In der Mauernstraße.
Armer Junge! Er saß auf der ausgetretenen Schwelle und weinte große stille Thränen. Sie hatten seine Mutter begraben und ihn aus der kleinen sauberen Dachstubenwohnung fortgeführt. Zu entfernten Verwandten. Die wollten für ihn sorgen. Was sie eben sorgen nannten. Sie waren sehr arm. Er konnte mit ihnen hungern.
Seine Mutter war auch arm gewesen. Aber sie hatte ihn nicht hungern lassen. Sie hatte sehr viel gearbeitet und sehr wenig gegessen, um ihr blasses verkrüppeltes Kind mit einem Schimmer von Wohlbehagen zu umgeben. Früh morgens saß sie an ihrem zerbrochenen alten Nähtischchen und stickte mit feinem Leinenfaden Blumen und Arabesken in durchsichtige Batisttücher. Die schickte man ihr aus dem großen Weißwaarengeschäft. Das Geschäft war berühmt wegen seiner billigen Preise. Darum wurde die arme Stickerin sehr schlecht bezahlt. Abends, wenn ihre Augen zu brennen anfingen, nahm sie ihr stilles geduldiges Kind auf den Schooß. Sie erzählte ihm von seinem Vater. Der war Lehrer an der Antonyschule gewesen. So brav und so gescheit. Und so stolz. Er hatte nie eine Unterstützung angenommen. Er hatte gearbeitet – bis er sich zu Tode gearbeitet. Seine Frau dachte wie er. Am letzten Weihnachtsabend war die Versuchung freilich groß gewesen. Sie hatte kein Bäumchen für ihr Kind. Im ersten Stock wohnte eine vornehme alte Dame. Sollte sie bitten .... Sie stand mit thränenzitternden Augen vor dem kleinen Jungen. »Friedel, – soll ich hinuntergehen – soll ich – betteln?« Und mit sonderbar wildem Aufschrei hatte er sich vor ihr auf die Kniee geworfen: »Nein, Mutter, nein!« Im Frühjahr war sie gestorben. Mit der Arbeit in der Hand und einem Seufzer auf den Lippen: »Nur nicht betteln.«
Und ihr Kind saß auf der Schwelle und weinte.
Es war ein anderes Leben im Hinterhause der Mauernstraße als in der kleinen Dachstube. Der Oheim kaufte und verkaufte alle alten Gegenstände, vom rostigen Eisen bis zur gebrauchten Balltoilette. Er sprach heiser, von beständigem Husten unterbrochen. Auf den Versteigerungen hatte er sich die Stimme verschrieen. Er trug Leinwandhosen und einen Bedientenfrack. Dinge, die er nicht mehr hatte anbringen können. Seine Frau war klein und zusammengerunzelt, beständig in Demut versinkend wie ein verprügelter Hund. Und die Tochter .... ein hübsches braunes Ding mit runden Armen und heißen Augen. Sie hatte gelacht, als der kleine Friedel zum ersten Mal mit seinen Krücken die steile Treppe heraufgestolpert kam. Sie hatte gelacht und sein verweintes Gesicht in ihre Hände genommen. »Er ist häßlich wie ein Maulwurf, aber ich werde ihn über die Treppe tragen.«
Sie trug ihn hinunter. Jeden Morgen, ehe sie in die Schule ging. Er saß auf der Schwelle und sah, wie das schleimige Moos in den Rinnsteinen wuchs. Schmutzige Kinder mit ungesunden blauroten Gesichtern spielten um ihn herum. Sie schrieen und zankten sich mit häßlichen gemeinen Worten. Das machte ihnen dieselbe tierische Freude, wie das Wühlen im Straßenkot. Auf die zersprungenen Asphaltplatten zeichneten die Größeren mit Kreide oder Kohle scheußliche Köpfe. Das seien die reichen Leute, sagten sie, spieen darauf und trampelten mit den Füßen auf ihnen herum. Sie waren böse, und schlimmer, sie wußten das Böse. Mit den übergroßen Augen des jungen Lasters sahen sie alles und bemerkten alles. Dann schlüpften sie in die dunkelsten Ecken zwischen den schiefen alten Häusern und erzählten sich mit innerlich fiebernder Stimme schlimme Dinge, oft durch schrilles Gelächter unterbrochen. Das Leben in der Mauernstraße war so faul und übelriechend, wie das Pfützenwasser in den Löchern der ausgebrochenen Pflastersteine. Tagsüber schillerte das Sonnenlicht in blau und grünen Spiegeln darüber hin. Nachts versanken die bleichen trostlosen Sternstrahlen in dem trüben Tümpel. Es war sehr traurig.
So dachte auch der lahme Junge auf der Thürschwelle. Er konnte nicht mit den anderen spielen und hätte auch keine Freude daran gefunden. Er wäre lieber in die Schule gegangen. Seine Mutter hatte ihn aus einem großen alten Buche schon Buchstaben und Zahlen gelehrt. Aber man hatte ihn nicht genommen. »Zu schwächlich«, sagte der Lehrer. »Noch ein Jahr warten.« Und er wartete. Er suchte aus den Lumpensäcken, welche der Oheim nach Hause brachte, die Seidenfleckchen heraus und packte sie in Cigarrenkisten. Er kehrte die dunkle dunstige Stube zusammen und schälte die Kartoffeln möglichst dünn ab. Er stopfte dem wilden lustigen Mädchen die Löcher im Rock und wichste ihr Sonntags mit großer Kraftanstrengung die Schuhe. Er wollte das Brot doch nicht ganz umsonst essen. Und noch ein Anderes war's.
