Die Tage verbrachte ich, wenn ich nicht bei dem im Bau befindlichen Postengraben zu tun hatte, in dem eisigkalten Stollen, las ein Buch und trommelte mit den Füßen zur Erwärmung gegen die Stollenrahmen. Demselben Zweck diente auch die in einer Nische des Kalkfelsens verborgene Flasche, der von meinen Ordonnanzen und mir stark zugesprochen wurde.
Hätten wir indes aus der Kiesgrube den Dampf eines Feuerchens zum trüben Dezemberhimmel emporsteigen lassen, so wäre der Platz gänzlich unbewohnbar geworden, da der Feind bislang die Zuckerfabrik für den Sitz der Befehlsstelle zu halten schien und demgemäß bedachte. So kam erst zur Stunde der Dämmerung Leben in unsere erstarrten Glieder. Der kleine Ofen wurde in Brand gesetzt und verbreitete neben dichtem Qualm auch eine behagliche Wärme. Bald klapperten auf der Stollentreppe die Kochgeschirre der aus Vis zurückkehrenden Essenholer, die bereits sehnsüchtig erwartet wurden. Wenn dann die ewige Folge von Steckrüben, Graupen und Dörrgemüse durch Bohnen oder Nudeln unterbrochen wurde, ließ die Stimmung nichts mehr zu wünschen übrig. Ich freute mich manchmal, an meinem kleinen Tische sitzend, über die urwüchsige Unterhaltung der Leute, die, in Tabakswolken gehüllt, um den Ofen hockten, von dem ein Kochgeschirr voll Grog kräftige Gerüche ausströmte. Krieg und Frieden, Kampf und Heimat, Ruheort und Urlaub wurden in trockener niedersächsischer Art besprochen, auch die Erotik spielte eine Hauptrolle.
Am 17. Dezember trat ich meinen Urlaub an, von dem ich am 2. Januar zurückkehrte.
Am 19. Januar wurden wir um 4 Uhr morgens abgelöst und marschierten durch dichtes Schneegestöber nach Gouy, wo wir längere Zeit bleiben sollten, um uns für die Aufgaben der großen Offensive zu schulen. Die wunderbar klaren Ausbildungsbefehle Ludendorffs, die bis zu den Kompagnieführern verteilt wurden, stellten den Angriff für die nächste Zeit in Aussicht.
Wir übten die fast vergessenen Formen des Schützengefechts und Bewegungskrieges, auch wurde eifrig mit Gewehr und Maschinengewehr geschossen. Da alle Dörfer hinter der Front bis zur letzten Dachkammer belegt waren, wurde jede Böschung als Scheibenstand benutzt, so daß die Geschosse manchmal wie bei einem Gefecht über das Gelände flirrten. Ein Richtschütze meiner Kompagnie schoß mit seinem leichten Maschinengewehr den Kommandeur eines fremden Regiments mitten in einer Kritik aus dem Sattel. Zum Glück war die Verwundung eine leichte und unsere Täterschaft nicht klar erweislich.
Einige Male unternahm ich mit der Kompagnie Übungsangriffe mit scharfen Handgranaten auf verwickelte Grabensysteme, um die Erfahrungen der Cambraischlacht auszuwerten. Auch dabei gab es Verwundete. Wo Holz gehauen wird, fallen Späne.
Am 24. Januar verabschiedete sich unser von allen verehrter Oberst v. Oppen, um im fernen Südosten eine Brigade zu übernehmen. Das Scheiden dieses hervorragenden, während der langen Jahre des Krieges fest mit seiner Truppe verwachsenen Führers war dem ganzen Regiment ein schmerzlicher Verlust. Neben einer warmen Teilnahme am Geschick seiner Untergebenen besaß er die bei im eintönigen Friedensdienst alt gewordenen Offizieren nicht häufige Eigenschaft, sich den gewaltigen Neuerungen des Krieges mit Leichtigkeit anpassen zu können. Ein solcher Mann kann im Kriege Unermeßliches leisten. Leider gingen seine Abschiedsworte: „Auf Wiedersehen in Hannover!“ nicht in Erfüllung. Unser lieber Oberst hat weder die Heimat noch sein stolzes Regiment wiedergesehen. Er ruht in fremder Erde, fern von der Heimat, von tückischer Seuche dahingerafft.
Am 6. Februar siedelten wir wieder nach Lécluse über und wurden am 22. für vier Tage im Trichterfelde links der Straße Dury—Hendecourt untergebracht, um nachts in vorderer Linie zu schanzen. Bei der Besichtigung der Stellung, die dem Trümmerhaufen des ehemaligen Dorfes Bullecourt gegenüberlag, wurde mir klar, daß ein Teil des gewaltigen Angriffs, von dem an der ganzen Westfront erwartungsvoll geraunt wurde, an dieser Stelle stattfinden mußte.
Überall wurde mit fieberhafter Hast gebaut, Stollen getrieben und neue Wege angelegt. Das Trichterfeld wimmelte von mitten im Gelände stehenden Schildchen, auf denen unverständliche Ziffern standen, die anscheinend die Plätze für Batterien und Befehlsstellen bezeichneten. Dauernd flogen unsere Flugzeuge Sperre, um den feindlichen den Einblick zu verwehren. Eine interessante Neuerscheinung an der Front war, daß jeden Mittag punkt 12 Uhr von den Fesselballons ein schwarzer Ball heruntergelassen wurde, der um 12.10 Uhr verschwand. Es geschah dies, um die Truppe mit genauer Uhrzeit zu versorgen.
Gegen Ende des Monats marschierten wir wieder nach Gouy in unsere alten Quartiere. Nach mehreren Übungen im Bataillons- und Regimentsverbande exerzierten wir zweimal an einer großen tracierten Stellung einen Durchbruch der ganzen Division. Anschließend hielt der Divisionskommandeur eine Ansprache an seine Offiziere, bei der jedem klar wurde, daß der Sturm in den nächsten Tagen losbrechen sollte. Der eherne Geist des Angriffs, der Geist der preußischen Infanterie, schwebte über den Massen, die sich hier auf nordfranzösischem Felde beim Frühlingserwachen zur Kampfprobe versammelt hatten.