Beim aargauer Landvolke im Frickthal und im Hallwiler Seethal wird nach beendigtem Kornschnitte dem Gesinde die Müslinudel aufgestellt, aus Kernenmehl, schmalzgebacken. Unter demselben Namen wird sie in Altbaiern demjenigen unter den Dreschern heimlich zugeschoben, auf den der letzte Drischelschlag gefallen war, und er heisst davon beim Dreschermahl scherzweise der Maushüter. Panzer, BS. 1, no. 405. In Frankreich schätzt man einen in Arras, Béthune und St. Quentin einheimischen Käse-Pfannkuchen Namens Ratons, beides bezeichnend, Ratte und Eierkuchen. Ein Steinbild in der Nürnberger Lorenzokirche mit einer eignen Sage wird für eine Ratte mit der Bratwurst angesehen. Schöppner, Sagb. no. 641.

Gertruds Name verräth sich zwar bei diesen Erntespeisen nicht, wohl aber werden die ihr geweihten Pflanzen und Wappenthiere in den weiteren Erntebräuchen, besonders beim Heuschnitt erwähnt. In Schwaben sammelt man am Himmelfahrtstage Mausöhrleinkraut, gnaphalium dioicum, und hängt es gegen Blitzschlag in Haus und Stall. Meier, Sag. 2, 399; in Baiern wirft man Frauenschühlein, melilotus, und Gertrudenkraut gegen Abwendung des Hagelschlags ins Sonnewendfeuer. Panzer, BS. 1, 212. Gertruds Wagen und Gespann ist in nachfolgenden Sagen hervorgehoben. In der Stadt Grimmen fährt in der Walburgisnacht ein mit vier Mäusen bespannter Wagen umher, dessen Kutscher hahnenfüssig ist. Temme, Volksag. von Pommern und Rügen 329. Hier ist in des Kutschers Gestalt Donars Erntehahn nicht zu verkennen. Beim Prinzessinnen- oder Teufelsstein, einem Felsblock bei Köpenick, erscheint abwechselnd der Geist eines alten Mütterleins, das gebückt am Stabe geht, oder einer Prinzessin, die ihr Haar kämmend sich im Spiegel des dortigen Sees beschaut und dreimal um die Köpenicker

Flur getragen zu sein verlangt; dabei kommt ein schwer geladner Heuwagen heran, von vier kleinen Mäusen gezogen. Kuhn, Märk. Sag. no. 111. Bei Marne in Südditmarschen fliesst der Geldsot, in welchem ein Braukessel mit einem grossen Schatz versenkt liegt; nächtlich kommt dorten ein Fuder Heu gefahren, von sechs weissen Mäusen gezogen und vom Schimmelreiter begleitet. Letzterer aber ist bekanntlich Wuotan selbst. Bechstein, DSagb. no. 171. Wie hier der Geldsot eine Wunderquelle ist, so kennt solche nach Gertrud benannte Heilquellen besonders die Legende der Rhön- und Spessartgegenden, wo die Heilige als Karls des Grossen Tochter gilt. In den gekräuselten Wellen der Mainströmung glaubt man dorten nächtlicher Weile Gertrudens Fussspuren schimmern zu sehen;[[21]] wo sie zum Gebete niedergekniet hat im Felde bei Rohrlaha, bleibt die Stelle ewig unbebaut (Herrlein, Spessartsag. 68. 126. 127. 131.) Ihr daselbst kirchlich verwahrter Mantel wird Frauen umgehängt, welche Mütter zu werden wünschen. Das Gebet zu ihr lindert die Geburtsschmerzen und fördert die Geburten. Jac. Schmid, Leben hl. Hirten und Bauern, 3. Th. 52. Der Kinderbringer Storch ist daher unter ihren Attributen und sitzt an den ihr geweihten heilkräftigen Quellen. Zingerle, Gertrudenminne S. 50. Schöppner, Bair. Sagb. n. 976. In der Gertrudenkapelle zu Bamberg hörte jener Edelknabe, der auf den "Gang zum Eisenhammer" (Schillers Ballade) geschickt war, erst noch die Messe und entgieng darüber dem Tode. Schöppner, no. 207. Während sie auf Schloss Karleburg am Main einen Frauenconvent gründete,

wurde ihrem Priester Atalong von Schulknaben die Stelle verrathen, wo die Leiche des hl. Kilian unrühmlich verscharrt in einem Rossstalle lag. Da Atalong dieser Nachricht misstraute, so liess ihn dafür der Heilige erblinden, stellte ihn jedoch alsbald wieder her, nachdem er einer ihm zu Theil gewordenen Vision Folge gegeben hatte. So meldet die alte Aufzeichnung (bei Ign. Gropp, Collectio Scriptor. Wirceburg. 799), ohne jedoch den Vorgang der Heilung Atalongs zu berichten; letzteres thut die lebende Sage. Gertrud gieng eines Tages von der Karleburg nach dem benachbarten Waldzell, an dessen Klösterlein sie Stiftungen gemacht hatte, und blieb erschöpft und dürstend in der Einsamkeit stehen, als plötzlich ein Storch vor ihr aufflog. Zur Stelle entsprang die Gertrudisquelle, deren Wasser kranke Augen heilt. Bavaria IV. 1, 493. Archiv des histor. Vereins von Unterfranken 13, 154.

Nun ist noch des Brauches zu gedenken, der altherkömmlich, weitverbreitet, und langandauernd gewesen ist: Gertrudis Minne zu trinken.

Der Germane weihte dem Angedenken (ahd. minni ist memoria) seiner Götter und Stammhelden bei Opfern, Hochzeiten, Abschiedsschmäussen feierlich den ersten oder letzten Becher. Wie die Alemannen eine Kufe Bier sotten, um sie auf Wuotans Minne zu trinken, meldet aus der ersten Hälfte des siebenten Jahrhunderts die Lebensbeschreibung des hl. Columban. Nach der Bekehrung trank das unter christlicher Hülle fortlebende Heidenthum "Krists, Michaels, Marien, Gertruden und Johannis-minni." Grimms Myth. 53 ff. hat darüber aus unsern einheimischen Quellen vom 11. Jahrhundert. an eine Reihe Belegstellen gesammelt, deren Ergebniss ist, dass es im Mittelalter vorzugsweise zwei Heilige waren, zu deren Ehre Minne getrunken wurde, Gertrud und Johannes der Evangelist. Dasselbe zeigt auch J.V. Zingerle's Schriftchen: Johannissegen und Gertrudenminne (Wiener Jahrbücher 1862). Heut zu Tage scheint diese

kirchliche Sitte nur, noch für Johannis zu gelten (so z.B. im Kanton Wallis); Gertrudenminne zu trinken war in Holland und Belgien allgemein üblich gewesen und soll dorten aus Abscheu vor dem Andenken an den Verräther Gysbrecht abgekommen sein, dem sein Schlachtopfer, Graf Floris von Holland, vergeblich Gertrudenminne zugetrunken hatte. Wolf, Ndl. Sag. S. 699. Den Johannissegen pflegt man heute des Reiseschutzes wegen zu trinken; mit dem Gertrudensegen aber glaubte man für den Fall, dass der Scheidende von seiner Reise nicht mehr zurück kehre, sich eine gute Herberge jenseits zu sichern, da der abgeschiednen Seele ihre erste Nachtruhe eben bei St. Gertrud angewiesen ist; und darum wurde diese Heilige aus einer Seelenherrin später eine Patronin der Reisenden. Das Glas, aus dem man in den Niederlanden ihre Minne trank, hatte die Form eines Schiffchens (Wolf, Beitr. 2, 108), als Andeutung nicht bloss der weiteren Reisen, die man in den Niederlanden zu Schiffe machte, sondern jener weitesten, welche über den Todesstrom führt und unsern Ausdruck Absegeln für Sterben zur Folge hat. Von dieser Seelenüberfahrt handelt Deutscher Glaube und Brauch 1, 173, und dorten ist die redende Stelle aus einer Einsiedler Handschrift angeführt: "wenn die menschen sterbend, so far die sel durch das wasser." Darum auch zeigte das schon erwähnte Strassburger Kirchengemälde St. Gertrud mit zu Schiffe, und die Gertrudenlegende (A. SS. sec. II. pag. 465) berichtet, wie die Schiffer des Klosters Nivelles bei heiterem Wetter einem wundersam grossen Fahrzeuge begegnen, das sich rasch in ein stürmendes Meerungeheuer verwandelt und ihnen den Untergang droht, aber sogleich versinkt, als sie dreimal Gertrudens Hilfe anrufen. Aus solchem schiffähnlichem Trinkgeschirre schenkte Gertrud den Schatten den Erinnerungstrank, wie Freyja und ihre Walküren den Asen den Meth. Ein Nachklang an dieses in Walhall ausgeübte Mundschenkenamt liegt noch in der Gertrudenlegende der Bollandisten, A. SS. tom. I. ad diem VI. Januarii, wornach

eine andere Gertraud, welche hier nur Venerabilis genannt ist, in ihren jüngeren Jahren Kellnerin in verschiednen Wirthshäusern Hollands gewesen war; sie trägt den Beinamen Von Osten, weil sie unter den Zechliedern der Wirthsgäste das geistliche Lied "Es taget auf von Osten" gedichtet und öfters hergesungen hat. Sie war ein Bauernkind aus dem Dorfe Voorburch, zwischen Delfft und Grafenhaag, trat mit ihren beiden Freundinnen Lielta und Diewardis, die gleichfalls Dienstmädchen gewesen, in das Beginenhaus zu Delfft und starb hier 1358. Bei andern Autoren wird sie abwechselnd eine Beata und Sancta genannt.

Die in der Figur Gertruds enthaltenen Züge der Walküre sind ausser ihrem schon anfangs erklärten mythischen Namen nachfolgende.

Sie ist des von ihr erwählten Mannes schützender Gefolgsgeist, seine Fylgja, lässt sich mit ihm in ein Ehebündniss ein, schützt ihn mit Gefahr ihres eignen Lebens vor den feindlichen und den höllischen Waffen, reitet für ihn ins Gefecht und hinterlässt ihm, wenn sie nach dem Schluss des Schicksals verschwinden muss, einen gesegneten Besitz und tüchtige Nachkommenschaft. Die elbische Waldfrau, welche des Hofbauern Untermoser Eheweib geworden war, hatte diesem untersagt, sie je um ihren Namen zu befragen. Einst aber war er Ohrenzeuge, wie ein an der Wiese vorbeigehendes Waldfräulein im Gespräche mit seinem Weibe dieses Gertrud nannte; unvorsichtig wiederholte er ihr diesen Namen und weinend musste sie hierauf Mann und Kinder für immer verlassen. Scheidend ergriff sie einen Eisenstab, stiess ihn ins Feld und sprach: So lange von dem Stecken noch eine Ader bleibt, wird jeder Untermoser gut hausen. Und dies Wort ist bis heute in Erfüllung gegangen. Panzer, BS. 2, S. 46. In Wolfs Ndl. Sag. no. 42 und 358 ist ein ähnliches Bündniss im Tone der Ritterzeit erzählt. Riddert von Berkhof hatte sich dem Teufel verschrieben, veranstaltete nach abgelaufener Frist seinen Freunden ein grosses Abschiedsmahl; trank ihnen zum Schlusse einen Becher Geerdenminne