Mit dem leidenschaftlichen Liebesbedürfnis eines kränklichen frühreifen Kindes hing er an dem schönen, bösartigen Geschöpfe, das ihn schlug oder liebkoste, je nachdem seine Laune war. Jeden Abend spähte er fiebernd vor Erwartung die von einer einzigen Gaslaterne erleuchtete Straße hinunter, bis er sie kommen sah. Einen gemeinen Walzer singend, sich lässig und herausfordernd in den Hüften wiegend, an jedem Arme eine ältere Freundin. Sie hatten alle drei die belebtesten Straßen der Stadt abgelaufen. Weniger um die strahlenden Schaufenster der großen Geschäfte zu betrachten, als um mit innerlichem Vergnügen die zweideutigen schmeichelhaften Scherze eines Vorübergehenden zu hören. Mit heimlicher unbefriedigter Erregung schlenderten sie langsam nach Hause. Die beiden Aelteren schlüpften scheu und geduckt in die Hausthüren, nachdem sie sich für den nächsten Abend verabredet hatten. Die Jüngste fürchtete sich nicht. Der Vater kam erst später, und die Mutter ... lieber Gott! Mit überlautem Singen tastete sie die steinernen Stufen hinauf, bis ihr Fuß an den wartenden Knaben stieß. Er faßte mit den von der Nachtluft starren Händen in den Saum ihres Kleides. »Ich hab' auf Dich gewartet.« »Dummer Junge! Wäre auch gescheiter gewesen, Du hättest Dich schlafen gelegt.« Aber sie nahm ihn doch auf den Arm, um ihn hinaufzutragen. Sie mußte über den finsteren Hof. Wenn sie über Kohlstrunken oder einen Haufen Kartoffelschalen stolperte, puffte sie den Kleinen. In einem Anfalle von Reue küßte sie ihn nachher mit unheimlicher Leidenschaftlichkeit. Keuchend unter ihrer Last langte sie in der moderdumpfen Stube an. Eine leise schwindsüchtige Stimme klagte aus den schweren Federkissen des Bettes hervor: »So spät, Kinder.« Das Mädchen gab keine Antwort. Sie gähnte und begann sich auszuziehen. Die Kleider warf sie auf den Boden. Der kleine Friedel legte erst die ihren sorgfältig glatt gestrichen auf den Schemel, dann auch seine eigenen. Sie hielt ihm die Füße hin. »Zieh mir die Schuhe aus. Die Strümpfe auch.« Und mit einer elastisch katzenartigen Bewegung sich in das Bett schwingend, suchte sie sich die bequemste Stelle dicht an der Wand aus. Sie wühlte sich mit Wollust in die dicken Kissen. Ihrem Schlafkameraden gönnte sie nur ein notdürftiges Plätzchen. Gut, daß er nicht viel brauchte. Sein magerer kleiner Körper drückte sich geduldig an die äußerste Kante. Sie versank nach wenigen Augenblicken in den tiefen Schlaf einer urgesunden, rücksichtslosen Natur. Der Knabe lag oft bis Mitternacht wach. Er betrachtete die vom Mondlicht versilberten Zahnreihen der Schläferin, und brachte sie vorsichtig in eine andere Lage, wenn sie mit dem Kopfe auf dem Arme ruhte. Das mache böse Träume, hatte seine Mutter einst gesagt. Seinen Schlaf bewachte Niemand.
Morgens weckte er sie. Ein unangenehmes Amt. Sie war kaum aus dem Schlaf zu bekommen und dann in sehr ungnädiger Stimmung. »Es ist noch eine halbe Stunde zu früh. Kannst Du keine Ruhe geben, boshafter Junge.« Während sie sich ankleidete, suchte er die verstreuten Schulhefte zusammen. Sie wusch und putzte sich wie ein Kätzchen, weniger aus Reinlichkeitsbedürfnis als aus Eitelkeit. Teilweise erstreckten sich ihre Bemühungen auch auf den kleinen Jungen. Sie rieb ihm das geduldige Gesichtchen, bis es von der schwarzen Pechseife feuerrot brannte. Mit dem zerbrochenen Kamme scheitelte sie seine dünnen weichen Haare. »Das steht Dir besser, als wenn Du sie ganz aus der Stirne gekämmt hast.« Und er schielte mit trübseligem Lächeln in die quecksilberarme Spiegelscherbe. Er wußte recht gut, wie häßlich er war.
Von seinem Frühstücksbrot gab er ihr die Hälfte. Die Mutter sah es manchmal und schalt. Dann lachte sie ihr halb böses, halb übermütiges Lachen. »Er darf nicht viel essen; er muß klein bleiben. Sonst kann ich ich ihn nicht mehr über die Treppe tragen.«