(Punch Almanack for 1915.)

An der Geschmacklosigkeit der oben genannten Erzeugnisse ändert die Tatsache nichts, daß auch das feindliche Ausland groben Schmähungen Raum gab. In England richtete sich der Haß vornehmlich gegen den deutschen Kaiser. Der Engländer sieht nicht oder will nicht sehen, daß seine eigene Regierung die Hauptschuld an dem unsäglichen Elend trägt, das dieser Krieg im Gefolge hat. („Wenn zwei sich streiten, freut sich der Brite“); ihm gilt „The Kaiser“ als der Urheber des Krieges. Wir können uns hier auf das älteste und bedeutendste Londoner Witzblatt, den „Punch“, beschränken; seine allwöchentlichen Kartons beschäftigen sich fast durchweg mit Wilhelm II. Er ist immer der Herrscher von Gottes Gnaden, mit dem aufgesträubten Schnurrbart; so verlangt ihn das englische Publikum zu sehen, denn an diese Art der Darstellung hat es sich nun einmal gewöhnt und läßt nicht davon ab.

ENTERPRISE ON OUR EAST COAST.

The Anti-Zeppelin bath-chair.

Abb. 19. C. Harrison: Der patentierte Badestuhl.

Satire auf die Furcht der Engländer vor den Zeppelinen. (Punch, London.)

Man findet in englischen Blättern kein Wort des Abscheus gegen die Scheußlichkeiten, deren sich der farbige zoologische Garten, den England in Europa mitkämpfen läßt, schuldig macht. Wenn aber eine verirrte deutsche Kugel ein Schloß oder eine Kirche trifft, so entsteht ein furchtbares Geheul über die „Barbaren“. Dabei stand in England die Wiege der politischen Satire, von keinem Presseparagraphen oder Verbote behelligt. Hier konnten Gillray und Hogarth ungehindert ihre Hiebe gegen die Fehler des eigenen Landes austeilen: ihre Nachfolger von heute ziehen es vor, darauf zu verzichten. Raven Hill, Bernard Partridge und vor allem der bekannteste Zeichner des „Punch“, F. H. Townsend, zeigen den Kaiser als Verbreiter von Lügendepeschen an die Neutralen, als Dachshund, der vor Amerika „schön macht“, als den Verführer der Türkei. Auch gegen den Kronprinzen werden die kindlichsten Lügen vorgebracht; eine Abbildung zeigt ihn französische Schlösser ausraubend als Geldschrankknacker! (Ähnliche Darstellungen brachten die französischen Spottbilder im siebziger Kriege auf Bismarck und die preußische Landwehr.) Aber, wir wollen ehrlich sein: sind nicht auch in unsern Blättern genügend solche Entgleisungen vorgekommen? Der Zar als Mörder und Brandstifter, Frankreich als gemeine Dirne, der englische König als ihr Zuhälter waren gar keine so seltenen Erscheinungen! Und auch da hatte die „Norddeutsche Allgemeine“ recht, wenn sie schrieb: „Dergleichen entspricht nicht der Würde der deutschen Nation. Wir müssen eine Ehre darein setzen, dem Gegner nicht nur auf dem Schlachtfeld überlegen zu sein, sondern auch in der Art, wie wir den Krieg mit geistigen Waffen führen. Den Feind, mit dem wir auf dem Felde der Ehre die Klinge kreuzen, durch niedrige Schmähbilder und Schimpfreden anzugreifen, ist nicht vornehm und setzt die Ehre der Nation herab, die sich solcher Mittel bedient. Überlassen wir das denen, die es nötig haben, den englischen Mob, die Pariser Apachen und die russischen Muschiks bei guter Laune zu erhalten. Unser deutsches Volk bedarf zur Belebung seines kriegerischen Schwunges solcher giftigen Medikamente nicht. Es trägt die Kraft, den Feind zu besiegen, in sich selbst. Darum fort mit diesen Schmähbildern und Karten aus unseren Witzblättern und Schaufenstern!“

Es war der bekannte Bibliograph der zeitgenössischen Karikatur, der deutschfreundlich gesinnte Grand-Carteret, der bereits vor zehn Jahren den heutigen Krieg und die politische Konstellation der dabei beteiligten Völker genau vorausgesehen hat. In seinem Buche über Eduard VII. „L’Oncle de l’Europe“ (deutsch bei A. Hofmann & Co. in Berlin) schreibt der geistvolle Franzose in einem Kapitel „Das Persönliche in der Karikatur, Onkel und Neffe“ die folgenden prophetischen Worte nieder, auf die jetzt zuerst die „Frankfurter Zeitung“ wieder aufmerksam machte und die gleichzeitig auch die wahren Gründe des Krieges treffen:

„Zeigt sich Wilhelm II. in diesem Ringen als der Vorkämpfer der immer größer werdenden Expansionskraft Deutschlands auf dem Gebiete der Industrie und des Handels, die gebieterisch für ihre reichen Erzeugnisse neue Absatzgebiete auf dem Weltmarkt fordern, so sehen wir im Gegensatz hierzu Eduard als den Verteidiger uralter Privilegien der englischen Nation, die bisher als größte Handelsmacht der Welt unbestritten die Hegemonie über den Erdkreis besaß und sich nun plötzlich einem Rivalen gegenübersieht, dessen Emporkommen sie nie und nimmermehr glaubte fürchten zu brauchen. Und dieser Kampf zwischen den beiden großen Mächten wird die Welt einst zu der Frage drängen: „Wird Europa englisch oder deutsch sein?“ Selbstverständlich handelt es sich dabei nicht um territoriale Eroberungen von deutscher oder englischer Seite, sondern um das moralische und tatsächliche Übergewicht, das sich durch seinen Einfluß, seine Sprache, seinen Handel, seine starke Lebenskraft äußert und das mehr oder weniger die anderen Nationen vielleicht einmal dazu zwingen wird, in gewissem Sinne Tributstaaten der einen oder anderen dieser Mächte zu werden, deren Ausdehnung schon so bedeutend ist und immer größer wird! Also: Eduard oder Wilhelm! Der Onkel oder der Neffe! Der erste stützt sich auf Frankreich, der andere hat in Österreich seinen treuesten Verbündeten gefunden. Und wer weiß, ob sich nicht dereinst im entscheidenden Moment die asiatischen Völker in die europäischen Angelegenheiten mischen werden, die Völker, die man gestern noch verächtlich Barbaren nannte, weil sie keine Christen sind? Wenn sich der Onkel in diesem Spiel — soll man ihn nun den guten oder bösen Onkel nennen? — gezwungen sähe, die japanischen Trümpfe auszuspielen, so würde sein Neffe sicher bei seinen getreuen Alliierten, den Türken, Hilfe finden. Die Karikatur mit ihrem oft prophetischen Blick hat sich dieses Problems bemächtigt und wird zu seiner Lösung beitragen, denn die Karikatur in ihren politischen Darbietungen spricht die Sprache der Völker, in ihr widerspiegeln sich die Anschauungen und Meinungen der Volksmassen, und diese sind es doch schließlich, die das Schicksal der Nationen entscheiden.“