Auf der Bühne lärmten die Arbeiter. Hinauf und hinunter schallten durch's Sprachrohr die Kommandorufe der Maschinisten. Der Theatermeister prüfte noch einmal die verschiedenen Versenkungen und las die im Buch des Inspizienten notierten Klingelzeichen nach. Der Abend war für ihn von großer Bedeutung. Er hatte eine ganz neue Mechanik erfunden, um die Dornenhecke aus der Erde wachsen und sie wieder versinken zu lassen. Aus dem farbduftigen Feenmärchen war eine geschminkte Feerie geworden. In acht Bildern, mit einem ungeheuern Aufwand von Farben und Beleuchtung, und eben darum ohne Duft und Licht. Dornröschen selbst kam erst im dritten Bilde. In den ersten beiden wurde ihre Geburt und Verwünschung mit Dekorationseffekten, Ballet und Musik gefeiert. Nachdem der Vorhang zum zweiten Male gefallen und das prächtige Königsschloß aufgestellt war, erschien Dornröschen auf der Bühne.
Alles drängte sich um sie. Die überschlanke Gestalt im Schleppkleid aus lichtrosigem Atlas, mit silbernem Gürtel geschürzt, einen schmalen Heckenrosenzweig wie ein Krönlein durch's Haar geflochten. Das fiel wie ein goldseidener Mantel über die Schultern bis hinab auf die Schleppe. Das Licht versank in der weichen glänzenden Fülle. Es war eine echte Märchenkönigstochter.
Sie stand in der Seitencoulisse und wartete auf ihr Stichwort. Ein wenig bleich und erregt, fröstelnd im scharfen Bühnenzug. Der Inspizient trat an sie heran. »Gleich, Fräulein.« Sie wendete sich zu Klaus, der dicht neben ihr stand. »Bitte, wollen Sie mir das Taschentuch halten, bis ich wiederkomme?« Er hatte keine Zeit, Ja oder Nein zu sagen. Das feine weiche Ding lag schon in seiner Hand, und Dornröschen trat aus dem Halbdunkel der Coulisse in den blendenden Bühnentag hinaus. Klaus hörte nichts von dem lärmenden Beifallsgetön, mit dem sie empfangen wurde. Er sah nicht, wie viele Kränze und Blumen zu ihren kleinen rosa beschuhten Füßen niederflogen. Er betrachtete nur das winzige weiße Spitzentüchlein. Er fühlte es nicht auf seiner hartgearbeiteten Hand. Der leiseste Hauch konnte es fortwehen und dennoch wagte er nicht, es fest zu fassen. Er hätte es zerdrücken können. Das machte seine Freude ängstlich. Er blickte nicht auf die Bühne, wo Dornröschen arme Kinder mit ihren Perlen und Edelsteinen beschenkte. Er atmete erst wieder auf, als sie in die Coulisse abging und das Tuch mit einem »Danke« entgegennahm. Jetzt besann er sich, daß er eigentlich zusehen wollte. Aber ein Schwarm von Kindern, Balleteusen und müßigen Zuschauern drängte ihn aus der Coulisse fort. Der Theatermeister rief ihn in die Versenkung. Mühselig kletterte er die dunkle gewundene Treppe hinunter. Die andern Arbeiter in ihren schmutzgetränkten Leinwandkitteln lachten über seinen Sonntagsrock. Zum ersten Mal ekelten ihn die vom Coulissenstaub fahlgrauen Gesichter. Er horchte nach oben. Wie ein unendliches jubelndes Lachen tönte es herunter: »Prinzeß Dornröschen spinnt, kann spinnen, spinnen.« Gleichzeitig das erste Klingelzeichen. Die Arbeiter packten die eisernen Hebel fester. Man hörte die gemachten Entsetzensrufe der Choristen, bis ein kleiner müder gebrochener Schrei mitten hinein klang. Die Königstochter hatte sich mit der verwunschenen Spindel gestochen. Dann wurde es still, totenstill. Ein zweites Klingelzeichen, und langsam durch die Kraft vieler schwer arbeitender Hände stieg die Dornhecke aus dem Boden vor den Augen der Zuschauer bis in den gemalten Himmel hineinwachsend.
Nun durfte Klaus wieder auf die Bühne. Er sah, wie das schlafende Dornröschen auf der Marmorbank in üblicher elektrischer Beleuchtung dem blausammtnen Prinzen als Traumbild erschien. Er sah, wie die Dornhecke zu blühen begann und der Theaterprinz sich in herrlicher Tapferkeit einen Weg durch die leinwandnen Dornen bahnte. Er sah, wie er mit dem erlösten Dornröschen auf goldenem Thron bis in die Soffiten hinaufschwebte, von bengalischen Flammen rot und grün beleuchtet, begleitet vom rasenden Klatschen des Publikums.
