Der Mythus vom Maienthau.
Von der Adventzeit bis zu Ostern lässt die katholische Kirche täglich die Rorate-Messe singen, die ihren Namen trägt von der Stelle Jesaia's 45, 8: Rorate, coeli, desuper et nubes pluant justum; thauet, Himmel, den Gerechten! Wolken, regnet ihn herab! Diesen vom Himmel fallenden Segen erhoffte das Heidenthum von der Thaugöttin selbst und sah ihn erfüllt mit deren Ankunft in der Walburgis- und Johannisnacht. Nur von der ersteren ist hier die Rede.
Mit banger Erwartung geht unser Landmann in der Walburgisnacht zu Bette und beim ersten Tageslicht tritt er vor sein Haus; ist da kein reichlicher Thau zu sehen oder hat es gereift, so ist seine Hoffnung auf eine erkleckliche Jahresernte schon halb dahin. Selbst wenn ihm im Heumonat darauf noch soviel Futter wächst, er traut demselben keine Nahrungskraft zu, es hat ja keinen Maithau bekommen; es ist ohne Salz und Schmalz. Lieber ist er daher nur mit halb so viel Heu zufrieden, als mit einem doppelten Heuerträgniss ohne Maienthau oder ohne Regen an Walburgis. "Regen auf Walburgisnacht hat stets ein gutes, Jahr gebracht. Walburgisfrost ist schlimme Post". In Meklenburg
heisst es vom Walburgisregen, er bringe ein unfruchtbares Jahr, weil mit ihm (vgl. Wolf, Beitr. 2,367) von den göttlichen Mächten die Festfeuer zurückgewiesen werden. Wenn es dagegen an den drei ersten Maitagen reichlich thauet, so braucht es den ganzen Monat über keinen mehr. Maienthau macht grüne Au. Oder, der Bauer rechnet auch in arithmetischer Progression also: Thaut es im Mai fünfmal, so erwartet man eine Viertelsernte; zehnmal, so giebts eine halbe; fünfzehnmal, so giebts eine volle Ernte. Thau auf der Wiese ist Geld in der Truhe. Als König Gustav III. von Schweden einem ostgothländer Bauern, der ihm vorgestellt wurde, einen kostbaren Ring zeigte und ihn über dessen muthmasslichen Werth befragte, meinte der Landmann lächelnd: doch wohl nicht so viel, wie ein Schauer Regen im Mai. Kann man, sagt der Aargauer, am ersten Mai genugsam Thau gewinnen, so kann man daraus Gold läutern. Daher trägt die hl. Walburg feurige (goldne) Schuhe (Vernaleken, Alpensag. S. 92); daher trägt bei den Hexenversammlungen eine der Frauen am rechten Fusse den Goldschuh (Grimm, Myth. 1025); daher redet das Kindermärchen (Grimm 3, no. 99) von der Lebenstinctur des Goldwassers; daher taucht in der Walburgisnacht im Gewässer der Bode die goldne Krone der Prinzessin Brunhilde hervor und schwimmt bis zum Morgen obenauf. Kuhn, Nordd. Sag. no. 193; "daher sammeln die Alchimisten im Majo Regenwasser in grosse Krüge, dass sie sich das ganze Jahr durch nach Bedürfniss damit behelfen können." Coler, Almanach (Mainz 1645, 59). Den Slaven ist in einem einzigen Tropfen Thau eine Wunderwelt enthalten, er soll des Menschen ganze Lebensgeschichte enthüllen, wenn man ernstlich hineinschaut. Haupt-Schmaler, Wend. Volksl: 1, S. 381. Die Perlenmuschel hat ihre Perlen nicht vom Meer, sondern vom Himmel selbst, schreibt Konrad von Megenberg im Buch der Natur (Augsb. bei H. Schönsperger 1499, Bl. pj und piij): sy begeret des hymeltawes, recht als ein fraw jres liebes begert. das ist, da das taw allermeyst fellt, so trinken
sie das begeret taw in sich und werdent schwanger. ist das taw klar vnd lauter, so werdent die margariten gar fein. Aehnlich in Fr. Rückerts Vierzeilen:
Die Rose stand in Thau,
Es waren Perlen grau;
Als Sonne sie beschienen,
Da wurden sie Rubinen.
Aus Erde und Thau formte der Schöpfer Adams Fleisch und Blut; so sagen die Evangelien der Vorauer Handschrift (ed. Diemer, Deutsche Ged. S. 319-330):