theils zur Spindel, theils verwandelt er deren Flachs in Gold. Ueberdies verleiht der Specht (ableitend von ahd. spahi, prudens, der spähende) seinen Namen eben jenem Spessart (urkundl. spechtes-hart), welcher der Schauplatz war von Gertrudens Thätigkeit in Ostfranken, und so heisst das Thier mit wiederholtem Nachdruck Gertrudenvogel.
Wie diese eben beschriebnen Frühlingsthiere, weil sie dämonische sind, aus Glücksboten sich in vorahnende Todesboten verkehren, so geschieht dies vornemlich mit Gertrudens besonderem Gefolgsthiere, der Maus. Die Seelen der Abgeschiedenen werden zuerst von Gertrud empfangen, um sich da entweder in gute oder in böse Elbe zu verwandeln; als solche erscheinen sie hierauf wieder als schädigende oder als bescherende Mäuse. Diesen Satz aus der Lehre von der Seelenwanderung nehmen wir nunmehr in Ausführung.
Wie Holda-Berchta die unmündig Verstorbenen, und Valfreyja die in der Schlacht Gefallenen zu sich nimmt, so haben nach älterem Kirchenglauben die Seelen der Abgeschiedenen ihre erste Herberge bei St. Gertrud zu nehmen. Hievon handelt eine Handschrift des XV. Jahrh., welche Grimm Myth. 54 citirt: Aliqui dicunt, quod, quando anima egressa est, tunc prima nocte pernoctabit cum beata Gerdrude, secunda nocte cum archangelis, sed tertia nocte vadit sicut diffinitum est de ea. Erweitert findet sich dieser merkwürdige Glaubenszug in Nik. Gryse's niederd. Spegel, auf welchen Schiller, Meklenburger Thier- und Kräuterbuch 3, 41 verweist: Se geven ock vor, wenn de Seele vth dem Minschen varet, so moth se de erste Nacht Herberge hebben by S. Gerderuten, darumme ock S. Gerderuten Kercke gemeinlyken vor de Döre der groten Stede gebuwet syn; und darnâ moth se ůuer dat Leuuer-Meer. Dieser hier das Lebermeer genannte Todtenstrom war auf jenem vorhin schon erwähnten Münstergemälde dargestellt, das den Bischof Wilderolf und St. Gertrud zu Schiffe zeigte, und wird in der Sage von Hattos Mäusethurm zum Rheinstrom. Hievon
später. Gertrudens Kirche und die von den Geistern darin abgehaltene Todtenmesse spiegelt sich ab in der Nürnberger Sage von der Jungfrau Gertraud Stromer. Der Patrizier Imhof, an dem dieser Jungfrau ganzes Herz hieng, war, weil sie ihm ihre Liebe verhehlt hatte, ihrer Freundin zu Theil geworden, starb nach kurzer Ehe und auch Gertraud überlebte ihn nicht lange. Drei Wochen nach diesem letzteren Todesfall gieng am Allerseelentag 1430 die Wittwe Imhof vor Tag in die Frühmesse nach St. Lorenz, hier aber befiel sie der unheimliche Eindruck, als wären statt der Gemeinde und Geistlichkeit lauter Verstorbene versammelt. Als sie nun, um anzufragen, aus ihrem Stuhle trat und eine vor ihr knieende Jungfrau leise auf die Schulter klopfte, erkannte sie in dieser ihre vor drei Wochen begrabne Freundin Gertraud. Auf deren Rath verliess sie so eilig die Kirche, dass sie ihren Mantel vergass, floh heim, erkrankte heftig und trat darauf ins Klarissenkloster. Hier starb sie nach etlichen Jahren und zwar gleichfalls am Morgen des Allerseelentages. Schöppner, Sagb. no. 1147. Die Heilige ist hier zu einer gleichnamigen Nürnberger Patrizierin geworden, welche über das stumme Todtenheer, in dessen Mitte sie ist, allein Auskunft zu geben vermag, deren Herzenszug aber noch immer die Liebe ist zu dem ehemaligen Geliebten. Von diesem Naturell der Walküre liefert die Gertrudensage noch mehrere nachher zu behandelnde Einzelheiten; hier ist vorerst der Glaube zu zeigen, dass die Abgeschiedenen die Gestalt von Mäusen annehmen.
