Dumpfes Wasserrauschen, Nachtdämmer und eine Leidenschaft, die sich wie alle Sonnen des Weltalls über mich ergießt. Ich fühle die Erregung meiner Nerven, das Fiebern meiner Pulse, fühle, wie mein Atem zu fliegen beginnt, fühle es in Zorn und Angst, und dennoch unfähig, mich zu beherrschen, unfähig, mich zu regen. C'est plus fort que moi. Und er! Er fühlt das Beben meines Körpers, das Nachgeben meiner Glieder, meine Schwäche ist seine Kraft – die Perlen meiner zerrissenen Korallenkette rieseln mir kalt über den Nacken –

Zwei Stunden später.

Ich mußte vorhin aufhören. Die innere Wut erstickt mich. Auch mußte ich meine feuchten, zerdrückten, vom Waldboden beschmutzten Kleider verbergen. Und ein wenig rouge auf meine bleifahlen Wangen.

Louison bringt eine Empfehlung des Herrn Grafen: Ob die Frau Baronin nicht Lust zu einer Partie nach Garmisch hätten, im Hotel wäre ein bequemer Wagen zu haben.

Was soll das bedeuten? Ich habe bitten lassen. Ich muß ja doch mit ihm sprechen. Nur jetzt keine Sentimentalität. Rücksichtslose Klugheit.

Mittags.

C'est fait. Die Affaire beendigt. Ich bin wieder ruhig – bin ich. Aber ich habe mir geschworen, mich nie mehr mit diesen sogenannten idealen Naturen einzulassen, die nichts sind als überspannt und gesellschaftlich schlecht erzogen. Die Tragödienszene von heute Morgen hat mir ihre Lächerlichkeit im hellsten Lichte gezeigt.

Louison meldete den Grafen. Er trat ein. Im schwarzen Anzug. Ungewöhnlich korrekt gekleidet, mit ungewöhnlich tiefer Verbeugung. Als das Mädchen die Thüre wieder geschlossen hatte, warf er sich vor mir nieder. Ein wahrer Thränenstrom und dazwischen Jubel- und Schmerzenslaute: Mein Lieb, mein einziges Lieb, verzeih mir, verzeih mir! Ich konnte sein Gesicht nicht sehen. Nur seine weiße Stirn. Das unnatürliche, blendende und doch bleiche Weiß echter Perlen, durchzogen von feinen, blauen Adern. Diese Stirn ist sehr schön, sagte ich mir. Es bestimmte mich, ein wenig mitleidig mit ihm zu verfahren. Ich ließ ihn sich ausweinen. Doch es währte nicht lange. Mit einem Ruck sprang er auf. Ich gewahrte erstaunt in seinem Gesicht eine sieghafte Entschlossenheit, einen starken hellen Willen. Er setzte sich und ergriff meine Hände. Er sprach, und auch seine Stimme klang tiefer.

Vergieb mir die Thränen. Es sollen die letzten sein. Der Knabe ist tot. Ich habe Dich, ich habe Dich durch die Welt zu tragen – dazu bedarf es eines Mannes. Und der Mann soll Dir mit der Kraft seines ganzen Lebens vergelten, was Du in dieser Nacht für den Knaben gethan hast.

Ich starrte ihn diesmal in Wahrheit völlig verständnislos an.