Drei Tage vor meinem sechzehnten Geburtstag saß ich mit ihm allein auf einem freien grünen Waldrain. Aus der Erde drang ein heißer feuchter Duft empor. Ich hatte den Kopf gesenkt. Plötzlich fühlte ich seinen Blick auf meinem Nacken ruhen. Eine brennende Empfindung und ein leichter widerwärtiger Schauer stieg in mir auf. Dennoch wandte ich mich, von einer bösen Neugier getrieben, zu ihm. Es war nur ein Moment, ein Blick – aber dieser Blick, der wie eine sinnlich zitternde Berührung über meinen Körper glitt – mir war's, als stände ich nackt, von unkeuscher Glut übergossen, in dieser freien, lichtvollen Natur – o Gott!

In der Nacht brach die Lüge meines Innern zusammen. Ich wußte, daß ich ihn nicht liebte. Aber was hatte ich für die Wahrheit geben müssen! Die Keuschheit meiner Seele, auf der jener Blick wie eine Entehrung brannte, nicht Entehrung vor Menschen, Sitte und Religion, aber Entehrung vor dem Höchsten, was es für ein Weib giebt, vor dem geheimnisvollen, gottähnlichen Gefühl der Reinheit. Das fühlte ich in jener Nacht. Ich lag da in stillem irrsinnigem Weinen – ich dachte an Dich. Und ich war noch feige. Drei Tage. Drei endlose verzweifelte Tage schob ich den entscheidenden Schritt hinaus. Da kam mein Geburtstag. Er brachte mir einen goldenen Ring, den Verlobungsring. Ich nahm ihn nicht.

Er verstand mich nicht, und als er mich verstand, fiel er vor mir auf die Knie. Er griff wie einst nach meinen Händen, aber der grauenvolle Ekel, der mein Gesicht erstarren machte, ließ ihn zurückfahren. Er ging, totenbleich, in trostlosem Zorn.

Sie versuchten mich zu überreden. Umsonst. Ich widerstand – nicht aus Charakterfestigkeit, denn – nur zu wahr, ich hatte noch keinen Charakter, sondern mit dem Eigensinne der Verzweiflung um ein ewig Verlorenes. O dies ewig Verlorene, dies Ungreifbare, Unnennbare....

Nun lebten wir ganz allein. Aus dem Häuschen drüben waren sie fortgezogen nach Berlin. Ich arbeitete. Ich hatte einen freundlichen alten Herrn zum deutschen Lehrer, der mit kleinem Kopfschütteln und großer Geduld meine unglaublichen Fehler verbesserte. Nach vier Monaten schrieb ich an Dich. Nicht mehr auf buntem parfümiertem Papier, auf einem einfachen weißen Bogen einen einfachen, orthographisch richtigen Brief. Zuletzt sagte ich, daß ich nicht mehr verlobt sei.

Seitdem schrieben wir uns regelmäßig. Du wurdest nicht müde, mir gute und treue Worte zu sagen. Meine Lebensanschauung habe ich aus Deinen Händen empfangen. Ich fing an zu verstehen, daß wir keinen Richter über uns erkennen dürfen, als das Ideal, das strenge, unerbittliche Ideal, nicht das nach den Forderungen der Menschen zugeschnittene. Ich fing an zu verstehen, warum ich ohne Schmerz und Vorwurf an jene thöricht-traurige Spielerei denken konnte, bis zu dem Augenblicke, wo ich innerlich schuldig geworden war. Das blieb. Das ließ sich nicht hinwegweinen oder hinwegarbeiten. Das blieb.

Nach drei Jahren kamst Du wieder. Ich war nicht mehr hübsch. Aber ich war still und gut geworden. Eine kleine Freude machte es mir, Dich mit allem zu überraschen, was ich gelernt hatte. Französisch, englisch und italienisch. Ich hatte die Klassiker gelesen und konnte auch schwere Bach'sche Fugen spielen. Du gabst mir Compositionslehre, um mir das Partiturlesen zu ermöglichen und meinem instinktiven Verständnis durch das theoretische nachzuhelfen. Ich weiß noch sehr gut, was Du bei den falschen Quinten und Oktaven sagtest: »Man hört sie oft nicht, sie dürfen aber doch nicht gemacht werden«. Ja .... man hört vieles nicht mit Menschenohren und sieht vieles nicht mit Menschenaugen, und doch darf es nicht geschehen.

Dein vierzigster Geburtstag kam. Du verbrachtest ihn bei uns. Ich hatte mittags in der Küche zu thun. Als ich etwas spät ins Eßzimmer kam, hörte ich Dich und die Mutter im kleinen blauen Salon reden. Wie es schien, ernsthaft. Ich wollte nicht stören. Ich nahm mir eine Arbeit. Durch die offene Thür klangen Eure Worte.

Die Mutter fragte: »Warum haben Sie nicht geheiratet?« – – – Deine Worte fielen wie schwere heiße Thränen auf mein Herz. »Ich möchte nur ein Weib lieben, das ich hoch über alle andern stellen, das ich als ein einziges, auserwähltes ansehen kann. Zu diesem Weibe müßte ich beten können, wie zur Madonna. Auf ihrer Stirne dürfte kein Hauch und in ihrem Herzen kein Fehler sein. Ich hätte sie zu lieb, um es ihr vergeben zu können. Bei dem Unendlichen darf es kein Begnügen und keine Nachsicht geben. Ich muß fraglos anbeten und mich in den Staub niederwerfen können: »Ich verdiene Dich nicht, aber ich kann Dich nur lieben, wenn Du bist wie das Licht selbst«. Solch' ein Weib habe ich noch nicht gefunden – ein Weib wie Ihre Tochter«.

Ich starrte mit weiten Augen in die große flammende Mittagssonne.