Ein junges Mädchen steht neben ihm. Das rote Licht der Gaslaternen glitzert auf den Stahlknöpfen ihres dunkelblauen Tuchmantels. Er kann vor Schluchzen nicht reden. Sie hebt ihn mitleidig in die Höhe »Willst Du etwas? Kann ich Dir etwas helfen?« Er blickt auf, in ein schmales, freundliches Gesicht mit ruhigen, grauen Augen. Er faltet die Hände. »Das Armband – da drüben. Ich muß es haben. Und ich habe nicht genug.«

Sie stutzt. »Wofür brauchst Du denn ein Armband?« Er giebt keine Antwort, murmelt nur eintönig, herzzerreißend vor sich hin: »Das Armband – das Armband.« Sie faßt ihn bei der Hand. »Komm' mit.« Sie führt ihn über die Straße, gerade vor das Schaufenster. »Welches willst Du?« Er weist hin. »Da, da.« »Wie viel Geld hast Du?« Er giebt ihr ein schmutziges Papier. Darin hat er's aufbewahrt. Sie zählt es nicht, sieht ihn nur nochmals an. »Warte hier. Ich werde Dir das Armband kaufen ...« Ihm ist, als fiele der ganze große Sternenhimmel zu seinen Füßen nieder. Er sucht und ringt nach einem Worte. »Mutter, Mutter!« Er findet kein anderes. Das junge Mädchen kommt aus dem Laden zurück und steckt ihm ein feines buntes Schächtelchen in die Hände. »Da – das ist Dein Christkindchen. Nun weine nicht mehr. Gute Nacht.«

Nach Hause! Nur nach Hause! Durch die stillen, eisigen Straßen stolpert er atemlos dahin, nicht einen Blick nach den weihnachtshellen Fenstern hinaufwerfend. In der Mauernstraße ist's dunkel. Die Gaslaterne brennt noch. Er steht vor der Thüre und drückt angestrengt auf den rostigen eisernen Knopf. Er giebt nicht nach. Die Thüre ist verschlossen. Es schlägt neun Uhr. Was soll er thun? Klopfen? Rufen? Man wird ihn nicht hören. Und er fürchtet sich auch. Er will warten. Um zehn Uhr muß sie heimkommen. Sie hat sich heute morgen den Hausschlüssel von der Mutter geben lassen. Es sei abends noch eine große Probe, aber um zehn Uhr sei sie gewiß zu Hause. Er wartet. In die Ecke zwischen Thüre und Mauer gedrückt, in der Hand das Armband. Er hat es aus dem Schächtelchen herausgenommen, um es zu betrachten. Wie's funkelt! Er denkt an ihre Freude. Nur daran. Nicht an seine Schmerzen. Auch nicht an die Geberin. Nur an sie.

Zehn Uhr. Nun wird sie gleich kommen. Wirklich Schritte ... Er beugt sich weit vor. Es ist nur der Mann, der die Laternen auslöscht. Sie nicht. Die Probe kann länger gedauert haben. Sie hat sich vielleicht verspätet. Sie wird schon kommen. Gewiß. Es wird immer kälter. Er steckt die Hände in die Hosentaschen und zieht abwechselnd die Füße empor. Ist das ein trauriges Warten in der schneehellen, todesstillen Winternacht. Von Viertelstunde zu Viertelstunde verfolgt er die dröhnenden Schläge der Turmglocke. Elf Uhr. Sie ist nicht da. Er weint nicht. Er drückt die Hände in die kleinen spitzigen Eiszapfen an den Mauervorsprüngen. Wem er umsonst gebettelt hätte, umsonst ...! Ihm ist, als müßte das Blut zu seinen entzündeten Augen herausspritzen. Und warten, warten, warten! Er kann vor Kälte nicht mehr ruhig stehen. Er humpelt die Stufen herunter und wankt hin und her. Mechanisch drei Schritte vor und drei zurück, den Kopf weit zurückgeworfen, zum silberschimmernden Weihnachtshimmel aufstierend.

Mitternacht. – Er wirft sich zu Boden, heult und beißt mit den Zähnen in die gefrorene Erde. Seine Krücken hat er weit von sich geworfen. Auf allen Vieren kriecht er zur Thüre zurück. Und liegt da – ächzend, wimmernd, sterbend. Er verliert das Bewußtsein. Eine rote, glitzernde Schlange mit goldenem Krönchen ringelt sich um seinen Hals. Sie erwürgt ihn. Er regt sich nicht einmal. Da knarrt's über den Schnee her. Er richtet sich krampfhaft wild empor. Seine flimmernden Augen sehen zwei dunkle, aneinandergepreßte Gestalten. Mehr kann er nicht erkennen. Er hört nur, hört – Worte, die ihm alles Blut in Thränen verwandeln. Umsonst!

Müde, schwankend kommt sie die Stufen herauf. Ihre tastende Hand stößt an den Knaben. Sie fährt zurück. Er streckt ihr die erstarrte Hand mit dem funkelnden Reif entgegen. »Da – Dein Armband. Weißt Du, ich – habe – gebettelt.« Er fällt schwer und steif vor ihren Füßen zu Boden. Er ist tot.

Milost pan.

Personen:
William Stoneberg.
Katya Stanyek.
Ein Diener.

Ein großes Zimmer. Im Hintergrund rechts eine Thüre. Vorn rechts ein geöffneter Flügel mit Notenheften und Partituren bedeckt. In der Mitte des Zimmers ein großer, runder Tisch. Darauf ein Schreibzeug. Rechts und links Stühle. Links vorn in einer Gruppe von Zierpflanzen eine schwarze Säule mit großer Beethovenbüste. Dicht davor ein kleiner Tisch mit zwei niedrigen Fauteuils. Weiter zurück links ein Fenster mit schweren Vorhängen. In der Mitte des Hintergrundes ein hohes Regal mit Partituren. Rechts und links davon Luftheizungsklappen. Die ganze Einrichtung schwer und dunkel. Es ist vollkommen Nacht.