Zwei Ordonnanzen führten mich zu dem sogenannten Meldekopf, der einen sehr guten Überblick bieten sollte. Wir hatten kaum den Gefechtsstand verlassen, als eine Granate bei uns einschlug. „Da bin ich schon, des Chaos vielgeliebter Sohn!“ Meine Führer wußten indes dem Feuer, das gegen Mittag in unaufhörliches Rollen überging, in dem durch zahlreiche kleine Pappelgehölze maskierten Gelände sehr geschickt auszuweichen.
Auf der Schwelle eines einsamen Gehöftes, das die Spuren frischer Einschläge aufwies, erblickten wir einen auf dem Bauch liegenden Toten. „Den hat’s a derwischt!“ äußerte der biedere Bayer. „Dicke Luft“, meinte der andere mit witterndem Umblick und schritt rasch weiter. Der Meldekopf lag jenseits der stark beschossenen Straße Paschendale—Westroosebeke und erwies sich als eine Meldesammelstelle, ähnlich der, die ich in Fresnoy geführt hatte. Er lag neben einem zum Schutthaufen zusammengeschossenen Hause und hatte so wenig Deckung, daß ihn der erste derbere Treffer vernichten mußte. Ich ließ mich von drei Offizieren, die dort ein geselliges Höhlendasein führten und über die baldige Ablösung sehr erfreut waren, über Feind, Stellung und Annäherung orientieren und ging dann über Roodkruis—Oostnieukerke nach Roulers zurück, wo ich dem Oberst Bericht erstattete.
Auf dem Wege durch die Straßen der Stadt las ich mit Vergnügen die gemütlichen Namen der zahlreichen kleinen Schenken, die so recht die flämische Behäbigkeit ausdrückten. Wer fühlt sich nicht angezogen durch ein Wirtschaftsschild, das den Titel „De Zalm“ (Salm), „De Reeper“ (Reiher), „De Nieuwe Trompette“, „De drie Koningen“ oder „Den Olifant“ führt? Klingt das nicht nach Teniers und De Coster? Schon der Empfang in der kräftigen unverwelschten Sprache mit dem traulichen Du versetzt in behagliche Stimmung. Gott gebe, daß dieses prächtige Land in seinem alten Wesen von den furchtbaren Wunden des Krieges wieder auferstehe.
Am Abend wurde die Stadt wieder mit Bomben beworfen. Ich stieg in den Keller, in dem sich die Frauen zitternd in eine Ecke gedrückt hatten und knipste meine Taschenlampe an, um das kleine Mädchen zu beruhigen, das im Dunkeln vor Angst schrie, da eine Explosion das Licht verlöscht hatte. Hier zeigte sich wieder, wie fest der Mensch mit seiner Heimat verwachsen ist. Trotz der gewaltigen Furcht, die diese Frauen vor der Gefahr hatten, klammerten sie sich fest an die Scholle, die jeden Augenblick zum Grabe werden konnte.
Am Morgen des 22. Oktober brach ich mit meinem Spähtrupp von vier Mann nach Kalve auf, wo der Regimentsstab im Laufe des Vormittags ablösen sollte. An der Front tobte ein gewaltiges Feuer, dessen Blitze dem Frühmorgennebel das Aussehen eines brodelnden, blutigroten Dampfes gaben. Am Eingange von Oostnieukerke stürzte neben uns ein Haus, von einer schweren Granate getroffen, krachend zusammen. Steintrümmer rollten über die Straße. Wir versuchten, den Ort zu umgehen, mußten aber doch hindurch, da wir die Richtung Roodkruis—Kalve nicht kannten. Im Vorbeieilen fragte ich einen bayerischen Unteroffizier, der im Eingange eines Kellers stand, nach dem Wege. Statt zu antworten, vergrub er seine Hände in die Taschen und zuckte die Achseln. Da ich infolge der dauernd einschlagenden Geschosse keine Zeit zu verlieren hatte, sprang ich auf dieses Produkt einer verfehlten militärischen Ausbildung zu und erzwang mir durch die ihm unter die Nase gehaltene Pistole Auskunft. Wenn der Mann inzwischen nicht gefallen oder desertiert ist, wird er sicher die Spartakusgruppe um ein würdiges Mitglied bereichert haben.
