Manchmal traf sich's, daß die Kinder einen Nachmittag allein zu Hause waren. Dann schlichen sie hinauf ins Magazin. Ein langer, schmaler Raum mit halbrunden, dicht am Boden angebrachten Fenstern. Da befanden sich all die tausend Dinge, welche der Vater gekauft hatte, um sie wieder zu verkaufen. »Ich weiß, er hat gestern ein Ballkleid nach Haus gebracht«, sagte das Mädchen. Und sie suchten so lange, bis sie es in einer Kiste oder in einem Schrank entdeckt hatten. Sie jubelte. »Das zieh ich an. Friedel, Du mußt mir's zuschnüren. Schuhe sind auch dabei, schau nur!« Sie konnte nicht rasch genug in die zerknitterte Pracht schlüpfen. Das tief ausgeschnittene Kleid, zu weit für ihre kindliche Gestalt, fiel fast von den Schultern herunter. Die Aermel ihres grobleinenen Hemdchens sahen hervor. Die Schuhe mit den schiefgetretenen Holzabsätzen waren zu groß. Ins Haar hatte sie sich eine blätterarme Rose mit deutlich sichtbarem Wattekern gesteckt. Um den Hals eine Kette aus großen zersprungenen Wachsperlen geschlungen. Mit beiden Händen nahm sie das Kleid vorn in die Höhe, um gehen zu können. Sie war schön in dem jämmerlichen zigeunerhaften Aufputz. Das ungesunde reizende Schöne der schlechtverhüllten körperlichen und seelischen Nacktheit. »Trag mir die Schleppe«, befahl sie. Und er humpelte ihr nach, in der einen Hand die Schleppe, in der andern seine Krücke haltend. So zogen beide durch den staubdämmernden Raum, sie singend, er in stummer Bewunderung. Bis sie müde waren. Sie setzten sich auf eine der rissigen Kisten. Sie stemmte die Ellenbogen auf die Kniee und ließ den grünen Atlasschuh auf der Spitze ihres Fußes tanzen. Ihr kleiner Finger wies dem Knaben einen roten fettigen Fleck am Taillenausschnitt. »Das ist Schminke«. Er wußte nicht, was das war. »Damit macht man sich hübsch. Rote Wangen und rote Lippen.« »Wer hat's Dir gesagt?« »Die von Nummer 8. Das ist eine von's Theater.« »Was macht sie denn?« »Sie tanzt.« Sie spannte beide Hände über das Knie und beugte sich zurück. »Ob ich's auch könnte? Hübsch wär's.« Sie stand auf. Ein leiser versteckter Zug spielte um ihre Mundwinkel, während sie langsam das Kleid ablegte. »Pack's wieder ein.« Er legte sorgfältig ein Stück nach dem andern in die große Schachtel. Ohne Schuhe, im sehr kurzen zerflickten Unterröckchen, die Blume noch im Haar und die Perlen um den Hals, stand sie mit halb gehobenen Armen da, halblaut, aber scharf im Takte eine Tanzweise summend. Zögernd, versuchend folgten ihre Füße der Melodie. Erst vor, dann zurück, immer vereint mit der leicht gleitenden Bewegung des Oberkörpers. Nach wenigen Sekunden waren die Schritte rascher, sicherer, die Füße lösten sich vom Boden. Das atemlose Lachen, das von den weitgeöffneten Lippen klang, war nur die Einleitung zu einem Wirbel wilder Bewegungen. Feurig, sinnlich schön, aber ohne Weichheit, ohne Reinheit. Sie tanzte, bis sie sprachlos, schwindelnd niederstürzte. Der kleine Friedel kniete erschrocken neben ihr. Sie richtete sich atemringend in die Höhe. »Weine nicht.« Sie schlug ihn auf die Finger. »Ich kann das Weinen nicht leiden.« Langsam, liebkosend streichelte sie ihre Arme und küßte sich mit einem seltsamen Ausdruck auf die Schultern. »Ich bin doch schön. Wenn ich nur schon stärker wäre –«

Drei Tage später war in der engen Stube großer Lärm. Die Mutter weinte, die heisere röchelnde Stimme des Vaters schalt und fluchte, der Knabe drückte sich krampfhaft ängstlich in eine Ecke. Das Mädchen stand ein wenig blaß, mit übereinander gebissenen Zähnen in der Mitte des Zimmers. Aber nicht die leiseste Erregung zitterte in ihrer Stimme. »Nächsten Monat komme ich doch aus der Schule ....« Der Vater ließ sie nicht ausreden. »Dann steck' ich Dich in ein Geschäft, wo man Dir aufpaßt.« »Das Fräulein wird im Theater schon auf mich Acht geben.« »Die soll erst selber auf sich Acht geben, die Person die ....« »Und im Theater bekomme ich jeden Monat fünf Mark. Im Geschäft geben sie mir im ersten Jahr gar nichts.« Fünf Mark! Das wirkte. Der Vater dachte daran, wie viel er sich plagen mußte, um fünf Mark zu verdienen. Wenn das dumme Mädel es für ein bißchen Springen und Hüpfen bekommen konnte – gut. Und er wollte ihr schon die Knochen entzwei schlagen, wenn sie sich unterstehen sollte ....

