Die Morgenstunden des 26. wurden durch ein Trommelfeuer von außergewöhnlicher Heftigkeit ausgefüllt. Auch unsere Artillerie verdoppelte auf die von vorn hochsteigenden Sperrfeuersignale hin ihre Wut. Jedes kleine Waldstück und jede Hecke war mit Geschützen gespickt, hinter denen halbtaube Kanoniere ihres Amtes walteten.

Da zurückkommende Verwundete unklare und übertriebene Angaben über einen englischen Angriff machten, wurde ich mit meinen vier Mann um 11 Uhr nach vorn geschickt, um dort Genaueres zu erkunden. Unser Weg führte durch scharfes Feuer. Zahlreiche Verwundete begegneten uns, darunter Leutnant Spitz, Führer der zwölften Kompagnie, mit einem Kinnschuß. Schon vor K. T. K. kamen wir in gezieltes Maschinengewehrfeuer, ein Beweis, daß der Feind unsere Linien eingedrückt haben mußte. Dieser Verdacht wurde mir durch den Major Dietlein, Führer des III. Bataillons bestätigt. Ich fand den alten Herrn gerade beschäftigt, aus dem Eingange seines dreiviertel unter Wasser stehenden Betonklotzes zu kriechen, eifrig nach seiner in den Schlamm gefallenen Meerschaumspitze fischend. Wenn doch jeder Deutsche sich ohne Rücksicht auf Alter und Gesundheit so eingesetzt hätte.

Der Feind war in die vordere Linie eingedrungen und hatte einen Höhenrücken genommen, von dem er den wichtigen Paddebachgrund, in dem der K. T. K. lag, unter Feuer nehmen konnte. Nachdem ich diese Veränderung der Lage mit einigen Blaustiftstrichen in meine Karte eingetragen hatte, setzte ich mit meinen Leuten zu neuem Dauerlauf durch den Schlamm an. Wir sprangen im schnellsten Tempo über die eingesehene Fläche bis hinter die nächste Bodenwelle, von dort langsamer zum Nordhof. Rechts und links schlugen Granaten in den Sumpf und schleuderten riesige, von unzähligen kleineren umgebene Schlammberge in die Höhe. Der Nordhof lag unter nervenerschütterndem Brisanzfeuer und mußte sprungweise überwunden werden. Ein Schrapnell warf seine Kugelladung mit vielfachem Klatschen zwischen uns. Einer meiner Begleiter wurde am hinteren Stahlhelmrand getroffen und zu Boden geschleudert. Nachdem er eine Zeitlang betäubt gelegen hatte, raffte er sich hoch und lief weiter. Das Gelände um den Nordhof war von einer Menge furchtbar zugerichteter Leichen bedeckt. Nachdem wir noch glücklich den stark beschossenen Grund hinter der Straße Paschendale—Westroosebeke durchschritten hatten, konnte ich dem Regiments-Kommandeur Meldung erstatten.

Am nächsten Morgen wurde ich schon um 6 Uhr mit dem Auftrage, festzustellen, ob und wo das Regiment Anschluß hätte, nach vorn geschickt. Unterwegs traf ich den Feldwebel-Leutnant Ferchland, der der achten Kompagnie den Befehl überbringen mußte, auf Goudberg vorzugehen und, falls eine bestehen sollte, die Lücke zwischen uns und dem linken Nachbar-Regiment auszufüllen. Um meinen Auftrag so schnell wie möglich auszuführen, konnte ich nichts besseres tun, als mich anzuschließen. Wir fanden nach längerem Suchen den mir befreundeten Führer der achten Kompagnie, Leutnant Tebbe, in einem unwirtlichen Teile der Trichterlandschaft nahe dem Meldekopf. Er zeigte sich über den Auftrag, eine derartig auffällige Bewegung bei hellem Tage auszuführen, wenig erfreut. Wir steckten uns während unserer kargen, durch die unsägliche Nüchternheit des morgenbeschienenen Trichterfeldes bedrückten Konversation eine Zigarre an und warteten, bis sich die Kompagnie gesammelt hatte. Schon nach wenigen Schritten erhielten wir von den gegenüberliegenden Höhen gezieltes Infanteriefeuer und mußten einzeln von Trichter zu Trichter vorspringen. Beim Überschreiten des nächsten Hanges konzentrierte sich das Feuer so, daß Tebbe eine Trichterstellung beziehen ließ, um den Schutz der Nacht abzuwarten. Er ging, eine Zigarre rauchend, mit großer Kaltblütigkeit den ganzen Abschnitt ab, um seine Gruppen einzuteilen.