Bei Roodkruis, einem kleinen Gehöft an einer Straßengabel, wurde die Sache bedenklich. Protzen rasten über die beschossene Straße, Infanterietrupps schlängelten sich zu beiden Seiten durchs Gelände, und zahllose Verwundete schleppten sich von vorne zurück. Einem jungen Artilleristen, der uns begegnete, ragte ein langer, zackiger Splitter aus der Schulter. Wir bogen rechts von der Straße ab zum Regimentsgefechtsstand, der von einem starken Feuerkranze umgeben war. In der Nähe legten zwei Telephonisten Leitung über ein Kohlfeld. Unmittelbar neben dem einen schlug eine Granate ein; wir sahen ihn stürzen und hielten ihn für erledigt. Er erhob sich jedoch gleich wieder und zog seinen Draht mit anerkennenswerter Kaltblütigkeit weiter. Da der Gefechtsstand nur aus einem winzigen Betonblock bestand, der kaum für den Kommandeur mit Adjutanten und Ordonnanzoffizier Platz bot, mußte ich in der Nähe Unterkunft suchen. Ich zog mit dem Nachrichten-, Gasschutz- und Minenwerferoffizier in eine leichte Holzbaracke, die nicht gerade das Ideal einer bombensicheren Unterkunft darstellte.
Am Nachmittag ging ich in Stellung, da die Meldung eingelaufen war, daß der Feind am Morgen unsere fünfte Kompagnie angegriffen hätte. Mein Weg führte über den Meldekopf zum Nordhof, einem zur Unkenntlichkeit zerschossenen Gehöft, unter dessen Trümmern der Kommandeur des Bereitschaftsbataillons hauste. Von dort lief ein allerdings nur noch angedeuteter Pfad zum Kampftruppen-Kommandeur. Durch die starken Regenfälle der letzten Tage war das unübersehbare Trichterfeld in ein Meer von Schlamm verwandelt, das besonders im Paddebachgrunde eine lebensgefährliche Tiefe aufwies. Auf meinen Irrfahrten kam ich an manchem einsam oder vergessen liegenden Toten vorbei; oft ragte nur noch der Kopf oder eine Hand über den schmutzigen Spiegel der Trichter. Tausende schlummern so, ohne daß ein von Freundeshand errichtetes Kreuz die unbekannte Grabstätte schmückt.
Nach dem äußerst anstrengenden Überschreiten des Paddebaches, das nur durch einige von Granaten darübergeschleuderte Pappeln ermöglicht wurde, entdeckte ich in einem Riesentrichter den Führer der fünften Kompagnie, Leutnant Heins, inmitten eines Häufleins von Getreuen. Die Trichterstellung lag an einem Hange und konnte, da sie nicht völlig versoffen war, von anspruchslosen Frontsoldaten als bewohnbar bezeichnet werden. Heins erzählte mir, daß am Morgen eine englische Schützenlinie erschienen und auf Beschießung verschwunden wäre. Diese hatte wiederum einige verirrte 164er, die bei ihrer Annäherung fortgelaufen waren, erschossen. Sonst war alles in Ordnung; ich begab mich daher zum Gefechtsstand zurück, wo ich dem Oberst Bericht erstattete.
Am Tage darauf wurde unser Mittagessen in gröbster Weise durch einige uns vor die Tür gesetzte Granaten unterbrochen, deren Dreckfontänen in langsamem Wirbel auf unser Teerpappdach trommelten. Alles stürzte aus der Tür; ich flüchtete in ein nahes Gehöft, in das ich des Regens wegen hineinging. Am Abend wiederholte sich der Vorgang, nur blieb ich diesmal vor dem Hause stehen, da es trockenes Wetter war. Die nächste Granate schlug mitten in das zusammenbrechende Gebäude. So spielt der Zufall im Kriege. Mehr als anderswo gilt hier: „Kleine Ursachen, große Wirkungen.“ Sekunden und Millimeter entscheiden.
Am 25. wurden wir schon um 8 Uhr aus den Baracken getrieben, von denen die uns gegenüberliegende beim zweiten Schuß einen Volltreffer erhielt. Durch die Erfahrungen des vorigen Tages gewitzigt, suchte ich mir in dem großen Kohlfelde hinter dem Regimentsgefechtsstand einen einsamen, vertrauenerweckenden Granattrichter aus, von dem ich mich jedesmal erst nach einer angemessenen Sicherheitspause wieder trennte. Während dieses Tages bekam ich die mir sehr nahegehende Nachricht vom Tode des Leutnants Brecht, der als Spähoffizier der Division in dem Trichterfeld rechts vom Nordhof den Heldentod gefunden hatte. Ich hatte Brecht stets als Vorbild und lebenden Beweis des Spruches: „Fortes fortuna adjuvat“ bewundert. Er war einer der wenigen, die infolge ihres unermüdlichen Draufgängertums sogar in diesem prosaischsten aller Kriege von einem romantischen Nimbus umgeben waren.