Ein nebenan liegender Raum enthielt eine Küche, deren Vorräte wir ehrfurchtsvoll bestaunten. Da war eine ganze Kiste voll roher Eier, von denen wir uns gleich eine erhebliche Zahl einverleibten, da wir sie kaum noch dem Namen nach kannten. Auf den Wandborden stapelten Büchsen voll Fleisch, Dosen köstlicher eingedickter Marmelade, ferner Flaschen voll Kaffee-Essenz, Tomaten und Zwiebeln; kurz alles, was der Gourmet sich wünschen konnte.
Dieser Anblick trat mir später noch oft vors Gedächtnis, wenn wir wochenlang bei schmaler Brotportion, wässrigen Suppen und dünner Marmelade im Schützengraben lagen. Der deutsche Feldsoldat eilte in verschlissenem Rock, schlechter verpflegt als ein chinesischer Kuli, vier Jahre lang von Schlachtfeld zu Schlachtfeld, um die an Zahl vielfach überlegenen, wohlausgerüsteten und -genährten Gegner immer wieder seine Eisenfaust spüren zu lassen. Es gibt kein größeres Zeichen für die Macht der Idee, die uns trieb. Dem Tode entgegenschreiten, sterben in Augenblicken der Begeisterung, ist viel; für seine Sache hungern und darben, ist mehr. — — —
Nach diesem kleinen Einblick in die wirtschaftlichen Verhältnisse des Gegners verließen wir den Unterstand und schritten in die Mulde, in der wir zwei funkelneue verlassene Geschütze vorfanden. Ich nahm einen Kreidestein und zeichnete sie mit der Nummer meiner Kompagnie. Dann kehrten wir, da die eigene Artillerie uns noch fortwährend Eisen um die Ohren schmiß, zu den anderen zurück.
Unsere vordere Linie, inzwischen von nachrückenden Truppen gebildet, war 200 Meter hinter uns. Ich stellte einen Doppelposten vor den Unterstand und befahl den anderen, das Gewehr im Arm zu behalten. Nachdem ich die Ablösung geregelt, noch etwas gegessen und die Tageserlebnisse in kurzen Stichworten notiert hatte, schlief ich ein.
Um 1 Uhr wurden wir durch Hurrageschrei und lebhaftes Feuer rechts von uns geweckt. Wir packten die Gewehre, stürzten aus dem Raum und postierten uns in einem großen Granattrichter. Von vorn kamen einige versprengte Deutsche zurück, auf die von unserer Linie geschossen wurde. Zwei von ihnen blieben auf dem Wege liegen. Durch diesen Zwischenfall gewitzigt, warteten wir, bis sich hinter uns die erste Aufregung gelegt hatte, machten uns durch Zurufe verständlich und gingen in die eigene Linie zurück. Dort saß der Führer der zweiten Kompagnie, Leutnant Kosik, der vor Erkältung kein Wort sprechen konnte und am Arm verwundet war, mit ungefähr sechzig 73ern. Da er sich zum Sanitätsplatze zurückbegeben mußte, übernahm ich das Kommando über seine Schar, bei der sich drei Offiziere befanden. Außerdem bestanden vom Regiment noch die beiden ebenso zusammengewürfelten Kompagnien Gipkens und Vorbeck.
Bataillonsführer war Hauptmann Freiherr von Ledebour, Regimentskommandeur Major Dietlein, da Major v. Bardeleben bereits am Morgen durch Verwundung ausgeschieden war.
Den Rest der Nacht verbrachte ich mit einigen Unteroffizieren der zweiten Kompagnie zusammen in einem kleinen Erdloch, in dem wir vor Kälte erstarrten. Am Morgen frühstückte ich von den erbeuteten Beständen und schickte Leute nach Quéant, um von der Küche Kaffee und Essen zu holen. Die eigene Artillerie begann wieder mit ihrer verfluchten Schießerei und setzte uns als ersten Morgengruß einen Volltreffer in einen Trichter, der vier Leute der MG.-Kompagnie beherbergte. In der ersten Dämmerung stieß noch ein Zugführer meiner Kompagnie, der Vizefeldwebel Kumpart, mit einigen Leuten zu mir.
Kaum hatte ich mir die Nachtkälte etwas aus den Gliedern gestampft, als ich Befehl bekam, weiter rechts mit den Resten des Regiments 76 zusammen die Vraucourt-Stellung zu stürmen, die bei uns schon teilweise genommen war. Wir zogen im dichten Morgennebel zum Bereitstellungsraum, einer Höhe südlich von Ecoust, auf der viele Tote des vorigen Tages lagen. Es gab wie meist vor unklar gefaßten Angriffsbefehlen ein gewaltiges Palaver der Sturmführer, das erst durch die Garbe eines feindlichen Maschinengewehres beendet wurde. Alles sprang in die nächsten Trichter bis auf den Feldwebel Kumpart, der jammernd liegen blieb. Ich eilte mit einem Sanitäter zu ihm und verband ihn. Er hatte einen schweren Knieschuß erhalten. Wir entfernten mit einer Zange mehrere Knochenbrocken aus der Wunde. Er ist einige Tage später gestorben. Mir ging der Fall besonders nahe, weil Kumpart vor drei Jahren in Recouvrence mein Exerziermeister gewesen war.
In einer Besprechung mit dem Hauptmann von Ledebour legte ich das Sinnlose eines Frontalsturmes dar, da die zum Teil schon in unserem Besitz befindliche Vraucourt-Stellung mit viel geringeren Verlusten von links her aufgerollt werden konnte. Wir beschlossen, den Angriff nicht auszuführen, und die Folge zeigte, daß wir recht gehandelt hatten.
Bei solchen Gelegenheiten rächte sich die Einrichtung der weit zurückliegenden Befehlsstellen der höheren Führung, deren Notwendigkeit mir natürlich klar ist. Jedoch verrieten derartige Befehle deutlich einen Mangel an Fronterfahrung. Die Zeiten des unvorbereiteten Frontalangriffes sind für immer vorüber. Der einfache Mann, dem die feindlichen Gewehre das Gesetz des Handelns vorschrieben, konnte auf solche Irrtümer nicht verfallen. Er kam nur da vor, wo der Gegner schwach war. Die starken Stellungsteile fielen dann von selbst . . . . . .