Ich machte mich auf den Weg und begegnete schon beim Nordhof dem Hauptmann von Brixen, Kommandeur des II. Bataillons, der die Aufstellungsskizze bereits in der Tasche hatte. Ich zeichnete sie ab und hatte meinen Auftrag damit eigentlich erledigt, begab mich jedoch noch zum Betonblock des K. T. K. um einen persönlichen Überblick zu gewinnen. Auf dem Wege lag eine Menge frischer Leichen, deren blasse Gesichter aus wassergefüllten Trichtern starrten oder bereits so von Schlamm überzogen waren, daß man die menschliche Gestalt kaum erkennen konnte. Leider leuchtete von den Ärmeln der meisten das blaue Gibraltarband. Kampftruppen-Kommandeur war der bayerische Hauptmann Rademeyer. Dieser äußerst energische Offizier teilte mir ausführlich mit, was mir der Hauptmann von Brixen bereits hastig erzählt hatte. Unser II. Bataillon hatte große Verluste erlitten, u. a. waren der Bataillons-Adjutant und der Führer der braven siebenten Kompagnie gefallen. Das Schicksal des Adjutanten, Leutnants Lemière, war besonders tragisch, da sein Bruder erst im April dieses Jahres bei Fresnoy als Führer der achten Kompagnie den Tod gefunden hatte. Die beiden Brüder waren Liechtensteinsche Staatsangehörige, trotzdem aus Begeisterung für die deutsche Sache in die Armee eingetreten. Es ist nicht gut, zwei Söhne im selben Regiment in den Krieg zu schicken. Wir hatten im Offizierkorps vier Brüderpaare. Von diesen acht jungen Leuten fielen fünf, und zwei, darunter mein Bruder, brachten schwere Schäden mit nach Hause. Ich bin der einzige, der einigermaßen heil herausgekommen ist. Dies kleine Beispiel illustriert die Verluste des Füsilier-Regiments.
Der Hauptmann zeigte auf einen Betonblock 200 Meter vor dem unsrigen, der gestern besonders heldenhaft verteidigt war. Kurz nach dem Angriff sah der Kommandant der kleinen Feste, ein Feldwebel, einen Engländer, der drei Deutsche abtransportierte. Er schoß den Engländer heraus und verstärkte mit den drei Leuten seine Besatzung. Helden schien er dem Vaterlande freilich nicht erhalten zu haben. Als sie ihre Munition verschossen hatten, setzten sie einen gut verbundenen Engländer als friedliches Aushängeschild vor die Tür, konnten sich jedoch nach Einbruch der Dunkelheit noch unbemerkt zurückziehen.
Ein anderer Betonklotz, den ein Leutnant kommandierte, wurde durch einen englischen Offizier zur Ergebung aufgefordert; statt einer Antwort sprang der Deutsche heraus, packte den Engländer und zog ihn vor den Augen seiner verdutzten Leute hinein.
An diesem Tage sah ich das einzige Mal im Kriege kleine Trupps von Krankenträgern mit erhobenen Roten-Kreuzflaggen sich offen in der Zone des Infanteriefeuers bewegen, ohne daß ein Schuß gegen sie fiel. Solche Bilder zeigten sich dem Frontkämpfer in diesem unterirdischen Kriege nur, wenn die Not bis zur Unerträglichkeit gestiegen war. Trotzdem erfuhr ich später, daß verborgene englische Schützen einige unserer Krankenträger niedergeschossen hatten.
Viele Leser werden diese Tat für den Gipfel der Vertierung halten, und doch kann ich mir erklären, daß schwache Naturen dem atavistischen Triebe, zu vernichten, erliegen, der den einödgewohnten Grabenkämpfer packt, wenn drüben Menschen erscheinen. Ich habe ihn selbst nur zu oft empfunden.
Mein Rückweg wurde durch unangenehmes, nach faulen Äpfeln riechendes Reizgas englischer Granaten, das sich im Boden festgesogen hatte und die Augen tränen machte, erschwert. Gleich darauf sollte ich einen schmerzlicheren Grund zum Vergießen von Tränen bekommen. Nachdem ich im Gefechtsstande meine Meldung erstattet hatte, begegnete ich kurz vorm Verbandsplatze Kalve den Bahren zweier befreundeter, schwer verwundeter Offiziere. Der eine war Leutnant Zürn, den wir zwei Abende zuvor in fröhlichem Kreise gefeiert hatten. Jetzt lag er, halb entkleidet, mit jener wachsgelben Gesichtsfarbe, die ein sicheres Vorzeichen des Todes ist, auf einer losgerissenen Tür und sah mich mit stieren Augen an, als ich herantrat, um ihm die Hand zu drücken. Dem anderen, Leutnant Haverkamp, waren Arm- und Beinknochen durch Granatsplitter so zerschmettert, daß eine Amputation sehr wahrscheinlich war. Er lag totenblaß mit in Fatalismus versteinerten Zügen auf seiner Bahre und rauchte eine Zigarette.
Wir hatten in diesen Tagen wieder erschreckende Verluste an jungen Offizieren aufzuweisen. Jedesmal, wenn ich heute das abfällige Urteil der Masse über den Kriegsleutnant höre, muß ich an diese Männer denken, die den alten Preußengeist von Pflicht und Ehre, den Geist von Kolin, hinaustrugen in Blut und Schlamm, aufrecht bis zum bitteren Ende.
Am 3. November wurden wir in dem uns von den ersten Flanderntagen her wohlbekannten Bahnhof Gits verladen. Wir konstatierten, daß die beiden Fläminnen nicht mehr die alte Frische zeigten. Auch sie schienen inzwischen manchen Groß-Kampftag erlebt zu haben.
Wir kamen für einige Tage nach Tourcoing, einer ansehnlichen Schwesterstadt von Lille, in Ruhe. Das erste und letzte Mal im Kriege schlief hier jeder Mann der siebenten Kompagnie in einem Federbett. Ich bewohnte ein prachtvoll eingerichtetes Zimmer im Hause eines Industriebarons in der Rue de Lille. Mit unsäglichem Behagen genoß ich den ersten Abend in einem Klubsessel vorm Feuer des unvermeidlichen Marmorkamins.
Die wenigen Tage wurden von allen benutzt, sich des hart errungenen Daseins zu freuen. Noch konnte man es kaum fassen, daß man dem Tode entronnen war. Man fühlte den Zwang, sich des Lebens zu vergewissern, es in all’ seinen Formen zu genießen.