Ich beschloß, weiter vorzugehen, um die Größe der Lücke festzustellen und ruhte mich noch einen Augenblick in Tebbes Trichter aus. Schon begann die feindliche Artillerie zur Strafe für das kühne Vorgehen der Kompagnie sich auf den Geländestreifen einzuschießen. Ein auf den Rand unseres Zufluchtsortes wuchtendes Sprengstück, das Karte und Augen voll Lehm spritzte, mahnte mich zum Aufbruch. Ich verabschiedete mich von Tebbe und wünschte ihm viel Glück für die nächsten Stunden. Er rief hinter mir her: „Lieber Gott, laß Abend werden, Morgen wird’s von selber!“

Wir schritten vorsichtig durch den eingesehenen Paddebachgrund, uns hinter den Laubmassen umgeschossener Pappeln verbergend und ihre Stämme als Brücke benutzend. Ab und zu verschwand einer bis über die Hüften im Schlamm und wäre ohne die helfend hingestreckten Gewehrkolben der Kameraden unfehlbar ertrunken. Ich wählte als Marschrichtungspunkt eine Gruppe von Leuten, die einen Betonblock umstanden. Vor uns bewegte sich eine von vier Sanitätern geschleppte Bahre in derselben Richtung. Durch die Beobachtung, daß ein Verwundeter nach vorn geschleppt wurde, stutzig gemacht, sah ich durchs Glas und erblickte eine Reihe von khakifarbenen Gestalten mit flachen Stahlhelmen. In diesem Augenblick knallten auch schon die ersten Schüsse. Da Deckungnehmen unmöglich war, rannten wir zurück, während die Geschosse rings um uns in den Schlamm spritzten. Die Hetze durch den Morast war wahnsinnig anstrengend; doch als wir, völlig ausgepumpt, uns eine Weile den Engländern als Zielscheibe hinstellten, verlieh uns eine Gruppe Brisanz-Granaten wieder die alte Frische. Sie hatte immerhin das Gute, uns durch ihren Qualm der feindlichen Sicht zu entziehen. Das unangenehmste bei diesem Lauf war das Bewußtsein, durch eine Verwundung unfehlbar zur Moorleiche verwandelt zu werden. Blutige Rinnsale aus einzelnen Trichtern verrieten, daß hier schon mancher verschwunden war.

Zu Tode erschöpft, erreichten wir den Regiments-Gefechtsstand, wo ich meine Skizzen abgab und Bericht über die Lage erstattete.

Am 28. Oktober wurden wir wieder durch das bayerische Reserve-Regiment 10 abgelöst und, zu stetem Eingreifen bereit, in den Dörfern hinter der Front untergebracht. Der Stab zog nach Most.

Am Abend saßen wir schon wieder äußerst vergnügt im Zimmer einer verlassenen Schenke beim Wein und feierten die Beförderung und Verlobung des Leutnants Zürn, der gerade vom Urlaub zurückgekommen war. Zur Strafe für diesen Leichtsinn wurden wir am folgenden Morgen durch ein Riesentrommelfeuer geweckt, das trotz der Entfernung noch meine Fensterscheiben sprengte. Gleich darauf wurde alarmiert. Es ging das Gerücht, daß der Gegner bei der immer noch bestehenden Lücke links der Regimentsstellung eingedrungen wäre. Ich verbrachte den Tag, auf Befehle wartend, beim Beobachtungsstande des A. O. K., dessen Umgebung unter schwachem Streufeuer lag. Eine leichte Granate fuhr durch das Fenster eines Häuschens, aus dem drei ziegelmehlbestäubte verwundete Artilleristen hervorstürzten. Drei andere lagen als Leichen unter den Trümmern.

Am Morgen darauf bekam ich von dem bayerischen Kommandeur folgenden Gefechtsauftrag: „Durch abermaligen Vorstoß des Gegners ist die Stellung des linken Nachbarregiments noch mehr zurückgedrängt und die Lücke zwischen beiden Regimentern sehr vergrößert. Da Gefahr bestand, daß die Stellung des Regiments von links umgangen wurde, trat gestern abend das I. Bataillon des Füsilier-Regiments Nr. 73 zum Gegenstoß an, wurde aber anscheinend vom Sperrfeuer zerfledert und kam nicht an den Feind. Heute morgen wurde das II. Bataillon gegen die Lücke vorgeschickt. Nachricht ist bislang nicht eingetroffen. Es ist die Stellung des I. und II. Bataillons zu erkunden.“