Eilt Euch, ihr Liebchen zu verstecken.
Auch die Verpflegung ließ viel zu wünschen übrig. Außer der dünnen Mittagssuppe gab es nur ein Drittel Brot mit einer lächerlich kleinen Beilage, die meist aus halbverdorbener Marmelade bestand. Die Hälfte davon fraß mir jedesmal eine fette Ratte auf, der ich oft vergeblich nachstellte.
Die Reserve- und Ruhekompagnie hielten sich in tief im Walde versteckten, romantisch gelegenen Blockhaus-Siedlungen auf. Besonders gefiel mir mein Quartier in der Reservestellung, dem Stumpflager, das im toten Winkel an den Hang einer engen Waldschlucht geklebt war. Ich hauste dort in einer winzig kleinen, halb in den Hang eingebauten Hütte, die dicht von Haselnußsträuchern und Kornelkirschen umfaßt war. Das Fenster bot einen Ausblick auf den gegenüberliegenden bewaldeten Bergrücken und einen schmalen bachdurchflossenen Wiesenstreifen im Grunde. Eine an der Rückwand aufgestapelte Kollektion von Flaschen aller Sorten verriet, daß hier schon mancher Einsiedler beschauliche Stunden verbracht haben mußte, und auch ich bemühte mich, des Ortes ehrwürdigen Brauch nicht zu vernachlässigen. Wenn abends die Nebel aus dem Grunde stiegen, sich mit dem schweren, weißen Qualm meines Holzfeuers mischten, und ich bei offener Türe im ersten Dämmer zwischen der frischen Herbstluft und der Wärme des Feuers hockte, schien mir nur ein Getränk dazu passend: Rotwein mit Eierkognak zur Hälfte in einem bauchigen Glase. Diese intimen Feiern trösteten mich auch über die Tatsache, daß ein vom Ersatz-Bataillon gekommener, dienstälterer Herr meine Kompagnie übernommen hatte, und ich als Zugführer wieder den langweiligen Grabendienst verrichtete. Ich suchte die endlosen Wachen nach alter Gewohnheit durch häufige Patrouillen zu umgehen.
Am 24. August wurde der tapfere Rittmeister Böckelmann durch einen Granatsplitter verwundet, der dritte Bataillons-Kommandeur, den das Regiment innerhalb kurzer Zeit verlor. — Am 29. stattete ich mit dem Unteroffizier Kloppmann, dem tüchtigsten Angehörigen der siebenten Kompagnie, der feindlichen Linie einen Besuch ab.
Wir krochen auf eine Lücke des feindlichen Hindernisses zu, die Kloppmann in der Nacht vorher geschnitten hatte. Zu unserer unangenehmen Überraschung war der Draht geflickt; trotzdem durchschnitten wir ihn wieder mit ziemlichem Geräusch und stiegen in den Graben. Wir kauerten uns hinter der nächsten Schulterwehr nieder und lauschten. Nach einer viertelstündigen Lauerpause schlichen wir weiter, einen Telephondraht verfolgend, der bei einem in die Erde gesteckten Seitengewehr endigte. Wir fanden die Stellung mehrfach durch Draht und einmal durch eine gitterförmige Tür versperrt, doch unbesetzt. Nachdem wir alles genau angesehen hatten, gingen wir denselben Weg zurück und verspannen die Lücke wieder sorgfältig, um unseren Besuch nicht zu verraten.
Am nächsten Abend spionierte Kloppmann wieder um die Stelle herum, wurde jedoch mit Gewehrschüssen und zitronenförmigen Handgranaten, den sogen. „Enteneiern“, empfangen, deren eine dicht neben seinem in den Boden gepreßten Kopf niederfiel ohne zu krepieren. Er mußte schleunigst Fersengeld geben.
Am 10. September begab ich mich vom Stumpflager zum Regiments-Gefechtsstand, um Urlaub einzureichen. „Ich habe schon an Sie gedacht,“ erwiderte mir der Oberst von Oppen, „das Regiment muß jedoch eine gewaltsame Patrouille machen, deren Führung Sie übernehmen sollen. Suchen Sie sich die geeigneten Leute aus und üben Sie mit ihnen unten im Souloeuvre-Lager.“
Wir sollten an zwei Stellen in den feindlichen Graben eindringen und versuchen, Gefangene zu machen. Die Patrouille zweigte sich in drei Teile, zwei Stoßtrupps und eine Sicherheitsbesatzung, die die erste Linie besetzen und uns den Rücken decken sollte. Ich übernahm die Führung des linken Trupps, den rechten bekam der Leutnant v. Kienitz. Die Leute setzten sich nur aus Freiwilligen zusammen; einige Überzählige weinten fast, als ich sie zurückwies. Mein Trupp bestand, mich eingerechnet, aus 14 Mann, darunter der Fähnrich v. Zglinitzky, Unteroffizier Kloppmann, Unteroffizier Mevius, Unteroffizier Dujesiefken und zwei Pioniere. Die tollsten Draufgänger des zweiten Bataillons hatten sich zusammengefunden.
Zehn Tage lang trainierten wir uns im Werfen von Handgranaten und führten unser Unternehmen an einem der Wirklichkeit nachgebildeten Sturmwerk aus. Es war ein Wunder, daß ich bei dem Übereifer meiner Leute nur drei schon vorher durch Splitter Verletzte hatte. Im übrigen taten wir keinen Dienst, so daß ich am Nachmittag des 22. Septembers als Meister einer verwilderten, aber brauchbaren Bande zur zweiten Stellung zog, in der wir für die Nacht untergebracht werden sollten.
Abends pilgerten v. Kienitz und ich durch den dunklen Wald zum Bataillons-Gefechtsstand, da wir vom Bataillons-Kommandeur, Rittmeister Schumacher, zu einer Henkersmahlzeit geladen waren. Dann legten wir uns in unserem Stollen schlafen. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, wenn man weiß, daß man am nächsten Morgen einen Kampf auf Leben und Tod zu bestehen hat und vorm Einschlafen noch eine Zeit lang in sich hineinhorcht.