Koch’s Rückkehr zur katholischen Kirche, wodurch er bis auf wenige Ausnahmen mit seiner früheren Umgebung zerfallen war, hat hie und dort zu manchem schiefen und lieblosen Urtheil Anlaß gegeben und ist noch jüngst als eine der dunklen Stellen in seinem Lebenslaufe bezeichnet worden. Eine Rechtfertigung aus des Dichters eigener Feder dürfte darum hier ihren geeigneten Platz finden.
Eine Bekehrung.[3]
„Während des neuesten Religionskrieges in Spanien war der Bischofssitz in Pamplona eine Zeit lang unbesetzt geblieben, und der bischöfliche Palast zum Militärhospital für die Christine’schen Truppen eingerichtet worden. Dieses Gebäude, kaum noch kenntlich an der über dem Haupteingange befindlichen Überschrift, war in Folge dieser veränderten Bestimmung aus einem Hause des Glanzes und des geistlichen Friedens eine schmutzige Wohnung unbeschreiblichen Elendes und Jammers geworden. Im Jahre 1837 waren nicht blos die zwölf Säle, sondern auch die Gänge und Corridors zu Krankenzimmern eingerichtet, in welchem die täglich vom Heere dort ankommenden Verwundeten, Siechen, Fieberkranken und sonstigen Leidenden aufgenommen wurden. Die ärztliche Behandlung war im höchsten Grade erbärmlich. Arzneien wurden gar nicht gegeben. Die Kranken wurden auf den dürftigen Strohlagern vom Ungeziefer fast verzehrt. Da lagen die Armen, aus allen Provinzen des Reiches, der feurige Andalusier, der untersetzte Baske, der schlanke Catalone, der Sohn der fernen Mancha, stöhnend und seufzend. Nur zwei Erscheinungen schwebten über der ganzen Einrichtung wie die Engel. Es waren die barmherzigen Schwestern (hijas de la caridad), und der bischöfliche Caplan, D. Raphael Salvador. Die ersteren besorgten die Wäsche, die Küche u. s. w. und trösteten in ihrer bekannten liebevollen Weise. Der letztere, ein junger Mann von etwa 35 Jahren, wandelte durch die Säle mit dem Sacramente und tröstete die Sterbenden.
„Am 15. März 1837 ging durch das von Wachen besetzte Thor dieses Hospitals mit Tornister und Gewehr ein Unteroffizier der französischen Fremdenlegion (welche bekanntlich von Frankreich der Königin Christine aus Algier herüber zur Hülfe geschickt war, und binnen zwei Jahren durch Kugeln und Krankheiten von 7000 Mann auf 381 zusammenschmolz). Der Fremde zeigte das Eintrittsbillet vor, wankte mit zitternden Knieen die Treppe hinauf, und war schon nach wenigen Stunden der Besinnungslosigkeit und einem heftigen Nervenfieber zur Beute.
„Dieser Kranke war der Verfasser des Gegenwärtigen. Zum ersten Male nach 1½ Jahren Kriegsleben, war ich in der Nothwendigkeit, Stunden weit, das Fieber in den Gliedern, nach dem Lazareth zu marschiren.
„Ich bin von protestantischen Eltern in einem protestantischen Lande geboren, und in der sogenannten reformirten Lehre, so wie es zu geschehen pflegt, erzogen worden. Vom Catechismus kannte ich höchstens nur noch die Unterscheidungslehren. Das in jedem Menschen wohnende Bedürfniß des Glaubens hatte bei mir sich schon früher in ruhigen Stunden in der Art geregt, daß ich mir vornahm, wenn ich einmal Zeit hätte, mir mein vollständiges Glaubensbekenntniß aufzubauen, damit ich wüßte, woran ich wäre. Denn am Ende muß man doch, dacht’ ich, an etwas glauben, und mit sich in diesem wichtigen Capitel im Reinen sein. Aehnliches kam mir hier im Hospital in den Sinn, indem ich nach vier Wochen zum ersten Male mit ruhiger Besinnung aufgewacht war, dem Tode, wie es schien, durch Zufall entrissen. Aber warum fing ich nicht damit an, die Lehren, in denen ich erzogen war, wenn nicht unbedingt anzunehmen, doch wenigstens näher zu prüfen? Eben darum nicht, weil ich darin erzogen war, und nach denselben es meinem forschenden Geiste frei stand, mich von einer Unterwerfung oder einer Prüfung meiner Einsicht nach zu dispensiren oder nicht. Es wird keinem Katholiken einfallen, sich in einer Stunde der Muße seinen Glauben selber machen zu wollen, oder er tritt, wenn er wirklich diesen Entschluß faßt, sofort auf das Gebiet des Protestantismus. Daß ich nun die Idee, mir ein System meines Glaubens zu bauen (welches ich mir wahrscheinlich sehr bequem eingerichtet haben würde) bald wieder aufgab, läßt sich wohl glauben. Schon die Umgebungen waren zu erbärmlich und niederschlagend, um meinen Geist auf das hohe Pferd zu setzen.
