Als nun die fünf Jahre um waren und Klas sich unten bis an den Rand durchgefressen hatte, und nun wieder herausfallen sollte auf die Erde, damit sein Schicksal erfüllet würde, fiel er in einen tiefen Schlaf, und ihm träumte ein sonderbarerer Traum, als er je gehabt hatte. Die alte weise Frau nehmlich, die immer bei ihm saß und ihm Geschichten erzählte und aussah wie seine selige Großmutter, schien ihm sehr traurig und gebehrdete sich, als wenn sie Abschied von ihm nehmen wollte, ja sie sagte es ihm. Und es däuchte ihm, als wenn sie sehr brünstig und mit vielen Thränen über ihm betete und ihn dann aus dem Bette nahm und ihn wusch, wie man ein kleines Kind wäscht, bis er weiß ward wie ein Schwan, und als wenn sie ihm dann ein weißes Hemd anzog und einen sehr zierlichen neuen Rock und neue Schuhe und Strümpfe, und dann verschwand. Und auch ihm schien sehr traurig zu seyn in seinem Herzen. Und dies war wirklich kein Traum gewesen sondern er war drinnen rein gewaschen worden und neu gekleidet vom Haupt bis zu den Füßen, und so war er im Traum aus dem Berge herausgefallen. Er hatte es aber nicht gemerkt sondern diese Wundergeschichte verschlafen.

Weil Klas Avenstaken nun wieder auf der Erde erscheinen soll, so muß ich erzählen, wie es die fünf Jahre, wo er im Pfannkuchenberge lebte, in seines Vaters Hause gegangen war. Es hatte sich dort seit seinem Verschwinden nichts Ungewöhnliches begeben, sie lebten gottlob noch alle, die Altern und die Geschwister, und seine mitternächtliche Pfannkuchenbergfahrt war wirklich das einzige Außerordentliche gewesen, was das Haus in so langer Zeit erlitten hatte. Es war lange Trauer um ihn gewesen, besonders in dem Herzen seines Vaters, der es sich aber nicht merken ließ, auch in dem alten ehrlichen Valentin, den die Mutter überdies wegen seiner Geschichten noch viel ausgescholten hatte. Es war aber seit jener Zeit alle Freude von ihm gewichen und kein Mährchen mehr über seine Lippen geklungen, und der alte Mann, der sonst so munter und scherzhaft war, war fast stumm und grämlich geworden. Auch hatte er aus dem Hause und dem Dienst weggewollt, Peter aber in seiner Gutmüthigkeit hatte es nicht zugelassen, und gesprochen: hat der Valentin so großes Leid mit uns erfahren, so soll er nun auch das bischen Brod mit uns essen bis an sein Lebensende. Von Klas ward übrigens fast nicht mehr gesprochen oder doch nur leise geflüstert; die meisten Leute und auch seine Mutter meinten, die bösen Geister seyen mit ihm abgefahren und das Knäblein werde in diesem Leben nicht wiederkommen. Nur Valentin und Peter sprachen zuweilen unter sich noch von dem Knaben, den sie beide so lieb gehabt hatten, und hegten verschwiegen die Hoffnung, er könne doch noch wohl mal wiederkommen. Die beiden glaubten auch an die Geschichten, die sie so gern erzählten oder erzählen hörten. Und siehe! ihre Hoffnung betrog sie nicht; denn Klas kam wirklich wieder. Nun muß ich erzählen, wie dies geschehen ist.

Weil Wunder immer auf das wunderbarste geschehen, so begab es sich, daß Klas gerade auf derselben Stelle, wo er einst versunken, aus dem Pfannkuchenberge wieder in diese Welt hineingefallen war. Das konnte nun doch nicht anders geschehen, als daß der Pfannkuchenberg sich umgekehrt hat, und daß die ganze Welt sich mit ihm umgekehrt hat. Eines von beiden mußte geschehen seyn, und weil es so war, deswegen heißt es ein Wunder; denn ein Wunder ist, was jeder Mensch wohl wissen aber doch kein Mensch begreifen kann. Kurz und gut, als Klas erwachte, lag er nicht in seinen weichen Betten sondern im grünen Grase und sah seine wohlbekannte Buche wieder und den hohen Berg, worauf er so oft die Rinder getrieben hatte, und den ganzen Wald und das Feld drunten, und die Dörfer und ihre Kirchthürme kamen ihm wieder wie alte Bekannte vor, jene fünf im Pfannkuchenberge verlebten Jahre aber waren ihm wie ein Traum, und es war ihm nicht anders, als sey nur eine Nacht vergangen zwischen dem Abend, wo seine Brüder und Gesellen von ihm liefen, und diesem Morgen, wo die Lerchen der Erde ihn wieder wach sangen. Es war aber ein sehr schöner Frühlingstag, als er sich durchgefressen hatte und wieder aus dem Berge fiel.

Klas lag nicht lange im Grase und gaffte, sondern er machte sich bald auf und lief geschwinde durch den Wald und über das Feld grad auf seines Vaters Haus zu. Und er fand, als er in die Stube trat, seine Ältern und Geschwister und den Valentin alle um den Tisch stehend, die eben die Hände zum Gebet gefaltet hatten; denn sie wollten frühstücken. So trat er unter sie. Er war aber sehr groß und schön, beinahe eines halben Kopfes höher als Peter, der auch kein kleiner Mann war, und er hatte schöne neue Kleider an. Und deswegen sahen sie alle auf und verneigten sich vor ihm, denn sie meinten, er sey ein Fremder. Er aber fiel Vater und Mutter und Schwestern und Brüdern um den Hals und herzte und küßte sie, und sagte: ich bin Klas und bin wieder aus dem Pfannkuchenberge gekommen; und auch den alten Valentin, seinen sehr lieben Freund, küßte er recht herzlich. Und sie erkannten ihn nun wieder an manchen Zeichen, und erstaunten sehr und freueten sich, daß er so groß und hübsch geworden.

Als nun aber das erste Erstaunen vorbei war, da wollten alle wissen, wie es ihm gegangen war in den fünf Jahren und drei Monaten, die er weg gewesen; und das ganze Dorf war herbeigelaufen, daß sie Klas Avenstaken sähen, und das erste Wort war immer: Nun lieber Klas, erzähle uns, wie ist es ergangen? und wie sieht es in dem Pfannkuchenberge aus? Er wußte ihnen aber nicht viel zu sagen, sondern es kam alles dunkel heraus wie Träume und Gespenstergeschichten; so daß einige ihn mit erschrockenen Augen anguckten, als sey es nicht geheuer mit ihm und als treiben schlimme Geister in ihm ihr Spiel, andere wohl hie und da flüsterten: der Klas lügt, er ist nicht in dem Pfannkuchenberge gewesen, er ist von seinen Ältern gelaufen und ist nun wiedergekommen, und der schlaue Schulze hat die ganze Geschichte erfunden, daß er seine Schlappe bemäntele. Die meisten indessen hatten Glauben zu dem Abentheuer und fanden recht großen Gefallen an der Erzählung, wie sein Zimmer mit Braten, Kuchen und Früchten tapeziert gewesen, und wie der Milchborn und Weinborn immer im Flusse gewesen: und das glaubten sie wohl, denn sie sahen seinen starken und schönen Gliedern und seinen rosenrothen Wangen und funkelnden Augen wohl an, daß er die Zeit nicht gehungert hatte. Seine Mutter aber war die erste, die ihn voll Ungeduld nach den Säcken mit goldenen Dukaten fragte und ob er keine mitgebracht habe? Als er nun antwortete, da müsse der Valentin sich in der Geschichte versprochen haben, denn von Gold und Silber habe er in dem Pfannkuchenberge auch kein Pröbchen gesehen, da kopfschüttelte sie und meinte, er habe die fünf Jahre eben so gut zu Hause bleiben und die Wirthschaft mehren und an ihrem Tische essen können: denn was helfe es ihm nun, daß er Fasanen und Waldschnepfen gegessen und den köstlichsten Wein geschlürft habe? ohne Geld, möge er sich nur nicht einbilden, daß ein Mensch König werden könne, was der einfältige Valentin ihm vorgefabelt habe. Denn Valentin bekam bei Gelegenheit immer sein Seitenhiebchen mit ab. Und soll ich nun die Wahrheit sagen, so lautet sie so: Die ersten Tage waren die Leute im Dorfe außer sich über Klas und stürmten Peters Haus fast, die ersten Wochen verwunderten sie sich sehr, die ersten Monate sprachen sie viel davon, und nach einem Jahre war die Geschichte von den meisten schon wieder vergessen. Die aber immer noch viel von der Geschichte sprachen, das waren die jungen Dirnen, denn ihnen gefiel Klas über alle Maaßen, und wo sie es sagen durften, riefen sie fast einstimmig: Klas Avenstaken ist doch der schönste Junge im Dorfe.

Klas war in seinem achtzehnten Jahre und fand sich wieder auf der Welt, wie er wohl wußte. Er machte sich rüstig an die Arbeit, denn dazu hatte er Sehnen und Knochen, und ging mit seinem Vater pflügen und säen, Steine brechen und Holz hauen, Gras und Korn mähen, und that all sein Werk still und bescheiden und schaffte so viel als drei andere. Und der Vater hatte ihn immer sehr lieb und auch der alte Valentin freute sich an ihm. Auch die Mutter freute sich seiner schönen Jugend und Gestalt, was Mütter und Weiber nicht lassen können, und schmunzelte oft, wenn die Nachbarinnen ihn wegen seiner Schöne lobten; aber im Ganzen war er ihr doch nicht zu Sinn und däuchte ihr zu still und zu einfältig und nicht so geschickt und anstellig, als ihre andern Kinder. Und wirklich viele Worte konnte Klas nicht machen, ja er war viel stiller geworden, denn er als Knabe gewesen; auch hatte er in den fünf Jahren, die er in dem Berge gesessen, gar nichts zugelernt sondern schier alles vergessen, was er aus der Schule mitgebracht hatte; so daß er nichts weiter wußte als sein einziges kurzes Gebetchen. Doch wußte die Greth mit Grunde nichts auf ihn zu sagen: er war gehorsam und demüthig in aller Arbeit, ging fleißig mit andern Christen zur Kirche und hielt alle heiligen Tage und Feste sittiglich und andächtiglich mit, und hatte bei jedermänniglich Liebe und ein gutes Gerücht. Das Einzige, was sie an ihm tadelte und mit Recht tadeln konnte, war, daß er abendlich und nächtlich viel außer dem Hause war. Denn das konnte er nicht lassen, besonders an Sonntagen und Festtagen. So wie die Sonne unterging, mußte er in Feld und Wald spazieren, und oft besuchte er dann auch den Berg, wo er sein Abentheuer gehabt hatte, und saß unter der grünen Buche und träumte die lustigsten Träume des Pfannkuchenberges noch einmal und kam gewöhnlich stummer und in sich gekehrter zu Hause, als er ausgegangen. Wenn Greth ihn nun darüber auch nicht schalt, so mußte es der Peter entgelten, wenn er den Klas lobte. Sie brummte dann wohl für sich hin: ja was ist denn dein Klas? was hat ihm die ganze Bergfahrt gefrommt, wovon man so viel Geschrei macht? Reicher ist er nicht geworden, klüger wahrhaftig auch nicht, unser Speck und Brod hätte ihn eben so stark machen können, und er hätte uns noch Geld dazu verdient. Er ist als der blöde und stumme Dickkopf wiedergekommen, als welcher er weglief. Dein Klas ist der Klas geblieben. Solche Reden mußte Peter oft hören und verschlucken, und grämte sich und durfte kein Wort dazu sagen. Doch in seinem Herzen däuchte es ihm alles anders, und er und Valentin ließen den Gedanken nicht fahren, der Klas müsse noch ein rechter Bidermann werden.

So waren wieder drittehalb Jahre vergangen und Klas war an Schenkeln und Schultern noch stärker und wo möglich noch schöner geworden, und füllte sein zwanzigstes Jahr. Da begab sich, was sich begeben sollte, damit er aus dem Bauerkittel herauskäme und zu den hohen Ehren gelangte, wozu Gott ihn hatte gebohren werden lassen.

Er war mit seinem Vater in den Wald gegangen Holz zu fällen. Sie hieben an zwei verschiedenen Seiten einige hundert Schritt von einander, so daß sie nur den Schall ihrer Äxte hören konnten und nichts weiter. So mogten sie wohl einige Stunden gearbeitet haben, als Klas mit Einem Male von der Stelle her, wo Peter hieb, ein klagendes Ächzen hörte. Er ließ seine Arbeit und lief sporenstreichs hin und sah, wie vier Männer in grünen Röcken seinem Vater die Hände auf den Rücken gebunden hatten und ihn mit Prügeln forttrieben. Da ergrimmte er, sprang hinzu, riß die Bande los, stieß die Männer weg und fragte sie, aus welcher Macht sie das thäten. Sie antworteten ihm, er komme in guter Stunde, und ihm werde bald dasselbe geschehen; denn sie beide seyen Holzdiebe und hauen nicht auf ihrem Grunde sondern es sey des gnädigen Herrn Wald. Es waren aber diese Viere Jäger des Grafen, dem das Land gehörte, doch war der Wald, wo Peter und Klas Holz fällten, nicht des Grafen eigener Wald sondern eine Almend des Dorfes Dümmelshusen. Und sie wortwechselten noch viel mit einander; als die Jäger sich aber unterstanden den Alten wieder zu binden und auch den Klas binden wollten, da kam der Zorn über ihn und er rief mit gewaltiger Stimme Grad dör! und hieb mit der Axt um sich, und hieb sie alle vier nieder, daß auch kein Lebenszeichen in ihnen blieb. Seinen Vater aber tröstete er des Schimpfes, und ging mit ihm zu Hause, wo er jedermann offen erzählte, was sich zwischen ihm und den Jägern des Grafen im Walde begeben hatte.

Es ward ihm und seinem Vater aber nicht so geglaubt, sondern es hieß, er habe die Jäger gewaltsam angegriffen und gefällt. Und der Graf sandte viele hundert Mann mit Spießen und Stangen nach Dümmelshusen, daß sie den Klas einfingen und ins Gefängniß führten. Und Klas entwich nicht, wiewohl er es gekonnt hätte, und weigerte und wehrte sich nicht, sondern ließ sich ruhig wegführen. Denn er sprach bei sich: Der Obrigkeit soll man gehorchen und unterthan seyn, und Gott wird Recht und Unschuld wohl ans Licht bringen.

Und als er in die Stadt kam, wo der Graf wohnte, nahmen sie ihn und legten ihm Hände und Füße in Eisen wie einem Missethäter und warfen ihn in ein dunkles Gefängniß, wo weder Sonne noch Mond hineinschien, und hielten ein strenges Gericht über ihn und verdammten ihn zum Tode, als der des Landes Frieden gebrochen und schweren Mord begangen hätte. Und alsbald ließ der Graf, der über den Tod seiner Jäger sehr erzürnt war, einen neuen Galgen bauen vor den Thoren der Stadt fünfzig Ellen hoch, woran Klas Avenstaken gehängt werden sollte. Und es waren viele tausend Menschen aus allen Enden herbeigelaufen den Tag, als er gehängt werden sollte; denn sein Gerücht war weit erschollen wegen seiner Stärke und Schönheit, auch hatten die Leute sich das Mährchen von dem Pfannkuchenberge wieder erzählt und es mit vielen neuen Wundern vermehrt.