»Nichts, nichts,« tönte es zurück.
Nach einigen Minuten kam der Maschinenmeister herauf. »Aergerlich! Der Klaus muß sich überarbeitet haben. Er scheint krank. Ich muß ihn fortschicken. Kommt ihr beide hinunter.«
Er war wirklich krank. Sie geht fort. Diese drei Worte hatten ihn aus dem dämmernden Zustand, in dem er dahinlebte, herausgerissen. Sie geht fort. Eine stille traurige Wut ließ ihn ruhelos in seinem Zimmer auf und ab rennen bis es dämmerte. Er wurde so müde. Ein innerliches Weinen durchschütterte ihn. Aber seine Augen blieben trocken. Ohne eine Minute geruht zu haben, ging er morgens ins Theater. Es war die erste Probe von Dornröschen. Sie ging in ihrer lautlosen verschleierten Weise an ihm vorüber. Einen Augenblick hätte er sie am liebsten vor Zorn geschlagen. Dann versank die rohe Gewaltsamkeit seiner Natur in dem stärkeren Gefühl eines großen Leids. Sie geht fort. Sie geht fort.
»Ich gehe auch fort,« sagte er, spät abends in seine Kammer zurückkehrend. »Auf den Haidhof. Da ist's still.«
Er sah sie jetzt täglich. Auf den Proben. Er hörte, wie die Kollegen ihr jedesmal auf's neue ihr unendliches Bedauern über ihren Fortgang ausdrückten. Mit einem Aufwand von Herzlichkeit, dem man die Lüge anmerken mußte, wäre er auch weniger bühnenhaft gewesen.
»Lassen Sie sich an dem Abend nur ja einen Heuwagen kommen, sonst können Sie all' die Blumen und Kränze nicht fortschaffen,« sagte mit schiefgezogenen Mundwinkeln der Bonvivant. Die lächelnde Impertinenz seines Gesichts zeigte nur zu deutlich, daß er mindestens die Hälfte dieser Blumen und Kränze auf selbstgekauft taxiere. Und mit einem Wiederschein dieser Impertinenz, der sich je nach dem Rollenfach naiv oder intriguant äußerte, stimmten die Uebrigen bei. »Ja, die Blumen und Kränze!«
Während der Mittagspause überzählte Klaus sein Geld. Sie soll auch von mir einen Kranz haben. Den allerschönsten. Er hatte die grünen Dinger nach den Aktschlüssen oft auf die Bühne fliegen sehen, wenn die Leute im Zuschauerraum so erschrecklichen Lärm machten. Er hatte nie begriffen, was an diesen farbentoten Blätterkränzen schön sein sollte. Sie vertrockneten in wenigen Tagen. Dann mußte man sie fortwerfen. Sein Kranz sollte ganz anders werden. Groß, ungeheuer groß. Er wollte ihn selbst binden. Als Knabe hatte er beim Einzug der Gutsherrschaft an den langen Blumenketten mitgeholfen, die über der Schloßthür befestigt wurden. Er erinnerte sich noch an die bunten Schleifen, die zwischenhinein geflochten waren. So wollte er's auch machen.
Erst kaufte er bei einem Faßbinder einen elastischen Holzreifen. Groß wie ein Wagenrad. In einem Eisenmagazin Draht und eine feine Zange. Mit Herzklopfen öffnete er zuletzt die spiegelnde Glasthüre eines großen Geschäfts. Lauter ausgezeichnete Ware zu fabelhaft billigen Preisen. Eine blondgefärbte Ladnerin mit großen Nasenlöchern und falschen Korallenohrringen fragte ihn, was er wünsche. Blumen. Sie brachte mehrere Kartons herbei. Moderne Ballgarnituren in fahlen Farben und raffinierten Zusammenstellungen. Er schüttelte den Kopf. So nicht. So welche zum Kranz binden. Die Ladnerin sah ihn an. Es mochte ihr wohl einfallen, daß dieser blöde Riese im schmutzigen Leinwandkittel keine mit Glastropfen übersäten Ballgarnituren kaufen werde. Mit einem leichten verächtlichen Achselzucken, soweit es die übermäßig spannende Trikottaille gestattete, trug sie andere Kasten herbei. Das war das Richtige. Haufenweis zusammengebundene Papierblumen in schreienden Farben. Lauter naturgeschichtliche Unmöglichkeiten. Daneben glänzende, grünlackierte Blätter mit langen Drahtstielen und starkem Leimgeruch. Er wählte sich einen Berg von Blumen und Blättern aus. Zuletzt forderte er farbige Bänder. Die Ladnerin, jetzt mit dem Geschmack des Käufers schon besser vertraut, legte ihm ordinäres raschelndes Knitterband vor. Blau, rot, gelb, grün. Er ließ sich von jeder Farbe mehrere Meter abschneiden. Die Ladnerin sah ihm mit einem gemeinen prüfenden Blick nach, als er das Geschäft verließ, das große Packet vorsichtig im Arm haltend.
Am Weihnachtsabend band er den Kranz. Es war eine schwere Arbeit für seine harten großen Finger. Viele Papierblumen wurden zerdrückt oder zerrissen. Der fertige Kranz war von einer ungeheuerlichen Größe und Unregelmäßigkeit. Zwölf Schleifen mit lang flatternden Enden prangten in der Runde. Nach vielem Ueberlegen befestigte er rückwärts eine steife weiße Karte. Mit unendlicher Mühe hatte er wenige ungelenke Buchstaben darauf gemalt. Das Ganze ein Werk lächerlicher Geschmacklosigkeit. Er wußte es nicht. Mit dunkelglänzenden Augen betrachtete er den Kranz wieder und wieder. Sein wirkliches Leid verschwand in der naiven Selbstbefriedigung. Er dachte nicht mehr daran, daß sie fortgehe, sondern nur, daß sie sich mit diesem Kranze freuen würde. Er war getröstet.
Am nächsten Tag holte er seine Sonntagskleider hervor. Er wusch und kämmte sich so sauber, wie er's nur einmal in seinem Leben gethan hatte. Bei dem Begräbnis seines Vaters. Um vier Uhr nachmittags ging er ins Theater. Den Kranz trug er in ein großes Tuch eingeschlagen. Es dunkelte bereits stark. Er war froh darüber. Beim Portier gab er den Kranz ab. Erst ganz zum Schluß sollte er geworfen werden. Ein Herr habe ihn damit beauftragt. Er log zum ersten Mal. Er war feuerrot, stotterte und hätte in seiner Verwirrung beinahe vergessen, dem Portier den bereitgehaltenen Thaler zu geben.