Daß schon früher zweimal, einmal in meiner Heimath 1834, und später in Spanien 1836, die Gnade Gottes mit dem flüchtigen Gedanken, in die katholische Kirche zurückzukehren, bei mir angepocht hatte, daran dachte ich nicht mehr. Jener Gedanke war ohne Früchte geblieben, weil ich mich fragte: was würden die Leute dazu sagen, wenn du den Glauben deiner Väter verließest? – Hätte mir doch damals Jemand die Antwort F. L. v. Stolbergs erzählt, welcher dem Könige von Preußen, als ihm dieser sagte: „Ich kann die Leute nicht leiden, die von ihrem Glauben abfallen,“ erwiederte: „Ich auch nicht, Majestät,“ und so auf den Abfall im sechszehnten Jahrhundert mit einer Ironie anspielte, die ein Protestant selten eher begreift, als bis er mit dem Kopfe darauf stößt.
„Einige Stunden nach meinem Erwachen aus den Fieberphantasien, worin ich, ich weiß nicht wie viele Tage gelegen hatte, trat folgendes Ereigniß ein. Nicht weit von meinem Lager wurde ein eben angekommener spanischer Soldat, aus Andalusien, gebettet, welcher sich wie rasend geberdete, alle ärztliche Hülfe verweigerte, den Arzt und die Nonnen insultirte, und endlich den Caplan unter Schimpfen und Blasphemien zurückwies. Der würdige Caplan ließ sich aber nicht abschrecken, und als es ihm gelungen war, sich auf einige Minuten dem Ohre des Kranken zu nähern, sank dieser langsam auf das Kissen zurück, und beichtete mit lammfrommer Ruhe zwei Stunden lang. Kurz nachher erklang die Schelle durch die Treppen und Gänge, Kranke und Gesunde knieten vor dem hochwürdigen Gute, welches jetzt der Caplan nach dem Bette des Andalusiers trug. Der richtete die großen Augen, aus denen noch vor wenigen Stunden die Teufel geblitzt hatten, mit einem unbeschreiblich süßen Verlangen nach der Hostie. Wir andern zogen vorschriftsmäßig die Calotten vom Kopfe, und falteten die Hände, während der Spanier die Hostie nahm, und wenig Augenblicke darauf in einem Frieden verschied, der sein Gesicht verklärte. Ich betete auch mit, weiß aber nicht mehr was. Jedenfalls war’s mir curios zu Sinne.
„Am anderen Morgen erwacht’ ich, das Gesicht nach der Wand gekehrt, frühe, in jenem süßen Gefühle der wachsenden Genesung, und gestärkt durch einen erquickenden Schlaf. Mein Auge fiel auf einen Sonnenstrahl, welchen der Frühling dicht neben meinem Gesichte an die Mauer sandte. Die Kranken schliefen alle ruhig. Als ich eine Zeitlang so auf den Sonnenstrahl gedankenlos meinen Blick geheftet hielt, erschallte auf einmal von allen Kirchen Pamplona’s zu gleicher Zeit ein erhabenes Glockengeläute. Es war ein Sonntag – vielleicht Ostern? Nie hat ein Geläute einen so frappanten Eindruck auf mich gemacht.
„Eine halbe Stunde nachher verschaffte ich mir Tinte und Feder, und bat den Caplan schriftlich, mich an meinem Bette (Saal IV. Nr. 42) zu besuchen, um sich mit mir über meinen Wunsch, in der katholischen Glaubenslehre unterrichtet zu werden, zu besprechen. Sogleich stand der Mann mit dem bleichen, schönen Gesichte vor mir. Die Erscheinung verwirrte mich. Sie hatte sogar etwas Furchtbares für mich. Ich erschrack vor dem, was ich gethan. Es war mir, als hätte ich die katholische Kirche vor mir. Wir verständigten uns bald, da er mir sehr liebevoll zuredete, in französischer Sprache. Er gab mir zunächst eine zweibändige, lateinisch geschriebene Symbolik, deren Verfasser ich leider vergessen habe, hiernächst den französischen Catechismus, der unter Napoleon erschien (de l’Empire français). Mit Begierde, mit einem Heißhunger meiner Seele verschlang ich die geistige Speise, sitzend und betend auf meinem Lager. Nach etwa acht Tagen konnte ich aufstehen und täglich eine Stunde den Caplan auf seinem Zimmer besuchen, um mich von ihm prüfen zu lassen. Am 27. April wurde ich für reif erklärt, die Sacramente zu empfangen. Nach genommener Rücksprache mit dem Capitel nahm der Geistliche die mir als Protestant ertheilte Taufe, weil sie unter Ablution im Namen Gottes des Vaters, Gottes des Sohnes, und Gottes des heiligen Geistes geschehen war, als gültig an. Dieses Sacrament wurde daher nicht wiederholt. Noch denselben Abend beichtete ich meinem würdigen Caplan (der für mich ein wirklicher Salvador war), und am anderen Morgen empfing ich die heilige Communion, beides in der im Hospital wohlerhaltenen bischöflichen Capelle. Eine förmliche Abschwörung ist nicht für erforderlich gehalten worden. Der Rücktritt in die mütterliche Kirche erfolgte also blos durch die Sacramente der Beichte und Communion. – Am folgenden Tage wurde ich vom Arzte für curirt erklärt, und ging zu meinem Bataillon zurück. Im Monate Juni kam die unerwartete Nachricht, daß der Rest der Fremdenlegion nach Hause geschickt werden sollte. Am ersten August ging ich mit Abschied von Pamplona weg und betrat im Anfang September den heimathlichen Boden.