Der wichtigste Grund der Deutschfeindlichkeit war aber für den Anglo-Amerikaner diesmal die Verletzung der sogenannten Neutralität Belgiens (so in den Reden des früheren Präsidenten der Harvard Universität, Eliot). Das „scrap of paper“, die Bezeichnung des belgischen Neutralitätsvertrages als eines wertlosen Papierfetzens, spielt in den amerikanischen Blättern genau so wie in den englischen die größte Rolle. Auch wirtschaftliche Faktoren sprechen mit. Mit den Verbündeten kann man Geschäfte machen; mit Deutschland würde man es auch tun, wenn die Möglichkeit dazu vorhanden wäre. Im allgemeinen kann man sagen: die wirtschaftlichen Kreise, besonders die Hochfinanz in den Neu-England-Staaten, halten zu den Alliierten, das akademisch gebildete Publikum bewahrt wenigstens teilweise seine Sympathien für Deutschland, dem es so viel schuldet und ist weit davon entfernt, es für ein von Barbaren bewohntes Gebiet zu halten. Man lese nur die ehrliche Flugschrift, die der bekannte Austauschprofessor Burgeß von der Columbia-Universität bereits im August 1914 veröffentlichte (im Herbst 1915 ist von ihm [deutsch bei S. Hirzel in Leipzig] eine andere, sehr sachlich gehaltene Arbeit erschienen); er ist Anglo-Amerikaner und kann seinen Stammbaum Hunderte von Jahren zurückführen, er bekennt aber ganz offen, daß ihm näher als sein Mutterland das Vaterland Deutschland steht, dem er sein Wissen und seine Bildung verdanke. Und Burgeß steht mit seiner Propaganda für richtige Bewertung deutscher Kultur durchaus nicht einzeln da.

[Abb. 48.] „Wessen Börse wird zuerst leer?“

Japanische Karikatur aus Osaka (Herbst 1914).

Das Wichtigste an Aufklärungsarbeit aber leisteten die deutschen Vereinigungen, besonders auch die vom Mitgliede des Repräsentantenhauses Bartholdt gegründete „Neutralitätsliga“. Teilweise erfolgt diese Aufklärung in humoristischer Form. Der deutsche Preßklub in New York hat ein solches Blatt herausgegeben; es nennt sich „Die gefüllte Kriegsente“ und beginnt gleich damit, die rätselhafte Neutralität Amerikas zu verspotten, indem es an seinen Kopf setzt: New-York, Great Britain, 14. November 1914. Dann gibt es lustige Kriegsberichte von allen Schauplätzen, ganz im Stil der anglo-amerikanischen Hetzblätter. „Englands Flotte nach den Masurischen Seen“ heißt es in Riesenlettern, und nun entwickelt der Berichterstatter in Retroward den neuesten Feldzugsplan des Generals Kannrennen im Sinne der Überschrift. Aus Paris gibt er folgenden ergötzlichen Schlachtbericht:

„Auf unserm linken Flügel erlitten die Deutschen eine vernichtende Niederlage. Die afrikanischen Schützen griffen zusammen mit den Indiern und Hottentotten das Zentrum des Feindes bei Wosollderduebelweiten in Belgien an. Es entspann sich ein wütendes Geschützfeuer, welches von unserer braven Artillerie indes bald nur mit Schweigen beantwortet wurde. Da nämlich unser genialer Artilleriekommandeur sah, daß die deutschen Granaten eventuell die französischen Truppenbewegungen hätten stören können und die Prussiens überdies keinen Schuß Pulver wert sind, so zog er einfach seine Leute zurück. Dann begannen wir mit Heldenmut den eigentlichen Angriff. Da aber das Gelände ungünstig war, so wurde das Schlachtfeld später einige Kilometer rückwärts verlegt. Unsere tapfern Truppen ließen den Feind nicht zur Ruhe kommen und blieben trotz der Hast unseres Rückzugs mit ihm in Fühlung. Seine Verluste sind fürchterlich. Der feindliche General hat Selbstmord begangen. Sechs preußische Prinzen wurden schwer verwundet, der Bruder des Kaisers wurde gefangen genommen.“

Abb. 49. George van Raemdonck: Wie Holland seine Neutralität wahren wird.

(Dadurch, daß es im Notfalle das ganze Land unter Wasser setzt.)

(De Amsterdammer, Amsterdam.)