Die Mulde lief in eine Höhe aus, auf der feindliche Kolonnen auftauchten. Wir gingen, ab und zu stehenbleibend und schießend, vor, bis wir durch heftiges Feuer aufgehalten wurden. Es war ein äußerst peinliches Gefühl, die Kugeln neben dem Kopf in den Boden knallen zu hören. Kius, der wieder herangekommen war, hob ein abgeplattetes Geschoß auf, das einen halben Meter vor seiner Nase liegen geblieben war. Wir benutzten eine kleine Pause, um einen der hier bereits selten gewordenen Trichter zu erreichen. Dort fanden sich eine Menge von Offizieren unseres Bataillons zusammen, das jetzt von dem Leutnant Lindenberg geführt wurde, da leider auch der Freiherr von Solemacher eine tödliche Verwundung erhalten hatte. Am rechten Hange der Schlucht spazierte zur allgemeinen Heiterkeit der von den 10. Jägern zu uns kommandierte Leutnant Breyer, den Spazierstock in der Hand und eine lange grüne Jägerpfeife im Munde, mit umgehängter Flinte durch das Maschinengewehrfeuer, als ob es zur Hasenjagd ginge.
Wir erzählten uns in kurzen Worten unsere bisherigen Abenteuer und boten uns Feldflasche und Schokolade an, dann ging es „auf allgemeinen Wunsch“ wieder vor. Die Maschinengewehre, anscheinend in der Flanke bedroht, waren verschwunden. Wir mochten bislang drei bis vier Kilometer gewonnen haben. Die Mulde wimmelte von Angriffstruppen. Soweit das Auge nach hinten blicken konnte, rückten Truppen in Schützenlinie, Reihe und Gruppenkolonne heran. Wir waren leider viel zu dicht, wieviele wir liegen ließen, wurde uns zum Glück im Sturm nicht klar.
Ohne Widerstand zu finden, erreichten wir die Höhe. Rechts von uns sprangen einige khakifarbige Gestalten aus einem Grabenstück, hinter denen wir stehend freihändig herknallten. Die meisten wurden umgelegt. Die Höhe war durch eine Reihe von Unterständen befestigt. Teils zeigten aufquellende Dampfwolken, daß mit Handgranaten kurzer Prozeß gemacht wurde, teils kamen die Insassen mit hochgehobenen Armen und schlotternden Knien heraus. Es wurden ihnen Feldflasche und Zigaretten abgenommen und die Richtung nach hinten gezeigt, in der sie mit großer Geschwindigkeit enteilten. Ein junger Engländer hatte sich mir bereits ergeben, als er sich plötzlich umdrehte und wieder in seinem Unterstand verschwand. Da er trotz meiner Aufforderung, herauszukommen, sich unten versteckt hielt, machten wir seinem Zögern mit einigen Handgranaten ein Ende und gingen weiter. Ein schmaler Fußpfad verschwand jenseits der Höhe. Ein Wegweiser besagte, daß er nach Vraucourt führte. Während sich die anderen noch bei den Unterständen aufhielten, überschritt ich mit dem Leutnant Heins die Höhe.
Jenseits dem Grunde lagen die Ruinen des Dorfes Vraucourt. Davor blitzten die Abschüsse einer feuernden Batterie auf, deren Bedienung bei dem Erscheinen der ersten Sturmwelle ins Dorf flüchtete. Auch die Besatzung einer Reihe in einen Hohlweg eingebauter Unterstände stürzte heraus und entfloh. Ich schoß einen davon in dem Augenblick, als er aus dem Eingange des ersten sprang, nieder.
Mit zwei Leuten meiner Kompagnie, die sich inzwischen bei mir gemeldet hatten, ging ich in dem Hohlweg vor. Rechts davon lag eine besetzte Stellung, aus der wir starkes Feuer erhielten. Wir zogen uns in den ersten Unterstand zurück, über dem sich bald die Geschosse beider Parteien kreuzten. Davor lag mein Engländer, ein blutjunges Kerlchen, den mein Schuß quer durch den Schädel getroffen hatte. Ein merkwürdiges Gefühl, einem Menschen ins Auge zu sehen, den man selbst getötet.
