»Meine Tochter – Wissen Sie, daß sie verlobt war?«
»Ich weiß es. Aber gnädige Frau, halten Sie mich nicht für eine so kleine Natur, daß ich solch' einer äußerlichen Sache nur einen Gedanken schenken würde. Diese empfindungslose Kinderthorheit hat die Seele Ihrer Tochter nicht berührt. Sie ist rein – wie Madonna«.
Die Nacht! Ich sah Dich vor mir stehen und lag mit gefalteten Händen vor Dir auf den Knieen.
Ich liebe Dich – und kann Dir's nicht sagen, denn ich kann nicht mehr Madonna für Dich sein. Ich bin schuldig – und wenn ich's Dir gestehen könnte, so könnte ich mir's doch nicht von Dir vergeben lassen. Du darfst mir nichts zu vergeben haben, Du bist zu hoch dazu und ich liebe Dich zu sehr. Ich bin besser als die Anderen, aber nicht gut genug für Dich. Ich bin stolzer als die Andern, und liege hier vor Dir auf den Knieen: ich liebe Dich.
Ich habe Dir's nie gesagt. Ich konnte nicht, ich konnte nicht. Jener Blick stand nachtdunkel zwischen diesem Wort und mir. Ich ließ Dich gehen und sagte meiner weinenden Mutter: »Ich liebe ihn nicht. Nein. Nein«.
Mein lebendiges Leid hat sich nicht so leicht im toten Herzen begraben lassen. Manchmal wachte es auf und schrie mir mein Elend in die Ohren. Ich wurde älter und sah, wie die Menschen lügen und sündigen, ohne es für Lüge und Sünde zu halten. Ihnen mußte ich lächerlich sein. Aber mein Ideal mit den traurigen goldenen Augen sprach anders.
Die Mutter starb. Ich war ganz einsam. Ich hörte durch die Zeitungen viel von Dir. Dies und Deine Werke waren mein einziges Glück. Ich wußte auch, daß Du nicht geheiratet hattest .... Du konntest keine Madonna finden.
Ich lebe still weiter, freue mich, armen Menschen helfen zu können, und sterbe langsam. Ich liebe Dich zu sehr. Und nun, da lange fünfzehn Jahre vorbei sind, habe ich Dir diese meine Geschichte erzählt. Du sollst sie lesen, wenn ich tot bin. Zu meinem Begräbnis soll meine alte Pflegerin Dich rufen lassen. Ich weiß, daß Du kommen wirst.
Du sollst wissen, daß ich Dich geliebt habe, und doch solltest Du mich nicht Madonna nennen. Es wäre eine Lüge gewesen. Sage mir, daß ich recht gethan habe.
Nun weißt Du, wie's gekommen ist«. –