Der Applaus wurde auf jähe Weise unterbrochen. Es polterte etwas wie ein eisernes Gewicht auf die Bühne. Durch den Zuschauerraum ging ein schallendes Gelächter. Der Regisseur stürzte aus der ersten Coulisse an die elektrische Klingel: »Vorhang herunter!« Der Vorhang fiel. Alles rannte auf die Bühne. Klaus mit. Da lag sein Kranz.
Dornröschen war von ihrem Thron heruntergestiegen. Mit weißen starren Lippen betrachtete sie das Ungetüm. Die Meisten lachten. Die Damen trugen eine übermäßige Entrüstung zur Schau. Es sei unerhört, jemandem auf solche Weise den Abend zu verderben, ihn vor dem ganzen Publikum zu blamieren. Der Bonvivant hob den Kranz ein wenig in die Höhe. »Da ist ja auch ein Zettel. Ah – ah – ah!« Er schüttelte sich vor Lachen. »Meine Herrschaften lesen Sie doch: ›Blathonisch‹!« Ein tief verächtlicher Blick aus den schlafdunkeln Dornröschenaugen traf ihn. Sie wandte ihm den Rücken und ging. Zwei Kolleginnen folgten ihr, mit einander flüsternd. »Du, was glaubst Du, von wem der Kranz ist? Von dem Schwarzen?« »Pst! Freilich«.
Armer Klaus! Er war allein auf der verdunkelten leergeräumten Bühne. Nur der phantastische, goldene Thron stand noch in der Mitte und die Coulissen zeigten die Bruchstücke der Dornhecke. Ganz im Hintergrund schliefen auf Holzbänken die Feuerwehrmänner. Die Schauspielerinnen kamen aus der Damengarderobe. Sie mußten über die Bühne gehen, um durch den Korridor zur Ausgangstreppe zu gelangen. Jetzt waren alle fort. Sie war die letzte. Sie ging gewöhnlich durch die vordere Bühnenthür. Da wartete er, an die große Donnerpauke gelehnt. Sie kam. In einen grauen Radmantel mit großem Pelztragen eingewickelt, das Köpfchen in einem weißen Tuch versteckt. Sie ging rasch und geradeaus blickend, so daß sie ihn nicht bemerkte, obwohl er eben unter der herabgeschraubten Gasflamme stand. Er mußte sie anreden. »Fräulein.« Sie wandte sich um, erstaunt, aber nicht erschrocken. »Wer ist ...? Was wollen Sie?« Er schwieg. In seinem Leben war ihm das Weinen nicht so nahe gewesen. Sie wartete einen Augenblick auf Antwort. Dann zog sie mit einer kleinen ungeduldigen Bewegung den Mantel fester um sich. Das brachte ihn zum Reden. Stotternd, halb erstickt klemmte es sich zwischen seinen Lippen hervor: »Der Kranz.« Mit einer tiefinnerlichen Heftigkeit trat sie rasch auf ihn zu. »Sie wissen, von wem er ist?«
Er sah in ihre heißen zorntraurigen Augen und das Bekenntnis seiner Schuld stürzte in wirrem Durcheinander aus seiner Seele hervor. Er wußte nicht mehr, was er sprach. Es war eine Wohlthat, eine Buße, sich anzuklagen. Und doch hätte er sich nicht besser verteidigen können. Das schienen die zwei Augen ihm gegenüber auch zu glauben. Sie waren wieder still und klar geworden. Als er schwieg und die große Erregung noch wie eine rote Welle auf seiner Stirn auf- und abwogte, reichte sie ihm die Hand. »Wenn ich all' dies früher gewußt hätte, würde ich mich nicht gekränkt haben. Ihr Kranz ist mir jetzt der liebste von allen.« Er sah sie traurig ungläubig an. Es war ganz still geworden. Sie wußten nichts zu sagen und doch hätte keines gehen mögen. Endlich fragte sie: »Könnte ich Ihnen gar keinen Gefallen thun? Haben Sie keinen Wunsch?« Er schüttelte den Kopf und blickte sie unverwandt an. Es wurde immer stiller. War auf der totengrauen Bühne ein Märchenhauch zurückgeblieben, der einen unfühlbaren Zauber ausübte?
Sie hob sich ein wenig auf die Zehen. »Wie groß Sie sind«, sagte sie mit einem bewundernden Kinderlächeln. »Bitte, bücken Sie sich ein wenig – noch ein wenig – so ....«
Ueber die steinerne Treppe hastete ein kleiner herzklopfender Schritt hinunter. Wie er lauschte, der arme Glückliche, mit geschlossenen Augen, unbeweglich. Dornröschen hatte ihn geküßt. Das Licht huschte wie mit Elfenfüßen über den einsamen goldenen Thron. Dicht vor ihm lag eine zertretene blaue Papierblume ... platonisch.