Die Seelenherrin selbst ist die Weisse Frau und auch sie erscheint als Weisse Maus. Müller-Schambach, Niedersächs. Sag. S. 269; dazu ebendas. no. 7. 264. Lübecks Stadtwahrzeichen ist eine in dortiger Marienkirche abgebildete Maus, die an der Wurzel eines Baumstrunkes nagt; sie sei ein Weib gewesen, die über dem Wunsche, niemals zu sterben, zu mehrhundertjährigem Alter kam, zur Grösse einer Maus zusammenschrumpfte und unter einem Glaskästchen in dortiger Kirche aufbewahrt wurde. Bechstein
DSagb. no. 212. Letzteres stimmt mit der Sage vom thebanischen Seher Tiresias, der fünf, ja sogar neun Menschenalter gelebt haben und nach seinem Tode in eine Maus verwandelt worden sein soll. Nork, Realwtb. 4, 382. Die Blocksbergsscene im Göthe'schen Faust schildert das plötzliche Ende der gespenstischen Tänzerin: "Mitten im Gesange sprang ein weisses Mäuschen ihr aus dem Munde." Im aargauer Volksglauben finden sich folgende Sätze. Wenn der von Gemeinde wegen aufgestellte Feldmauser drei weisse Mäuse fängt und tödtet, so kommt er in die Hölle. Wer eine weisse Maus quält, dem fressen die übrigen das Korn von der Schütte. Vor der französ. Invasion 1798 waren im Hauptgange des Rathhauses zu Aarau, wo die Schildwache stand, in jeder Nacht auf Himmelfahrt zwölf weisse Mäuse zu erblicken, die man für zwölf verwünschte Rathsherren hielt; so erzählt uns die Bauernfrau Schenker aus solothurnisch Däniken.—Weisse Mäuse, berichtet V. Grohman über Böhmen, geniessen in diesem Lande eine Art religiöser Verehrung, man macht ihnen ein Lager zwischen den Stubenfenstern und pflegt sie, damit nicht mit ihnen das Glück des Hauses sterbe. Ein Nest weisser Mäuse zu finden ist nur Sache eines Sonntagskindes. Auf Schloss Drazic werden sie eigens gezüchtet, und lässt man ihrer eine in die Kornscheune laufen, so schüttet da das Getreide um die Hälfte mehr als sonst. Wer eine Maus zertritt, der führt den Teufel ins Haus. Zingerle, Tirol. Sitt. S. 55. Je weisser der Zahn, von dessen Ausfall man träumt, um so näher verwandt der Freund, dessen Tod drauf erfolgt (Aargau).[[18]] Dem Aberglauben gelten auch die rothen Mäuse in einem ähnlichen Sinne. Der Zauberer in Obermumpf vermochte einem mit offnem Munde Schlafenden als rothes Mäuschen
bis ins Herz hinunter zu schlupfen. Aargau. Sag. 2, S. 152. Dagegen ereifert sich der niederd. Pfarrer Männling in seinen Curiositäten, Frkf. 1713: "Ists nicht schreckliche Dummheit, dass man sich bereden lässt, die Seele des Menschen sei eine rothe Maus, welche, wenn man schlafe, aus dem Munde heraus spaziere!" Eben solcherlei Sagen von in Gestalt der Mäuse auswandernden Seelen wollen wir nun folgen lassen.
Einer thüringer Magd, die in der Gesindestube über der Arbeit entschlafen ist, kommt ein rothes Mäuschen zum Munde heraus und geht durchs offenstehende Fenster davon. Ein mit zuschauendes Dienstmädchen rüttelt die Schlafende von ihrer Stelle, ohne sie erwecken zu können. Das Mäuschen kehrte hierauf zurück, suchte hin und her nach der vorigen Stelle, fand sie nicht mehr und verschwand zuletzt. Nun aber erwachte die Schlafende nicht wieder, sondern blieb todt. Grimm, DS. 1, S. 335. In Gestalt eines weissen Mäuschens kommt der Alb durchs Schlüsselloch ins Schlafzimmer und drückt den Sohn. Die Mutter, welche vorsorglich schon ein Tuch über die Brust des Schlafenden gebreitet hat, legt es nun, da sie ihn stöhnen hört, an den vier Enden zusammen, thuts in die Schublade der Kommode und lässt den Schlüssel dran stecken. In derselben Stunde war im Nachbarorte ein Mädchen plötzlich gestorben und sollte nach drei Tagen begraben werden. Da traf sichs, dass der Sohn, der seit dieser Zeit vom Alb frei geblieben war, am dritten zufällig den Schlüssel von der Schublade abzog, worin jenes Tuch lag. Sogleich schlupfte ein weisses Mäuschen durchs Schlüsselloch und lief zur Thür hinaus. Gleichzeitig hatte man im Nachbarorte schon den Sarg schliessen wollen, als ein Mäuschen zur Thüre herein und in den Mund der Leiche gelaufen kam, diese öffnete die Augen und gehörte wieder dem Leben an. Wolf, Hess. Sag. no. 95. Dieselbe Begebenheit in Sommers Thüring. Sag. no 40. In gleicher Gestalt kommt die Nachtmahr zum schlafenden Gesellen geschlichen und wird in gleicher Weise von ihm gefangen; kaum hat er das
Schlüsselloch der Kammerthüre verstopft, so sieht er statt der Maus ein wunderschönes Mädchen splitternackt hinter dem Ofen sitzen. Ibid. no. 96. Kuhn, Westfäl. Sag. no. 247. Wenn der Bergmeister Hinten auf dem Harze seinen Nachmittagsschlaf zu machen pflegte, kam eine Maus aus seinem Munde gekrochen und schlupfte in die Erde, doch zur vorbestimmten Minute erschien sie wieder und kroch in den Mund zurück. Alsdann wachte der Bergmeister unter heftigem Schnarchen auf, zog rasch seinen Fahrhabit an und fuhr in den Schacht. Dies that er nie vergeblich, denn sicher hatte er jedesmal durch die Maus Nachricht erhalten, dass die Knappen falsch gearbeitet oder gar die Grube verlassen hatten. Pröhle, Harzsagen 1, S. 68. Die Wache der Landsknechte sieht ihrer einen in der Mittagsrast einschlafen, da kommt ein kleines weisses Thierlein, gleich einer Wiesel, aus seinem Munde dem nächsten Bächlein zugelaufen und will hinüber. Der zuschauende Knecht legt sein entblösstes Schwert wie eine Brücke über den Graben, das Thierlein geht darüber hin und verschwindet. Nach einer kleinen Weile wieder kommend, findet es jenseits die vorige Brücke nicht mehr, da mittlerweile der Kriegsknecht sein Schwert weggethan. Also brückte dieser ihr abermals, das Thierlein kam herüber, näherte sich dem Schlafenden und kehrte in seine vorige Herberge ein. Als die Spiessgesellen den Erwachenden befragten, was ihm im Schlafe begegnet, antwortete er: Mir träumte, ich wäre gar müd und hellig von wegen eines fernen weiten Weges, den ich zog, und auf dem Wege musste ich zweimal über eine eiserne Brücke. Grimm, DS. no. 455. Ebenfalls als Wiesel fährt die Seele eines schlafenden Hirtenknaben aus. Wolf, Hess. Sag. no. 98. Der Prototyp dieser Sage ist nach der Aufzeichnung von Paulus Diaconus 3,34 und Aimoinus 3,3: der Frankenkönig Guntram, dessen Seele in eines Schlängleins Gestalt aus des Schlafenden Munde kommt, auf einem Schwerte den Bach überschleicht, in einen Berg schlieft und rückkehrend über die nämliche Schwertbrücke in den Mund