Das schlimme Beispiel schreckte einen anderen Helfer nicht ab, einen neuen Versuch zu meiner Rettung zu wagen. Es war der Sanitäts-Sergeant Strichalsky. Er nahm mich auf seine Schultern und brachte mich glücklich in den toten Winkel der nächsten Geländewelle.

Es dunkelte. Die Leute suchten die Zeltbahn eines Toten und trugen mich über ein einsames Gelände, auf dem nah und fern zackige Strahlensterne hochflammten. Ich mußte nach Luft ringen, eins der qualvollsten Gefühle, die der Mensch haben kann. Der Duft einer Zigarette, die ein Mann zehn Schritt vor mir rauchte, drohte mich zu ersticken.

Endlich gelangten wir an einen Verbandsunterstand, in dem der mir befreundete Doktor Key seines Amtes waltete. Er mischte mir eine köstliche Zitronenlimonade und versenkte mich mittels einer Morphiumspritze in erquickenden Schlummer.

Am nächsten Tage setzte die übliche, etappenweise Rückbeförderung ein. Die wüste Autofahrt zum Kriegslazarett brachte mich an den Rand des Grabes. Dann kam ich in die Hände der Schwestern. Trotzdem ich kein Weiberfeind bin, irritierte mich jedesmal das weibliche Wesen, wenn mich das Schicksal der Schlacht in das Bett eines Krankensaales geworfen hatte. Aus dem männlichen, zielbewußten und zweckmäßigen Handeln des Krieges tauchte man in eine Atmosphäre undefinierbarer Ausstrahlungen. Eine wohltuende Ausnahme bildete die abgeklärte Sachlichkeit der katholischen Ordensschwestern.

Nach 14 Tagen lag ich in dem federnden Bett eines Lazarettzuges und hatte das Glück, in Hannover ausgeladen zu werden. Dort lag ich im Clementinenstift mit einem jungen Kampfflieger der Staffel Richthofen zusammen, der bereits zwölf Gegner im Luftkampf gestreckt hatte. Der letzte hatte ihm zuvor durch ein Geschoß den Oberarmknochen zersplittert. Auf unserem ersten Genesungsgange trafen wir meinen Bruder und einige Kameraden, mit denen wir zu Abend aßen. Da unsere baldige Kriegstüchtigkeit angezweifelt wurde, fühlten wir beide das unbedingte Bedürfnis, verschiedentlich über einen gewaltigen Sessel zu eskaladieren. Es bekam uns sehr schlecht. Trotzdem fühlten wir uns recht bald wieder in Form für eine neue Winterkampagne. Diese wurde vorläufig vertagt. Wir sollten uns bald an anderen Kämpfen beteiligen, als uns geträumt. — — —

Am 22. September 1918 erhielt ich folgendes Telegramm:

„Seine Majestät der Kaiser hat Ihnen den Orden Pour le Mérite verliehen. Ich beglückwünsche Sie im Namen der ganzen Division.

General von Busse.“

Ernst Siegfried Mittler und Sohn, Buchdruckerei G. m. b. H., Berlin SW 68, Kochstr. 68-71.