Ein gutes Zeichen für den Geist, der in den Leuten steckte, war, daß ich einen Mann bestimmen mußte, zurückzubleiben, um die Feldküche zu benachrichtigen. Freiwillig hatte sich keiner melden mögen.
Ich schritt mit meinem Kompagniestabe und dem Feldwebel Reinecke, der die Gegend genau kannte, weit vor der Kompagnie. Hinter Hecken und Ruinen sprangen die Abschüsse unserer Geschütze auf. Das Feuer glich mehr einem wütenden Gebell als einer vernichtenden Sturmwelle. Hinter mir sah ich meine Gruppen in bewunderungswürdiger Ordnung vorgehen. Neben ihnen staubten die Wölkchen der Fliegergeschosse auf, Kugelladungen, Hohlbläser und Treibplatten von Schrapnells fuhren mit höllischem Fauchen durch die Zwischenräume der schmalen Menschenstreifen. Rechts lag das schwer beschossene Beugnâtre, aus dem gezackte Eisenstücke schwerfällig herüberbrummten und sich mit kurzem Schlag in den lehmigen Boden stanzten.
Noch ungemütlicher wurde der Anmarsch hinter der Straße Beugnâtre—Bapaume. Plötzlich platzte eine Reihe von Brisanzgranaten vor, hinter und zwischen uns. Wir spritzten auseinander und warfen uns in die Trichter. Ich stürzte mit dem Knie in das Angstprodukt eines Vorgängers und ließ in der Eile von meinem Burschen mit dem Messer eine grobe Säuberung vornehmen.
Um den Dorfrand Favreuil ballten sich die Wolken zahlreicher Einschläge, dazwischen stiegen und fielen braune Erdsäulen in hastigem Wechsel. Um mich zu orientieren, ging ich allein bis zu den ersten Ruinen vor und gab dann mit dem Spazierstock das Zeichen zum Folgen.
Das Dorf war von zerschossenen Baracken umsäumt, bei denen sich allmählich Teile des ersten und zweiten Bataillons sammelten. Während des letzten Wegabschnittes forderte ein Maschinengewehr verschiedene Opfer. Unter anderen erhielt der Vizefeldwebel Balg von meiner Kompagnie einen Schuß durchs Bein. Eine Gestalt in braunem Manchester schritt gleichgültig über das beschossene Stück und schüttelte mir die Hand. Kius und Boje, Hauptmann Junker und Schaper, Schrader, Schläger, Heins, Findeisen, Höhlemann und Hoppenrath standen hinter einer von Blei und Eisen durchfegten Hecke und hielten ein großes Angriffspalaver. Wir hatten an manchem Tage des Zorns auf einem Felde gefochten, und auch diesmal sollte die schon tief im Westen stehende Sonne noch das Blut fast aller bestrahlen.
Teile des I. Bataillons rückten in den Schloßpark. Vom II. Bataillon hatten nur meine und die fünfte Kompagnie ungefähr vollzählig den flammenden Vorhang durchschritten. Wir arbeiteten uns durch Trichter und Häusertrümmer zu einem Hohlweg am Westrande des Dorfes vor. Unterwegs stülpte ich mir einen gefundenen Stahlhelm aufs Haupt, eine Handlung, die ich nur in kritischen Momenten vorzunehmen pflegte. Zu meinem Erstaunen lag Favreuil vollkommen tot da, die Besatzung hatte anscheinend ihren Verteidigungsabschnitt verlassen.
Hauptmann von Weyhe, der bereits einsam und schwerverwundet in einem Trichter des Dorfes lag, hatte angeordnet, daß fünfte und achte Kompagnie in vorderer, sechste in zweiter und siebente in dritter Linie stürmen sollten. Da von der sechsten und achten Kompagnie noch nichts zu sehen war, beschloß ich draufzugehen, ohne mich lange um Staffelungen zu kümmern.
Es war 7 Uhr geworden. Durch die Kulisse von Häuserresten und Baumstümpfen sah ich bei schwachem Gewehrfeuer eine Schützenlinie auf das freie Feld heraustreten. Es mußte die fünfte Kompagnie sein.
Ich stellte meine Leute im Hohlweg auf und gab Befehl, in zwei Wellen anzutreten. „Abstand 100 Meter. Ich selbst befinde mich zwischen erster und zweiter Welle!“
Es ging zum letzten Sturm. Wie oft waren wir in den verflossenen Jahren in ähnlicher Stimmung in die westliche Sonne geschritten! Les Eparges, Guillemont, St. Pierre-Vaast, Langemarck, Paschendale, Moeuvres, Braucourt, Mory! Wieder winkte ein blutiges Fest.