Nach kurzer Atempause sprangen wir mit wenigen Leuten aus unserem Grabenstück auf den Feind zu. Es ging um Leben und Tod. Nach ein paar Sprüngen lag ich mit einem Begleitmann allein dem linken Maschinengewehrnest gegenüber. Deutlich sah ich hinter einem kleinen Erdaufwurf einen flach behelmten Kopf neben einer emporsteigenden feinen Wasserdampfsäule. Ich näherte mich durch ganz kurze Sprünge, um keine Zeit zum Zielen zu geben. Jedesmal, wenn ich lag, schleuderte mir der Mann einen Rahmen Patronen zu, mit denen ich eine Reihe wohlgezielter Schüsse abgab. „Patronen, Patronen!“ Ich wandte mich um und sah ihn zuckend auf der Seite liegen. — —

Wenn ich heute an diesen blinden Anlauf über freies Feld gegen eine gespickte Stellung zurückdenke, muß ich gestehen, daß wir von einer ganz unwahrscheinlichen Verwegenheit besessen waren. Und doch, wo wäre der Erfolg im Kriege, wenn nicht der Rausch zur Tat einzelne packte und vorwärtswürfe in unwiderstehlichem Schwung? Manchmal schien es mir, als ob selbst der Tod sich scheute, ihnen in den Weg zu treten. — — —

Von links, wo der Widerstand nicht so stark war, erschienen einige Leute, welche die Verteidiger fast mit Handgranaten erreichen konnten. Ich setzte zum letzten Sprunge an und stolperte über ein Drahtverhau in das Grabenstück. Die Engländer rannten, von allen Seiten beschossen, zum rechten Maschinengewehrnest hinüber, ihre Waffe zurücklassend. Das Maschinengewehr war halb unter einem riesigen Haufen abgeschossener Hülsen verborgen. Es war noch glühendheiß und dampfte. Davor lag ein athletischer Leichnam, dem ein Kopfschuß, der auf meine Rechnung kam, ein Auge herausgetrieben hatte. Der Riesenkerl mit dem großen weißen Augapfel vorm Schädel sah schaurig aus. Da ich vor Durst fast verschmachtete, hielt ich mich nicht weiter auf, sondern suchte nach Wasser. Ein Stolleneingang zog mich an. Ich blickte hinein und sah unten einen Mann sitzen, der Munitionsgurte über seine Knie zog und ordnete. Anstatt ihn sofort zu erledigen, wie es die Vorsicht gebot, rief ich ihm zuvor zu: „Come here, hands up!“ Er sprang hoch, starrte mich entgeistert an und verschwand im Dunkel des Stollens. Wahrscheinlich ist er der Handgranate zum Opfer gefallen, die ich ihm nachschleuderte.

Endlich entdeckte ich einen Blechkasten voll Kühlwasser. Ich stürzte die ölige Flüssigkeit in langen Zügen hinunter, füllte mir eine englische Feldflasche und gab auch den anderen Leuten zu trinken, die plötzlich das Grabenstück füllten.

Währenddessen leistete das rechte Maschinengewehrnest und der 60 Meter vor uns liegende Hohlweg noch immer erbitterten Widerstand. Wir versuchten, das englische Maschinenegewehr darauf einzurichten, hatten aber keinen Erfolg damit, vielmehr sauste mir bei diesem Bemühen ein Geschoß am Kopfe vorbei, streifte einen hinter mir stehenden Jägerleutnant und verwundete einen Mann sehr bedenklich am Oberschenkel. Mit mehr Glück brachte die Bedienung eines leichten Maschinengewehrs ihre Waffe am Rande unseres kleinen Grabenhalbmondes in Stellung und jagte den Engländern eine Reihe von Geschossen in die Flanke.

Diesen Moment der Überraschung benutzten die Stürmer rechts und liefen frontal auf den Hohlweg los, voran unsere noch ganz intakte neunte Kompagnie unter Führung den Leutnants Gipkens. Aus allen Trichtern erhoben sich nun gewehrschwingende Gestalten und rannten mit rollenden Augen und schäumendem Munde unter furchtbarem Hurragebrüll gegen die feindliche Stellung an, aus der die Verteidiger zu Hunderten mit hochgehobenen Händen hervorkamen.

Pardon wurde nicht gegeben. Die Engländer eilten mit hochgereckten Armen durch die erste Sturmwelle nach hinten, wo die Kampfeswut noch nicht zu solcher Siedehitze gestiegen war. Eine Ordonnanz von Gipkens legte mit seiner 32schüssigen Repetierpistole wohl ein Dutzend von ihnen um.

Ich kann unseren Leuten dies blutdürstige Gebaren nicht verübeln. Einen Wehrlosen umzubringen, ist eine Gemeinheit. Mir war im Kriege niemand widerlicher, als die Stammtischhelden, die mit fettigem Lachen die bekannte Geschichte von den Bayern und dem Gefangenentransport erzählten: „Haben Sie schon gehört, die Sache von dem Schlaganfall? Köstlich!“

Andererseits muß ein Verteidiger, der dem Angreifer bis auf fünf Schritt seine Geschosse durch den Leib jagt, die Konsequenzen tragen. Der Kämpfer, dem während des Anlaufs ein blutiger Schleier vor den Augen wallte, kann seine Gefühle nicht mehr umstellen. Er will nicht gefangennehmen; er will töten. Er hat jedes Ziel aus den Augen verloren und steht im Banne gewaltiger Urtriebe. Erst, wenn Blut geflossen ist, weichen die Nebel aus seinem Hirn; er sieht sich um wie aus schwerem Traum erwachend. Erst dann ist er wieder moderner Soldat, imstande, eine neue taktische Aufgabe zu lösen.

In diesem Zustande befanden wir uns nach der Eroberung der Hohlweges. Eine Menge Leute waren zusammengekommen und standen, durcheinanderschreiend, auf einem Klumpen. Offiziere zeigten ihnen die Verlängerung der Mulde, und der gewaltige Kampfhaufen setzte sich mit erstaunlicher Gleichgültigkeit, schwerfällig in Bewegung.