Wir ließen uns durch das zunehmende Feuer nicht stören, sondern richteten uns in dem Unterstande ein und räumten unter den zurückgelassenen Lebensmitteln auf, da unser Magen uns daran erinnerte, daß wir während des ganzen Angriffs noch nichts genossen hatten. Wir fanden Schinken, Weißbrot, Marmelade und einen Steinkrug voll Ingwer-Likör. Nachdem ich mich gestärkt hatte, setzte ich mich auf eine leere Biskuitdose und las einige englische Zeitschriften, die von recht geschmacklosen Ausfällen gegen „the Huns“ wimmelten. Allmählich wurde uns die Lage doch zu langweilig, und wir kehrten in Sprüngen zum Anfange des Hohlweges zurück, wo sich eine Menge von Leuten angesammelt hatte. . . Von dort sahen wir schon ein Bataillon 164er links neben Vraucourt. Wir beschlossen, das Dorf zu stürmen, und eilten wieder durch den Hohlweg vor. Kurz vor dem Dorfrande setzte uns die eigene Artillerie, die stumpfsinnig bis zum Morgen auf denselben Fleck weiterschoß, ein Ziel. Eine schwere Granate schlug mitten auf dem Wege ein und zerriß vier Leute. Die anderen liefen zurück.
Wie ich später erfuhr, hatte die Artillerie Befehl, mit höchster Entfernung weiterzuschießen. Diese unverständliche Anordnung riß uns die schönsten Früchte des Sieges aus der Hand. Zähneknirschend mußten wir vor der Feuerwand Halt machen.
Um eine Lücke des Feuers zu suchen, wandten wir uns weiter nach rechts, wo gerade ein Kompagnieführer des Infanterie-Rgts. 76 zum Sturm auf die Vraucourt-Stellung ansetzte. Wir beteiligten uns mit Hurra, aber kaum waren wir eingedrungen, als uns die eigene Artillerie wieder herausschoß. Dreimal stürmten wir und dreimal mußten wir wieder zurück. Fluchend besetzten wir einige Trichter, in denen uns ein durch die Granaten verursachter Wiesenbrand, bei dem viele Verwundete umkamen, außerordentlich lästig wurde. Auch töteten englische Gewehrgeschosse einige Leute.
Langsam brach die Dämmerung herein. Stellenweise lohte das Gewehrfeuer noch einmal gewaltig auf, um allmählich zu erlöschen. Die erschöpften Kämpfer suchten sich einen Ort, wo sie die Nacht verbringen konnten. Offiziere schrieen ununterbrochen ihren Namen, um die zersplitterten Kompagnien zu sammeln.
Zwölf Mann der siebenten Kompagnie hatten sich während der letzten Stunde um mich geschart; da es kalt zu werden begann, führte ich sie zu dem kleinen Unterstande, vor dem mein Engländer lag und schickte sie aus, um Decken und Mäntel von Gefallenen zu suchen. Als ich alle untergebracht hatte, gab ich meiner Neugier nach, die mich in die vor uns liegende Artilleriemulde trieb. Ich nahm den Füsilier Haller mit, dem ich den größten Sportsgeist zutraute. Wir schritten mit schußbereitem Gewehr gegen die Mulde vor, auf der noch immer unser Artilleriefeuer wuchtete und untersuchten zunächst einen Unterstand, der anscheinend vor kurzem von englischen Artillerieoffizieren verlassen war. Auf einem Tische stand ein riesiges Grammophon, das Haller sofort in Bewegung setzte. Das lustige Couplet, das von der Walze schnurrte, machte einen geisterhaften Eindruck. Ich warf den Kasten auf den Boden, wo er wie ein Erschlagener noch ein paar schnarrende Töne von sich gab und verstummte. Der Unterstand war äußerst behaglich eingerichtet; sogar ein kleiner Kamin, auf dessen Sims Pfeifen und Tabak lagen, mit im Kreise herumgestellten Sesseln fehlte nicht. Merry old England! Wir legten uns natürlich keinen Zwang auf, sondern nahmen, was uns gefiel. Ich suchte mir einen Brotbeutel, Wäsche, eine kleine Metallflasche voll Whisky, eine Kartentasche und einige wundernette Toiletteartikel von Roger und Gallet aus, vermutlich zärtliche Erinnerungen an einen Pariser Fronturlaub.