Sie unterstand sich gar Vieles. Aber er wußte nichts davon. Denn sie war klug. Sie ging jetzt täglich ins Theater. »Balletratte« schrieen ihr die Kinder in der Straße nach. Dem kleinen Friedel wurde es bei dem Worte immer so sonderbar heiß und schwindlich. Er wußte nicht warum. Er hatte sich schon an so viele häßliche Worte gewöhnt. Er gebrauchte sie selbst. Er war ja ein Kind. Er hatte der Verdorbenheit nichts entgegenzusetzen. Nicht die bessere Erkenntnis, nicht die Kraft des Willens. Aus seinem Wesen war die unbewußte Feinheit gewichen, die sein häßliches Gesichtchen angenehm und rührend gemacht hatte. Um die Mundwinkel lagerte schon ein leiser Strich der Gewöhnlichkeit. Nur die Augen waren noch klar und sanft wie einst. Denn in ihnen schimmerte die Rettung des einsamen Kindes. Die große stille Liebe, ob auch für ein unwertes Geschöpf. Er ahnte es dunkel – und liebte sie. Er mußte jetzt noch mehr leiden als früher. Er konnte sie abends nicht mehr erwarten. Sie kam oft erst um zehn oder um elf Uhr nach Hause. Sie hatte »zu thun«.

War sie tags zu Hause, so achtete sie nicht auf ihn, sondern arbeitete. Sie machte stundenlang mit Armen und Füßen ein und dieselbe Bewegung. Der Knabe sah ihr schüchtern und geduldig zu. »Was machst Du da?« fragte er manchmal. Und sie erklärte herablassend: »Das ist ein Steh-Glissé und das ist ein Balancé und das ist ein Chassé.« Des öfteren wurde sie ärgerlich auf sich. »Ob ich mich nicht mehr in die Hüfte legen kann!« Dann arbeitete sie mit solcher Heftigkeit und Ausdauer, bis sie, mit weißen eisigen Lippen, auf einen Stuhl sank. Sie sah auch sonst nicht mehr so frisch aus. Unter den Augen schwammen mattblaue Schatten und die Lider waren von gelbbräunlicher Färbung. Sie fing an, sich zu pudern. Ihr Anzug war ein Durcheinander von Putz und Armseligkeit. Sie stahl ihrem Vater alle Augenblicke eine Schleife, eine zerknitterte Blume, ein unechtes zerbrochenes Schmuckstück. Sie kämmte sich die Locken tief in die Stirne, und verlängerte mit angebrannten Schwefelhölzchen ihre Augenbrauen. Sie wurde unzufrieden und verbittert. Die für die Uebungsstunden notwendigen Gegenstände mußte sie sich selbst beschaffen. Dazu reichten die fünf Mark monatlich gerade hin. Leinwandschuhe ohne feste Sohlen, bis weit übers Knie reichende Strümpfe, Gazeröcke und kurze weite Pumphöschen. Der kleine Friedel stopfte mit grober Wolle die rasch durchgetanzten Schuhe. Er nähte die abgerissenen Knöpfe ans Mieder, und die Bänder an die Höschen. »Genierhöschen«, sagte sie mit zusammengekniffenen Augen. Was er sich heimlich grämte. Er hätte das kleine Bild seiner Mutter darum gegeben, sie einmal wieder lächeln zu sehen. Sie lächelte nicht mehr. Den zeitweiligen Vorwürfen des Vaters setzte sie so herausfordernden Trotz entgegen, daß er anfing zu schweigen. Langsam verlor er die Gewalt über sie. Sie fürchtete ihn nicht mehr.

Eines Tages zeigte er seiner Frau ein feines Schmuckkästchen. »Da habe ich was billig gekauft. Schau her.« Er hielt ihr ein hübsches Armband aus doppelreihigen Granaten hin. Das Mädchen stand daneben. »Schenk mir's.« – »Bist Du verrückt? Das wird nochmal so teuer verkauft. Freilich, Dir schenken!« Er packte den Schmuck wieder ein und ging. Sie sah ihm starr nach. In ihrem Antlitz dämmerte der drohende Entschluß der Sünde. Der Junge faßte angstvoll ihre Hand. »Das Armband – ist das so teuer?« »Teuer! Wenn man's im Laden kauft – fünfzehn Mark. Ein Lumpengeld. O wenn ich wollte – nicht heimkommen, nur eine Nacht –« Sie biß sich erschrocken auf die Lippen. Aber der Knabe hatte begriffen. Die Kinder in der Mauernstraße begreifen so schnell. Er fällt vor ihr nieder. »O, Du, Du – das thust Du nicht. Ich versprech' Dir's – bis Weihnachten schenk' ich Dir das Armband – aber Du kommst heim, gewiß, Du kommst heim.« Sie versteht seine Worte, aber nicht den rasenden Schmerz, der seine Stimme entzweibricht. Ein letztes menschliches Empfinden, das Mitleid, regt sich in ihr. »Dummer Junge – was fällt Dir denn ein? Freilich komme ich nach Haus. Sei nur still!«

Er ist still. Sehr still. Er atmet kaum. Es thut ihm weh. Am nächsten Morgen steht er fröstelnd im nassen Novemberwind vor der Hausthüre. Sein weißes blutloses Kindergesicht ganz starr, ganz farblos. Er schleppt sich mühselig die schmutzige schwarze Straße entlang. An der Ecke bleibt er nochmals stehen. Sein Körper zittert vor innerlichem Schluchzen. Aber er geht weiter, biegt in die große lärmende Straße ein. Er geht betteln.

Tag für Tag. Die Vorübergehenden wissen nicht, welch' wehevolle Ueberwindung jede Bitte aus diesem kleinen schmerzverzerrten Munde ist. Es schaut ihm ja Keiner in die Augen. Sie blicken aus dem müden Gesichtchen wie zwei aus dem Herzen emporgewachsene Todesblumen. Denn er stirbt langsam. Er stirbt an der Schande.

Jeden Abend wechselt er seine kleinen Münzen in einem Bäckerladen. Die dicke gutmütige Frau hat so großes Mitleid mit ihm. Sie hat auch noch nie solch' seltsames Bettelkind gesehen. Als er am zweiten Abend kam, wollte sie ihm ein Stückchen Kuchen zustecken. Er dankte mit unverständlicher Heftigkeit. Und als sie es ihm mit Gewalt in die Tasche schieben wollte, fing er an zu weinen. »Nein, nein.« »Warum nicht?« »Ich will nichts für mich.« »Ist denn das Geld nicht für Dich?« »Nein.« »Für wen denn?« Er bleibt stumm. Auf dem Heimweg schleicht er sich regelmäßig an einem großen Juweliergeschäft vorbei. Da hat er im Schaufenster genau so ein Armband entdeckt wie jenes. Zwei Reihen Granaten mit schmalem goldenem Schloß. Auf einem Zettelchen steht der Preis notiert. Vierzehn Mark und fünfzig Pfennige. Soviel Geld!

Daheim fragt ihn Niemand, was er den ganzen Tag auf der Straße macht. Oft kommt er spät nach Hause. Sie wissen's gar nicht. Ob der kleine Junge im Bette liegt oder nicht, es kümmert sich Keiner darum. Und wenn er kommt, schleicht er so leise durch das Zimmer, daß sie ihn nicht hören.

Der Weihnachtstag. Er steht an der Staßenecke, frierend, in Todesangst. Er hat noch nicht genug. Wie flehend er seine von großen roten Frostbeulen bedeckten Hände den Vorübergehenden entgegenstreckt. Aber die haben's heute so eilig. Wer sieht solche kleinen Betteljungen. Der Weihnachtstag wird für ihn der schlimmste. Er hat nichts, gar nichts bekommen. Es ist dunkel geworden. Er hält sich an der schneeverwehten Mauer. Er geht nicht nach Hause, wenn er sein Versprechen nicht erfüllen kann. Ihm gerade gegenüber blitzt's und funkelt's im Schaufenster des Juweliers, sein Verlangen und seine Hoffnungslosigkeit nur vergrößernd. Das Menschengewühl hat längst nachgelassen. Die wenigen noch Vorübereilenden wagt er nicht mehr anzureden. Er fällt auf die Kniee und weint. Plötzlich fühlt er, daß Jemand neben ihm stehen bleibt. »Lieber Gott, Kind – warum weinst Du denn?«