Die Szene belebte sich immer mehr. Ein Kreis von Engländern und Deutschen umringte uns und forderte uns auf, die Waffen fortzuwerfen. Ich ermunterte mit schwacher Stimme die Nächststehenden zum Kampf aufs Messer. Sie schossen auf Freund und Feind. Ein Kranz von Stummen und Schreienden umschloß unser Häuflein. Links tauchten zwei hünenhafte Engländer ihre Bajonette in ein Grabenstück, aus dem sich flehende Hände reckten.
Auch unter uns wurden gellende Stimmen laut: „Es hat keinen Zweck mehr! Gewehre weg! Nicht schießen, Kameraden!“
Ich blickte nach den beiden Offizieren, die mit mir im Graben standen. Sie lächelten fatalistisch zurück und ließen ihre Koppel zu Boden fallen.
Es blieb die Wahl zwischen Gefangenschaft und einer Kugel. Nun war ja der Augenblick gekommen, wo es galt, zu zeigen, ob das, was ich meinen Leuten in manchem Ruhetage über den Kampf gesagt hatte, mehr war als leere Phrase. Ich kroch aus dem Graben und taumelte auf Favreuil zu. Zwei Engländer, die einen Trupp gefangener 99er auf ihre Linien zuführten, stellten sich mir entgegen. Ich hielt dem nächsten die Pistole vor den Leib und drückte ab. Er klappte wie eine Schießbudenfigur zusammen. Der andere brannte sein Gewehr auf mich ab, ohne zu treffen. Die hastigen Bewegungen trieben das Blut in hellen Schlägen aus der Lunge. Ich konnte freier atmen und begann, an dem Grabenstück entlang zu laufen. Hinter einer Schulterwehr kauerte der Leutnant Schläger inmitten einer feuernden Gruppe. Sie schlossen sich an. Einige Engländer, die über das Gelände schritten, blieben stehen, setzten ein Lewisgewehr auf den Boden und beschossen uns. Bis auf mich, Schläger und zwei Begleiter wurden alle getroffen. Schläger, der seinen Kneifer verloren hatte, erzählte mir später, daß er nichts gesehen hätte als meine auf- und niederfliegende Kartentasche. Der dauernde Blutverlust gab mir die Freiheit und Leichtigkeit eines Rausches, mich beunruhigte nur der Gedanke, zu früh zusammenzubrechen.
Endlich gelangten wir an einen halbmondförmigen Erdaufwurf rechts von Favreuil, aus dem ein halbes Dutzend schwerer Maschinengewehre auf Freund und Feind Feuer spieen. Feindliche Geschosse zerspritzten im Sande der Schanze, Offiziere schrien, aufgeregte Leute tanzten hin und her. Ein Sanitätsunteroffizier der sechsten Kompagnie riß meine Jacke herunter und riet mir, mich sofort hinzulegen, da ich sonst in wenigen Minuten verblutet sein könnte.
Ich wurde in eine Zeltbahn gerollt und am Ortsrand von Favreuil entlang geschleppt. Einige Leute meiner und der sechsten Kompagnie begleiteten mich. Nach einigen hundert Schritten bekamen wir auf nächste Entfernung aus dem Dorfe Gewehrfeuer. Knallend schlugen Geschosse in menschliche Körper. Den Sanitäter der sechsten Kompagnie, der das Hinterende meiner Zeltbahn trug, riß ein Kopfschuß zu Boden; ich stürzte mit ihm.
Die kleine Schar hatte sich glatt auf die Erde geworfen und kroch, von Aufschlägen umpeitscht, der nächsten Senkung zu.
Ich blieb einsam, in meine Zeltbahn eingeknüpft auf dem Felde, den Endtreffer erwartend.
Doch solange noch ein Mann meiner Kompagnie lebte, war ich nicht ganz verlassen. Neben mir ertönte die Stimme des Gefreiten Hengstmann: „Ich nehme Herrn Leutnant auf den Rücken, entweder kommen wir durch, oder wir bleiben liegen.“
Leider kamen wir nicht durch; zu viele Gewehre waren auf kürzeste Entfernung auf uns gerichtet. Als ich, die Arme um den Hals des Getreuen geschlungen, auf seinem Rücken saß, erklang mitten im Lauf ein feines metallisches Sirren. Hengstmann sank ganz sanft unter mir zusammen. Ich löste mich aus seinen Armen, die meine Schenkel noch fest umklammert hielten. Ein Geschoß hatte ihm Stahlhelm und Schläfen durchschlagen. Der Tapfere, der die Treue zu seinem Führer mit dem Tode besiegelte, war ein Lehrerssohn aus Letter bei Hannover. Ich habe später seine Familie aufgesucht und halte sein Andenken heilig.