So schrieb vor Jahren Grand-Carteret, und jetzt ist die Saat, die Eduard VII. gesät hat, aufgegangen.

In den englischen Kartons gegen Wilhelm II. steckt kein wirklicher Humor, kein attisches Salz. Der sehr fruchtbare Zeichner Townsend muß den im Frühjahr 1914 im Alter von 94 Jahren verstorbenen John Tenniel ersetzen, der ein halbes Jahrhundert lang für den „Punch“ etwa dreitausend Blätter geschaffen hat und dessen Zeichnung Dropping the Pilot (Bismarck verläßt das Reichsschiff, nachdem er es durch alle Fährnisse gesteuert hat) auch in Deutschland wohlbekannt ist. Dabei mag daran erinnert werden, daß die Engländer auch in den deutschen Einigungskriegen von 1864-1871 stets auf Seiten unserer Gegner gestanden haben. In der „Fine Art Society“ waren im Herbst 1914 solche Zeichnungen im Original ausgestellt. Die Spottblätter des „Punch“ gegen Wilhelm I. reden eine deutliche Sprache. Der „Punch“ hat jetzt eine Serie davon unter dem Titel „Punch and the Prussian Bully“ veröffentlicht als Kampfmittel gegen den „preußischen Militarismus“ (Bully bedeutet hier soviel wie Eisenfresser). Schon damals wurde der Deutsche als täppischer Bauer dargestellt mit Schirmmütze, Pfeife im Mund, Brille auf der roten Nase und Holzpantoffeln oder schweren Stiefeln. Und die Kenntnis der Engländer von deutschem Wesen scheint sich seither nicht beträchtlich erweitert zu haben: auch jetzt gelten dieselben Dinge noch als Attribute, um den „Teutonen“ zu charakterisieren; nur die Knackwurst ist hinzugetreten. Typisch für diese Art der Darstellung ist das im August 1914 erschienene Blatt von Townsend „Bravo, Belgium!“, das in England rasch volkstümlich wurde ([Abb. 14]). — Die unvermeidliche Wurst erscheint neben den Maßkrügen auf jedem Bilde, wo Deutsche vereinigt sind, wie zum Beispiel in einer Zeichnung „Bei Bethmann“ mit Karikaturen auf den Kaiser, den Kronprinzen, den Reichskanzler und die bekanntesten Generale; auch da liegt die Wurst auf dem Flügel, auf dem der Thronfolger den „Tag“ spielt (nicht die Scherlsche Zeitung, sondern den angeblichen Trinkspruch deutscher Seeleute gegen England „The Day“!)

„No one can be stout with more charm than a German“

Abb. 20. George Morrow: „Niemand trägt seine Dicke mit mehr Grazie als ein Deutscher“.

Aus „In Gentlest Germany“, der Parodie auf Sven Hedin’s Buch.

Abb. 21. E. Nunes: Wie Frankreich seine Kirchen schützt.

(Meggendorfer Blätter. München.)

Wesentlich harmloser sind die Karikaturen, mit denen sich die Engländer selber verspotten; diese Selbstironisierung hat wenigstens etwas Versöhnendes an sich. Harrisons „Badestuhl“ ([Abb. 19]) ist ein Scherz auf die Zeppelinfurcht, Townsends Szene im Barbierladen ein solcher auf die Angst vor den überall eingedrungenen Deutschen ([Abb. 15]). Besonders die Spionenfurcht trieb in London derartige Blüten, daß auch englische Zeitungen darüber zu spotten begannen. „Evening Standard“ veröffentlichte folgenden Dialog: „Was machen Sie hier? Sie wollen doch sicherlich spionieren!“ fragt ein Schutzmann ein verdächtiges Individuum. — „Nein, ich wollte nur einbrechen!“ — „Dann entschuldigen Sie bitte!“ — — Und nachdem man in England erkannte, daß der Krieg doch kein „Gänsemarsch mit Militärmusik“ ist, wie man anfangs dachte, spotteten sogar die „Times“ über die Erfolge der Verbündeten. Auch George Morrows Geschichte von dem Kubisten ist gut, der seine bis dato unverkäuflichen Bilder „Tulpenstilleben“, „Damenporträt“ und „Frühlingssang“ nun als „Zerstörung von Löwen“, „Ruinen der Reimser Kathedrale“ und „Die Hunnen“ spielend absetzt. Viel des Interessanten enthält der „Punch-Almanack“ auf 1915. In Anlehnung an die jedem englischen Kinde geläufigen „Mother Goose’s Nursery Rhymes“ mit ihrem ganz eigenartigen Rhythmus, der das Einprägen dieser Verse so spielend leicht macht, werden die politischen Ereignisse vorgeführt. Da ist eine Serie „When William comes to London“. Dann erhalten die englischen Parlamentarier, die nicht bedingungslos für den Krieg stimmten, besondere Auszeichnungen: Ramsay das Eiserne Kreuz, Hardie als Keir von Hardie den Nobelpreis (erstaunt blickt auf diesem Bilde der kaiserliche Dackel die ihm ganz ungewohnte zerknüllte Hose des Arbeiterführers an). Hardie hatte seinen Landsleuten vorgeworfen, sie hätten eine Lügenfabrik errichtet, von der auf Bestellung deutsche Greueltaten geliefert würden. Auch das politische Alphabet fehlt nicht ([Abb. 16], [17], [18]); R eine Verspottung der Russen, die nicht in Frankreich landen konnten. Und eine Nachdichtung auf das berühmte „Mary had a little lamb“ ist da, nur heißt sie „Willie had a little Wolff“ (das offizielle Telegraphenbureau). Dieser „Punch-Almanack“ hält sich von allem ausgesprochen Rohen frei; er wird als ein amüsantes zeitgeschichtliches Dokument (das natürlich von Engländern und für Engländer verfaßt ist) auch in späteren Zeiten oft genannt werden.