Winter 1914-15.
The Rock of Germany
Abb. 30. Robert Carter: Deutschlands Felsen.
Hindenburg, an dem die russischen Wogen (die Wellenköpfe sind durch Bärenköpfe dargestellt) abprallen.
Amerikanische Zeichnung aus dem „Evening Sun“, New York.
Es waren ganz bestimmte Personen und ganz besondere Objekte, denen sich die Stifte und Pinsel der Karikaturenzeichner in erster Linie zuwandten: Menschen und Dinge, die rasch — und mit vollem Recht — eine unbegrenzte Volkstümlichkeit erwarben. Daß eine so prächtige und erfolgreiche Persönlichkeit wie Hindenburg, die für uns das neue deutsche Heldentum verkörpert, an die allererste Stelle rückte, war bei seinen großartigen Leistungen nur natürlich. Ein äußeres Zeichen wahrer Volkstümlichkeit zeigt sich in den Anekdoten, mit denen berühmte Männer, wie etwa Bismarck, umgeben werden. Das Volk webt um alles, was es liebt, einen förmlichen Sagenkreis. So war es auch bei dem großen Befreier des deutschen Ostens, der plötzlich wie ein Riese, bis dahin den meisten völlig unbekannt, vor uns stand. Gicht, Rheuma und alle möglichen Krankheiten sollten ihn plagen. Er wußte diese Dinge mit Humor in den zahlreichen Gesprächen mit Berichterstattern dankend von sich abzulehnen. Viel fester aber noch setzte sich die Mär, daß Hindenburg Sommer für Sommer in Ostpreußen zugebracht hätte, sich vom Garnisonkommando in Königsberg alljährlich eine Kanone entliehen und sie regelmäßig durch alle masurischen Seen und Sümpfe gezogen hätte, um diese auf ihre Tiefe zu prüfen! Man sollte es nicht für möglich halten, daß unter den vielen Tausenden von poetischen Erzeugnissen, mit denen der Generalfeldmarschall angesungen wurde (und die er dank seiner guten Gesundheit trefflich überstand), sich auch das Werk eines angesehenen Dichters befindet, die „Ballade von den masurischen Seen“ des Österreichers Franz Karl Ginzkey, die diese Geschichten allen Ernstes als Tatsachen behandelt und die damit in das Gebiet des unfreiwilligen Humors rückt. Aus dem in der Form gelungenen Gedicht, das namentlich auch das Gurgeln der Sümpfe lautmalend trefflich wiedergibt, diene folgender Abschnitt als Probe:
Es lebt keine Unke, kein Frosch, kein Lurch,
Die er nicht kennte durch und durch (!!)
Er kennt jeden Steg, jeden Busch und Verhack,
Er kennt jede Lack wie den eigenen Sack (!!)
Wie breit sie nach West, wie tief sie nach Ost,
Er kennt sie, als hätt’ er sie selber gekost’t. (!!)
Und immer hört er das Gurgeln dumpf:
Der Sumpf ist Trumpf, der Sumpf ist Trumpf.
Er schluckt die Russen mit Rumpf und Stumpf.
Man versuche nur, sich das einmal vorzustellen: die Prüfung aller der einzelnen Reptilien und Amphibien durch Hindenburg! Denn es „lebt keine Unke, kein Frosch, kein Lurch, die er nicht kennte durch und durch“. Der Dichter hat das Recht, sich der Hyperbel als einer poetischen Form zu bedienen, aber das hier geht denn doch zu weit! Was hat schließlich der anatomische Bau dieser harmlosen Tiere mit dem Verlaufe der Schlacht von Tannenberg zu schaffen? — Eine Reihe wirklich guter Scherze knüpft sich an den Namen Hindenburg. So zum Beispiel: „Weshalb hat der Zar Petersburg in Petrograd umgetauft?“ Antwort: „Weil er hinten (Hinden)burg nicht leiden kann.“ — Hindenburg ist Ehrendoktor aller vier Fakultäten. „Welchen davon hat er am meisten verdient?“ „Den Dr. med.; denn niemand hat in Ostpreußen so großartige und gelungene — Operationen ausgeführt wie er.“ Von dem Generalfeldmarschall erwartet man nach dem Burgfrieden einen Hindenburgfrieden, der Deutschland für alle Zeiten gegen neue Überfälle sichert. Und wie populär er auch gerade bei der Jugend ist, die nach Eintreffen seiner Siegesnachrichten schulfrei erhält, zeigt die Äußerung eines unvorbereiteten Quartaners vor der Lateinstunde: „Wenn Hindenburg heute keinen Sieg meldet, bin ich verloren!“ — Der Generalfeldmarschall wird immer im Scherzbilde und Scherzworte fortleben, ein Zeichen wahrer Volkstümlichkeit, die er in so hohem Maße nur noch mit Bismarck und Zeppelin gemeinsam hat. — Hier muß auch der Biertischstrategen gedacht werden. Niemand hat sie so köstlich karikiert wie Johnson im „Kladderadatsch“ in Anlehnung an Defreggers bekanntes Bild „Der Salontiroler“ ([Abb. 31]). Ein nettes Scherzgedicht von Hans Flux in der „Schwäbischen Tagwacht“ richtet sich gegen diese Besserwisser:
Zu Cannstatt ob dem Stammtisch
Hängt Hindenburg im Bild,
Es blickt der Schlachtenmeister
So freundlich und so mild.
Worüber mag sich freuen
Grad hier der große Mann?
Weil er von diesem Stammtisch
Noch recht viel lernen kann.