Die Koblenzer sind seitdem bewährte Fischer und Fergen, die auf den Rath der Heiligen die Stüdlerzunft gründeten; erst vor einigen Jahren ist sie bei Aufhebung sämmtlicher Zünfte mit eingegangen. Dieser Genossenschaft der Laufenknechte stand ein von allen Landvögten verbrieftes Fährrecht mit der Obliegenheit zu, sämmtliche den Rhein zwischen Zurzach und Basel befahrende Schiffe und Güter durch
die dortigen Strudel (genannt Laufen) zu führen. Am Gewölbe der Zurzacher Stiftskirche hängt daher ein kunstreich geschmiedetes Votivschifflein. Eine aus Tatian von Grimm Gramm. 3, 437 angeführte ahd. Glosse lautet: verenna cymba; was sonst ahd. verſcif heisst, nhd. Fähre. Graff, Sprachschatz 3, 587 citiert aus Tatian: mit ferennu quamun, navigio venerunt.
Allein Verena, die Müllerpatronin, übt zugleich auch das Geschäft der Liebesgöttin; somit ist vorerst das Einheitliche im Wesen dieses Doppelgeschäftes hier nachzuweisen, um damit einen besondern Theil des heidnischen Cultus zu entblössen, der im Verenacultus nachklingt. Die Ackerbau-Terminologie wird von jeher auf die geschlechtlichen Beziehungen übertragen, die ehliche Verbindung auf die Erdbefruchtung, auf die Demeter. Des Mannes That heisst griechisch ackern, besäen, besamen; das weibliche Saatfeld heisst sabinisch sporium, der ihm Entsprossene spurius, der Ausgesäete (Bachofen, Gräbersymbolik 204). So hat auch Mahlen und Mühle in den Sprachen erotische Bedeutung. Bei Theokrit (4, 58) ist μυλλος cunus; Festkuchen dieses Namens, aus Sesam und Honig gebacken, wurden bei den grossen Thesmophorien den Göttinnen zu Ehren in Syrakus umhergetragen. Athenäus XIV, 647 A. Den Sinn des griech. μυλλω (coire) und des Wortspiels bei Petronius: molere mulierem, drückt unsre eigne Sprache in gleicher Weise aus. In Simrocks Volksliedern no. 285 erwiedert die Müllerin ihrem um Einlass anpochenden Gemahl:
Ich steh fürwahr nicht aufe,
Ich lass dich nicht herein;
Ich hab die Nacht gemalen
Mit sechs jungen Knaben.
Davon bin ich so müd.
Der durch die Buhlin der Kraft beraubte Samson muss den Mahlstein drehen: Richter 16, 21. Daher ist die Mühle in unsern ältesten Sagen der Ort der Liebesabenteuer. Der Landpfleger Pilatus ist nach dem gleichnamigen ahd. Gedichte
vom rheinischen König ausserehelich mit der Pyla erzeugt, des Müllers Atus Tochter. Ausserehlich ist Karl der Grosse erzeugt und geboren auf der Reismühle am bair. Würmsee. Aretin, Bair. Sag. 1803. Schöppner, Sagenb. no. 22. König Heinrich III. erbaute Kloster Hirschau in der Nähe jener Mühle, darin er war geboren worden; sie steht noch und gilt für eines der ältesten Gebäude in Hirschau. Vgl. Schönhuth, Burgen Würtembergs 1, 88. Meier, Schwäb. Sag. S. 336. Ebenso steht heute noch im würtemberger Schussenthale die Grieslemühle, in der die eilf ausgesetzten Welfenkinder, die Ahnherren der Hohenzollern, erzogen worden. Birlinger, Schwäb. Sag. no. 340. Aventins Chronik berichtet, wie Herzog Ott von Baiern die Brandenburger Mark dem Kaiser verkauft und die Kaufsumme daheim mit der hübschen Müllerin auf der Gretelmühle lustig verzehrt. Grimm DS. no. 496. Vom Ehebruch der stolzen Frau Müllerin erzählt alles Volkslied bis auf Göthes "Der Müllerin Verrath". Vom Jahre 1322 bis 1802 galt zu Augsburg der Name Hahnreimühle für eine der städtischen Mühlen. Im Mühlgraben liegt jener grosse Stein, hinter dem die Amme die Kinder herausholt. Wolf, Ztschr. f. Myth. 3, 31. Als alles Riesengeschlecht im Blute des erschlagnen Ymir ertrinken musste, rettete sich der einzige Bergelmir sammt seiner Frau in einem Mühlkasten. Myth. 426. Aber Mahlstein und Saatkorn gestalten sich dem fortschreitenden Begriffe zum heiligen Religions- und Rechtssymbol. Darum führen selbst die alles verleihenden Lichtgötter Apollo und Zeus den Beinamen μυλευς, bei den eleusinischen Göttinnen wird ehliche Treue beschworen, der Ceres legifera opfert die bräutliche Dido, der römische Cerestempel diente als Gesetzesarchiv. Auf einem Mehlfasse hat die wendische Braut zu sitzen, während sie von ihren Freundinnen zur Hochzeit geschmückt wird. Haupt, Lausitzer Sagenb. 1, 183. In diesem Sinne ist das Volkslied (bei Uhland 1, S. 76) von der Mühle zu verstehen, welche reines Gold und treue Liebe mahlt: