»Müssen wir's nicht der Mama sagen?« fragte ich. »»Nicht nötig. Die weiß es von selbst««. Sie wußten's beide von selbst und ließen uns noch mehr gewähren. Wir rannten stundenlang durch die stillen grünen Eichenwälder, plauderten von unserer künftigen Wohnung, zankten uns über die Tapeten, und heimlich langweilte ich mich oft unaussprechlich. Anfangs Oktober mußte er nach Berlin zurückkehren. Er war trauriger als ich. »Nächstes Jahr im Mai komme ich wieder, und dann ... Wirst Du mich nur nicht vergessen? Du bist so jung!«
Schreiben sollten wir uns nicht, zu meiner großen Erleichterung. »Solch' eine Correspondenz wird leicht langweilig«, sagte die kluge alte Dame. »Er hört von mir über Dich, und Du hörst von mir über ihn«. Ich war sehr zufrieden. Am fünften Oktober reiste er ab. Wir brachten ihn zur Bahn. Ich hatte mein schönstes Taschentuch mitgenommen, um dem Zug nachzuwinken. Auf dem Heimweg weinte ich ein wenig und kaufte mir drei große Aepfel. Die aß ich Abends auch auf.
In meinem Innern rührte und regte sich nichts. Ich langweilte mich in der ersten Zeit, da ich des vielen Alleinseins entwöhnt war. Da war niemand mehr, der viertelstundenlang vor mir auf den Knieen lag, mir die Hände küßte und mir erzählte, wie schön meine Augen und wie glänzend meine Haare wären. Die klassischen Bücher aus der alten Bibliothek meines Vaters verstand ich nicht. Meinen sehr mangelhaften Sprachkenntnissen durch Studien nachzuhelfen, wäre mir schon gar nicht eingefallen. Ich spielte ein wenig Klavier und arbeitete den ganzen Tag für meinen künftigen Haushalt tausend unnütze bunte Sächelchen: Zeitungshalter, Sofaschoner, Tintenwischer, Wandkörbchen und dergleichen. Am Weihnachtsabend traf ein Kästchen aus Berlin ein und eine Kiste aus Rom. In dem Kästchen war ein zierliches Armband aus glänzend farbigen Emailplatten. Von ihm. In der Kiste war der Moses des Michelangelo und ein ruhiger freundlicher Brief, der um kurze Nachricht über unser Befinden bat. Von Dir.
»Du mußt antworten und Dich bedanken!« sagte meine Mutter. Ich that es nicht. Ich war zu sehr mit meinem Armband und meinem neuen Ballkleid beschäftigt. Ich tanzte in diesem Winter zum ersten Mal, tanzte viel und fand mich immer hübscher und liebenswürdiger. Es sagten's mir ja Alle. Die kluge alte Dame schrieb von meinen Triumphen nach Berlin und las mir die Antworten ihres Sohnes vor. Ich hörte äußerlich mit großer Aufmerksamkeit, innerlich sehr zerstreut zu. Ich dachte immer weniger an den guten lustigen Jungen, oder nur in Verbindung mit meinem Brautkleide und den niedlichen kleinen Capotehüten, die ich als junge Frau tragen würde.
Meine Mutter hatte bei einem großen auswärtigen Geschäfte meine Aussteuer bestellt. Ich stickte mir Wäschehalter mit verschlungenen Buchstaben und dachte heimlich daran, die Hochzeit bis zum Herbst zu verschieben. Das Heiraten kam mir jetzt nicht mehr so lustig vor. Ich durfte dann nicht mehr tanzen, und das Tanzen war mir jetzt die Hauptsache.
Als die Ballsaison vorüber war, sank ich in die frühere trostlose Langeweile zurück. Ich quälte meine Mutter, ärgerte mich über die kleine Stadt, wo man so wenig Zerstreuung haben konnte, und wollte Reisen machen. Die kluge alte Dame nahm meine Unruhe und Unlust zu jeglicher Beschäftigung für Sehnsucht. »Ich werde ihm schreiben; er soll schon im April kommen«. Ich freute mich mit übertriebenem Lachen und Händeklatschen, bestellte mir zwei neue Kleider, und schrieb am Abend auf vieles Drängen der Mutter einen trockenen dürren Brief an Dich. Das Schreiben verursachte mir Mühe, die Worte mußte ich aus allen Winkeln meines Gehirns zusammensuchen, ich wurde ungeduldig und namenlos ärgerlich auf Dich. Ich wollte Dich kränken, ich wollte Dir wehthun, und von einem dunklen bösartigen Instinkt getrieben, schrieb ich ganz zum Schluß, daß ich mit einem wunderschönen jungen Manne verlobt sei und ihn ungeheuer liebe. Mit dem unliebenswürdigsten Händedruck preßte ich die Marke auf das Couvert und übergab ihn dem Mädchen. Aber der Gedanke an Dich ließ sich nicht so ohne weiteres fortschicken. Ich erinnerte mich an so viel, was früher gewesen, anders als jetzt gewesen. Ich dachte an mein lang vernachlässigtes Klavier. Ich versuchte zu spielen. Meine Finger waren schwer und unbehilflich geworden. Das reizte mich. Ich spielte – was sehr selten geschah – einige Tonleitern und langte mir schließlich einen Band Sonaten her. Ich schlug auf – das Adagio der Pathétique. Ich hatte es als Kind oft von Dir gehört. Einmal hattest Du mich bei der Hand genommen, mir lange in die Augen gesehen. Endlich sagtest Du: »Wenn Du ein echtes großes Weib werden willst, dann kannst Du es von diesen vier Seiten besser lernen, als durch alle Weisheit der Welt. In diesen Tönen atmet das schönste und reinste Frauengemüt«. Das fiel mir wieder ein. Ich spielte das Adagio. Es ging sehr schlecht, aber die wunderbare Musik siegte über meine Ungeschicklichkeit. Es begann etwas in mir zu zittern. Als ich zu Ende war, weinte ich. Ich weinte vor Ergriffenheit und weil ich leise, aber schmerzhaft deutlich empfand, daß ich nichts, gar nichts von dem Frauengemüt hatte, das in diesen Tönen lebte. Aber seit diesem Abende spielte ich viel, wenn es auch kein geregeltes und regelmäßiges Ueben war.
Nach fünf Tagen kam Dein Brief. Ich warf ihn damals ins Feuer. Weniger zornig über den kühlen traurigen Glückwunsch als über den einen Satz, der sich in mein Gedächtniß bohrte: »Ich glaube nicht, daß Sie ihn heiraten, denn Sie lieben ihn nicht. Sie sind noch ein Kind, kein Charakter«.
Ich sollte ihn nicht lieben, ich sollte kein Charakter sein! Jetzt wollte ich erst recht beweisen, wie sehr ich ihn liebte, was für ein Charakter ich war.
Er kam. Ich war liebenswürdiger gegen ihn als früher, und wärmer. Aber das Adagio der Pathétique spielte ich nicht mehr. Was die Hochzeit betraf, so hatte ich meinen Willen durchgesetzt. Erst im Herbst. Und noch war es mir zu früh.
Der Mai brachte sommerheiße Tage. Ich war seit dem letzten Jahre größer und stärker geworden, atmete tiefer und errötete sehr oft, ohne daß ich wußte warum. Die unnatürlich heiße Frühlingssonne machte mich tagsüber müde, während ich nachts vor den lauten Schlägen meines Herzens nicht schlafen konnte. Ich sagte es der klugen alten Dame. Sie blickte mich mit einem eigentümlichen Lächeln an, das ich nicht verstand.