Sonnnenthau einen nach ihr genannten Liqueur Ros solis, nun Rossoglio genannt. Der Zierbaum, den man im bair. Lechrain in der Mainacht der Liebsten vors Kammerfenster setzt, muss nebst Aepfeln und Bändern stets mit einer vollen Rosogliflasche behangen sein. Leoprechting, Lechrain 177. Ans den Blumen der zum Johannisfeste geflochtnen Johanniskronen kocht man in Sachsen einen heilkräftigen Thee. Sommer, Thüring. Sag. 148. 156.
Die Alchemilla vulgaris, Thaumantel, Thauschüssel, Parasol und Frauenmäntelchen genannt, bietet dem Sennen nicht nur das milchergiebigste Gras, man destillirt das in ihrem Kelche sich sammelnde Wasser als Heilmittel; zehn solcher Blumenkelche voll Thau stillen Jedem den Durst. Schönwerth, Oberpfalz 2, 132. Die Salbe Oli-rongé wird zu Saintes Maries in der Provence bereitet, indem man an Johannis zwischen Morgenröthe und Sonnenaufgang aromatische Kräuter sammelt und sie in Olivenölflaschen verschliesst. Wolf, Beitr. 2, 394. Um das ganze Jahr frische Rosen im Zimmer zu haben, legt man Rosenknospen in einen mit Wein gefüllten und verschlossnen "Walburgischen Krauss." Kunst- und Wunderbüchlein, S. 233. Um seltne Küchenkräuter jahrelang frisch und schmackhaft zu haben, verordnet die Kuchemaistrey (Incunabel o.O.D.u.J.) Blatt 22: vach tawwasser mit einem reinen neugewaschnen leinentuch, das keg auf einer wisen hin vnd her, druck es auȥ in ein sauber kandel vnd bayȥ (beize) die kreüter darinnen. Eben diese Gewinnungsweise schreibt Konr. v. Megenberg, Bl. e3 gegen Ausschlag vor: so (der mensch) sich denn wescht mit dem taw vnd darinn waltz des morgens, ee die Sunn den taw benimpt, so wirt er rein an seiner haut. o Maria, hilf vnd taw mit genaden auf vns reüdige menschen!
Eine Bernersage aus dem Habkerenthal wird mir also mitgetheilt. In einer Höhle des Berges Harder, die vom Pfarrhause des Dorfes Habchen aus erblickt wird, lebten ehemals Zwerge. Die Bauernschaft im Thale stand mit
diesen Erdmännlein in gutem Einvernehmen und nach altem Brauch stellte man ihnen jedes Frühjahr einen Krug Maienthau an einen bestimmten Ort, wo ihn die Zwerge abholten und in die Höhle trugen. Sie badeten damit ihre neugebornen Kinder und wuschen sich Windeln und Weisszeug; zum Entgelt dafür überschickten sie den Bauern Honigthau, worauf die Bienenzucht im Thale besonders gedieh. Nun, nachdem die Zwerge ausgewandert oder gestorben sind, hängt ihre Höhle voll milchweisser Steinzapfen, lauter im Bad verspritzter Maienthau, der sich zu Milch versteinert hat, und heisst davon das Mondmilchloch.
In der Normandie, der Bretagne und den Pyrenäen badet das Volk die Fieber ab, indem es sich am Johannistage nackt im Thau des Haberfeldes wälzt: se rouler ce jour-là le matin dans la rosée, ou se baigner dans une fontaine guerit de la gale et de toutes maladies cutanées. De Nore, Coutumes, mythes et traditions. 127. 231. 262. Dasselbe thun die Saalfeldischen Mädchen Nachts in den Flachsfeldern. Grimm, Myth. Abgl. no. 519. "Ich werde," schreibt Coler, Almanach 62, "von erfahrnen Leuten berichtet, dass der Maienthau grindichten, scherbichten Leuten gesund sein soll, wenn sie sich früh nacket drein wälzen. Die Medici nennen solchen Thau rorem matutinum in vere, S. Walpurgisthau."—Isländer und Schweden pflegten in Thau zu baden, um damit Krankheiten wundersam zu heilen: Finn Magnusen, Lexikon mythol. 72. Die Engländer setzten eine Metze Haber oder eine Korngarbe unter den Nachthimmel und wuschen sich mit dem darauf gefallnen. Thau gegen Pestansteckung. Liebrecht, Gervas. Tilbur. pg. 2. Der Altbaier wäscht sich im Maienthau, dazu sprechend:
Das hilft für's Gah,
für's Bläh,
für'n U'flat.
Das Gah ist gäher Tod und fallendes Uebel; Bläh die Rinderaufgelaufenheit, Stillfülli; Unflat der Aussatz. Panzer, BS. 2, 30. "Morgenthau ist gut für abgehauene Füsse, gut
für abgehauene Arme, für ausgestochene Augen", so sprechen die drei himmlischen Jungfrauen, bestreichen den Verstümmelten und alsbald ist er wieder ganz und heil. "Benetze deine Augenhöhlen mit Morgenthau, der auf den Baumblättern liegt", sprechen die drei Schwäne zu dem von der Stiefmutter geblendeten Mädchen. Haltrich, Siebenbürg. Märch. S. 36. 216. "Heute Nacht fällt ein Thau, sagt die Krähe, so wunderheilsam: wer blind ist und bestreicht seine Augen damit, der erhält sein Gesicht wieder." Grimm, KM. no. 107. Dies ist der im böhmischen Märchen "Nachttraum der hl. Walburgis" allen Geblendeten verkündete Heilthau (bei Gerle 1, no. 7, citiert in Grimms KM. 3, 342). So geschah es nach Ostern in der Weissen Woche in Beisein des Frankengrafen Adalbert zu Monheim, dass ein Blinder am dortigen Grabe Walburgis plötzlich wieder sehend geworden war. Act. SS. saec. 3, pars 2, pag. 305.