorgehaltener Pistole weiter durch die öden, pulverdampfverhangenen Gräben.

Unser Weg von da an ist mir erst bei späterem Nachdenken klar geworden. Ohne es zu bemerken, bogen wir in einen dritten Laufgraben ein und näherten uns, bereits mitten im eigenen Absperrungsfeuer, der vierten Linie. Ab und zu rissen wir einen der in die Wände eingebauten Kästen auf und steckten uns zum Andenken eine Handgranate in die Tasche.

Nachdem wir einige Male durch Kreuz- und Quergräben gelaufen waren, wußte niemand mehr, wo wir uns befanden und in welcher Richtung die deutschen Stellungen lagen. Allmählich wurden alle aufgeregt. Die Nadeln der Leuchtkompasse tanzten in den fliegenden Händen, und beim Suchen des Polarsternes ließ uns in der Erregung unsere ganze Schulweisheit im Stich. Stimmengewirr in nahen Gräben verriet, daß der Gegner sich von der ersten Überraschung erholt hatte. Er mußte unsere Lage bald erraten.

Nachdem wir wieder einmal kehrt gemacht hatten, ging ich als Letzter und sah plötzlich vor mir über einer Sandsackschulterwehr die Mündung eines Maschinengewehres hin- und herpendeln. Ich sprang, über eine französische Leiche stolpernd, darauf zu und erblickte den Unteroffizier Kloppmann und den Fähnrich v. Zglinitzky, die sich mit dem Gewehre beschäftigten, während der Füsilier Haller mit blutbeschmutzten Händen einen zerfetzten Körper nach Papieren durchwühlte. Wir hantierten, ohne uns um die Umgebung zu kümmern, in fieberhafter Eile an der Waffe herum, um wenigstens eine Beute mitzubringen. Ich versuchte, die Halteschrauben zu lösen; ein anderer kniff mit der Drahtschere den Ladestreifen ab; endlich packten wir das auf einem Dreifuß stehende Ding, um es unzerlegt mitzunehmen. In diesem Augenblick ertönte aus einem Parallelgraben in der Richtung, in der wir unseren Graben vermuteten, eine Stimme: „Qu’est ce qu’il y a“ und ein schwarzer Ball flog, sich undeutlich vom dämmernden Himmel abhebend, auf uns zu. „Achtung!“ Zwischen Mevius und mir blitzte es auf; ein Splitter fuhr Mevius in die Hand. Wir stoben nach allen Seiten auseinander, uns immer tiefer in das Grabengewirre verstrickend. Bei mir befand sich nur noch der Pionier-Unteroffizier und Mevius. Unser Glück war nur die Angst der Franzosen, die sich immer noch nicht aus ihren Löchern herauswagten. Es konnte sich indes nur noch um Minuten handeln, bis wir auf eine stärkere Abteilung stoßen mußten, die uns mit Vergnügen den Garaus gemacht hätte. Pardonstimmung lag nicht in der Luft.