Dann trat mein Kompagnieführer, der Leutnant Sandvoß ein, fragte mich, ob ich gehen könnte und verschwand, von einer Ordonnanz abberufen. Gleich darauf hörte ich seine befehlende Stimme, Maschinengewehre wurden umpostiert und begannen zu tacken.

Plötzlich stürzte von den Schuhen bis zum Stahlhelm mit Lehm beschmiert ein junger Offizier, mit dem E. K. I auf der Brust, herein. Es war mein Bruder, der unten schon am vorigen Tage totgesagt war. Wir begrüßten uns, ein wenig seltsam und gerührt lächelnd. Nach wenigen Minuten verließ er mich und brachte die letzten fünf Leute seiner Kompagnie herbei. Ich wurde auf eine Zeltbahn gelegt und unter dem Donner der Geschütze vom Schlachtfelde getragen. —

Regniéville.

Am 4. Juli 1917 stiegen wir in dem berühmten Mars-la-tour aus. Die siebente und achte Kompagnie kam in Doncourt unter, wo wir einige Tage lang ein ganz beschauliches Leben führten. Nur brachten mich die knappen Verpflegungssätze in manchen Konflikt. Es war streng verboten, in den Feldern zu furagieren, trotzdem meldeten mir fast jeden Morgen die Feldgendarmen einige Leute, die sie beim nächtlichen Kartoffelroden angetroffen hatten und deren Bestrafung ich nicht umgehen konnte.

Am 9. wurde die Kompagnie durch den Divisionskommandeur, Generalmajor von Busse, besichtigt, der uns sein Lob für gutes Verhalten im Gefecht aussprach. Am nächsten Nachmittag wurden wir verladen und fuhren bis in die Nähe von Thiaucourt. Von dort marschierten wir gleich in unsere neue Stellung, die sich auf den waldreichen Höhen der Côte Lorraine gegenüber dem zerschossenen, aus manchem Tagesbefehl bekannten Dorfe Regniéville hinzog. Am ersten Morgen besah ich meinen Abschnitt, der mir reichlich lang für eine Kompagnie vorkam und aus einem unübersichtlichen Gewirre zum Teil halbverfallener Gräben bestand. Auch die vordere Linie war an vielen Stellen durch die in dieser Stellung üblichen schweren, dreibeinigen Flügelminen eingeebnet. Mein Stollen lag um 100 Meter zurück in dem sogen. Verkehrsgraben, nahe der aus Regniéville herausführenden Straße. Zum ersten Male seit langer Zeit lagen wir wieder Franzosen gegenüber.

Die Grabenwände bestanden aus Kalkstein, einem Material, das der Witterung bedeutend mehr widerstand als der gewohnte Lehmboden. Stellenweise war der Graben sogar sorgfältig ausgemauert und die Sohle auf lange Strecken betoniert, so daß selbst die stärksten Regenmassen leicht ablaufen konnten. Der rötlich-weiße Fels wimmelte von Fossilien. Jedesmal, wenn ich den Graben durchschritt, kam ich mit Taschen voll Muscheln, Seesternen und Ammonshörnern in den Unterstand zurück.

Mein Stollen war tief und tropfig. Er hatte eine Eigenschaft, die mir wenig Freude machte, trotzdem ich sonst leidenschaftlicher Entomologe bin. Es kamen nämlich in dieser Gegend statt der üblichen Läuse die viel beweglicheren Verwandten vor. Diese beiden Arten stehen anscheinend in demselben feindschaftlichen Verhältnis zueinander wie Wander- und Hausratte. Hier half nicht einmal der gewohnte Wäschewechsel, denn die sprunggewandten Schmarotzer lauerten tückisch im Stroh der Lagerstätte. Der zur Verzweiflung getriebene Schläfer riß endlich seine Decken heraus und konnte mit Mephisto sprechen:

Ich schüttle einmal noch den alten Flaus,

Noch einer flattert hier und dort hinaus,

Hinauf, umher in hunderttausend Ecken,