Ich teilte meine Kompagnie in einem kleinen Obstgarten zum Gefecht ein. Unter einem Apfelbaume stehend, sprach ich ein paar Worte zu den Leuten, die mich im Hufeisen umschlossen. Ihre Gesichter sahen ernst und männlich aus. Es war wenig zu sagen. Jeder wußte, daß wir nicht mehr siegen konnten. Aber der Gegner sollte sehen, daß er gegen Männer von Ehre kämpfte.
Bei solchen Gelegenheiten vermied ich, mich vom Draufgängertum fortreißen zu lassen. Es wäre wenig taktvoll gewesen, den Leuten, die zum Teil mit der Angst um Frau und Kind zur Vernichtung zogen, zu zeigen, daß man der Schlacht mit einer gewissen Lust entgegensah. Auch war es mein Grundsatz, nicht durch große Worte zum Mute anzuspornen oder den Feigling zu bedrohen. Ich suggerierte: Ich weiß genau, daß mich niemand im Stiche läßt. Wir haben alle Angst, aber wir müssen dagegen kämpfen. Es ist menschlich, wenn jemand von seiner Schwäche übermannt wird. Er muß dann auf seinen Führer und die Kameraden sehen. Schon beim Sprechen fühlte ich, daß solche Worte den Leuten verständlich waren. Die Erfolge rechtfertigten diese psychologische Vorbereitung in glänzender Weise.
An unserem aus einer Karre und einer Haustür improvisierten Tisch aß ich im Hof mit Schrader zu Abend und trank eine Flasche Wein dazu. Dann rollten wir uns in unseren Ziegenstall, bis uns um 2 Uhr morgens der Posten meldete, daß die Lastautos auf dem Marktplatz verladebereit ständen.
In geisterhafter Beleuchtung rasselten wir durch das kampfzerwühlte Gelände der vorjährigen Cambraischlacht und wanden uns durch die von Trümmerwällen eingefaßten Dorfstraßen abenteuerlich zerschossener Nester. Dicht vor Beugny wurden wir ausgeladen und in unsere Aufstellungsräume geführt. Das Bataillon besetzte einen Hohlweg an der Straße Beugny—Vaux. In den Vormittagsstunden brachte eine Ordonnanz den Befehl, daß sich die Kompagnie bis an die Straße Frémicourt—Vaux vorzuschieben hätte. Dies typische Vorrücken gab mir die Gewißheit, daß uns bis zum Abend noch Blutiges bevorstand.
Ich schlängelte meine drei Züge in Reihen durch das Gelände, das kreisende Flieger mit Bomben und Geschossen bestreuten. Am Ziele verteilten wir uns in Trichter und Erdlöcher, da vereinzelte Granaten bis über die Straße hinausgriffen.
Ich befand mich an diesem Tage so schlecht, daß ich mich sofort in ein kleines Grabenstück legte und einschlief. Nach dem Erwachen las ich in Laurence Sterne’s „Tristram Shandy“ und verbrachte so, mit der Gleichgültigkeit eines Kranken, in der warmen Sonne liegend, den Nachmittag. Ab und zu trank ich einen Schluck Wermut.
Um 6.15 Uhr nachmittags rief ein Gefechtsläufer die Kompagnieführer zum Hauptmann von Weyhe.
„Ich habe Ihnen die ernste Mitteilung zu machen, daß wir angreifen. Das Bataillon tritt nach halbstündiger Feuervorbereitung um 7 Uhr (!) vom Westrande Favreuil zum Sturm an. Marschrichtungspunkt der Kirchturm von Sapignies.“
Nach kurzem hin und her und einem kräftigen Händedruck stürzten wir zu den Kompagnien, da das Feuer in zehn Minuten beginnen sollte und wir noch eine große Strecke zu marschieren hatten. Ich verständigte meine Zugführer und ließ antreten.
„Die Gruppen in Reihe zu einem mit 20 Meter Zwischenraum. Marschrichtung halblinks die Baumkronen von Favreuil!“