Wir verließen den Hohlweg ganz programmäßig, nur befand „ich selbst“, wie die schöne Befehlsformel lautet, mich plötzlich neben dem Leutnant Schrader weit vor der ersten Welle.

Vereinzelte Gewehrschüsse knallten uns entgegen. Den Spazierstock in der rechten, Pistole in der linken Hand stapfte ich vor und ließ, ohne es recht zu merken, die Schützenlinie der fünften Kompagnie zum Teil hinter, zum Teil rechts neben mir. Während des Vorgehens merkte ich, daß mein Eisernes Kreuz sich von der Brust gelöst hatte und zu Boden gefallen war. Schrader, mein Bursche und ich begannen eifrig zu suchen, trotzdem verborgene Schützen uns aufs Korn zu nehmen schienen. Endlich zog Schrader es aus einem Grasplacken hervor, und ich steckte es wieder fest.

Das Gelände senkte sich. Verschwommene Gestalten bewegten sich vor einem Hintergrund aus braunem Lehm. Ein Maschinengewehr hackte uns seine Geschoßgarben entgegen. Mich packte ein fatales Gefühl der Aussichtslosigkeit. Trotzdem begannen wir zu laufen. Mitten im Sprunge über ein Grabenstück riß mich ein durchdringender Stoß vor die Brust aus der Luft. Mit lautem Schrei wirbelte ich um die Längsachse und klirrte betäubt zu Boden.

Ich erwachte im Gefühl eines großen Unglücks, eingeklemmt zwischen enge Lehmwände, während durch eine geduckte Menschenreihe der Ruf glitt: „Sanitäter! Der Kompagnieführer ist verwundet!“

Ein älterer Mann einer anderen Kompagnie beugte sich mit gutmütigem Gesicht über mich, löste das Koppel und öffnete meinen Rock. Zwei blutige Kreisflecke leuchteten von der Mitte der rechten Brust und vom Rücken. Ein Gefühl der Lähmung fesselte mich an die Erde, und die glühende Luft des engen Grabens badete mich in qualvollem Schweiß. Der mitleidige Helfer erquickte mich durch fächelndes Schwingen meiner Kartentasche. Ich hoffte, nach Luft ringend, auf baldiges Dunkelwerden, um mich zurückschleppen zu lassen.

Plötzlich brauste von Sapignies her ein Feuerorkan los. Es war klar, daß dieses lückenlose Rollen, dieses gleichmäßige Brüllen und Stampfen mehr drohte als Abwehr unseres so schlecht angesetzten Angriffes. Über mir blickte ich in das unterm Stahlhelm versteinerte Gesicht des Leutnants Schrader, der wie eine Maschine schoß und lud, schoß und lud. Es entspann sich zwischen uns ein Gespräch, das an die Turmszene der Jungfrau von Orleans erinnerte. Sehr humoristisch war mir indes nicht zumute, denn ich hatte die klare Erkenntnis, verloren zu sein.

Oben sprang der Schreckensschrei: „Links sind sie durch! Wir sind umgangen!“ von Mund zu Mund. Er gab mir die alte Kraft zurück. Ich faßte in ein Loch, das ein Maulwurf in die Grabenwand gebohrt hatte, und zog mich hoch, während das Blut aus den Wunden rieselte. Mit bloßem Kopf und offenem Rock, die Pistole in der Faust, starrte ich ins Gefecht.

Durch weißliche Rauchschwaden stürzte eine Kette bepackter Menschen schnurgeradeaus. Einige fielen und blieben liegen, andere schlugen Rad wie getroffene Hasen. 100 Meter vor uns wurden die letzten vom Trichtergelände eingesogen.

Wie an einer Schnur gezogen krochen vier Tanks über den Kamm einer Bodenwelle. In wenigen Minuten waren sie von der Artillerie in die Erde gestampft. Der eine klappte wie ein Spielzeug aus Blech in zwei Hälften auseinander. Rechts brach der wackere Fahnenjunker Mohrmann mit einem Todesschrei zusammen.

Die Sache schien noch nicht verloren. Ich flüsterte dem Fähnrich Wilsky zu, nach links zu kriechen und mit seinem Maschinengewehr die Lücke abzufegen. Er kam gleich darauf zurück und meldete, daß sich 20 Meter weiter schon alles ergeben hätte. Es lagen dort Teile des Regiments 99 (Zabern). Mich umwendend, hatte ich ein seltsames Bild. Von hinten kamen Leute mit erhobenen Händen nach vorne! Der Feind mußte bereits das Dorf, aus dem wir gestürmt hatten, genommen haben.