Bemerkt sei noch, daß die Kriegsente mit Abbildungen reich verziert ist, die ebenfalls über die Gesinnung der Zeichner keinen Zweifel lassen. Ein jämmerlich verprügelter englischer Löwe schmückt die letzte Seite, hoffentlich auch das Symbol, mit dem der Weltkrieg einst zu Ende geht.

Abb. 50. Dan. Lynch: Fabrikation der Schweizerkäse während des Krieges.

(Life, New York.)

Solche Satiren auf gewisse amerikanische Zeitungen sind sehr nötig. Was allein der in Deutschland in seiner Bedeutung weit überschätzte „New York Herald“ (er gehört durchaus nicht zu den Blättern der besseren Klassen) in Lügen und Verhetzungen leistet, ist so hahnebüchen, daß man es nicht für möglich halten sollte; es übertrifft an Dummheit bei weitem alles, was etwa von französischen Zeitungen geboten worden ist. Danach müßte von dem deutschen Heere überhaupt kein Mann mehr übrig sein: Tausende von hungernden Menschen wälzen sich durch die Straßen Berlins vor das Schloß, überall in der Reichshauptstadt werden Schützengräben gezogen (vielleicht hat der Berichterstatter des „Herald“ die Ausschachtungsarbeiten für die neuen Untergrundbahnen gesehen!). Kurzum, Deutschland steht vor seinem nahen Ende. Und diesen Blödsinn dann mit zentimeterhohen Typen in den „headlines“, den Überschriften, für deren sensationelle Aufmachung ein eigener Mitarbeiter gehalten wird! Daneben geht der haarige Unsinn, den andere amerikanische Zeitungen ihren Lesern vorsetzen. „San Francisco Chronicle“ schrieb: „Kaiser clips Ends of His Mustache. When it was observed some time after the beginning of the war that the Kaiser’s hair had turned white, no one paid much attention to that change, but the removal of his mustache ends has struck the public imagination, and has, perhaps, strange as it may seem, done more than anything else to convince the population of Berlin that the war outlook is becoming bad for Germany.“ („Der Kaiser schneidet die Spitzen seines Schnurrbarts ab. Als man einige Zeit nach dem Ausbruch des Krieges bemerkte, daß das Haar des Kaisers weiß geworden war, achtete niemand sonderlich auf diese Veränderung, aber die Entfernung seiner Schnurrbartenden hat einen tiefen Eindruck auf das Publikum gemacht und hat die Bevölkerung von Berlin mehr als alles andere davon überzeugt, daß die Kriegsaussichten ungünstig für Deutschland sind.“) — Im Chicagoer „Hardwood Record“, einem Blatt, das in der amerikanischen Holzindustrie angesehen ist, war folgende Notiz enthalten: „In Österreich werden Sägespäne mit Teer gemischt und zu Heizbriketts verarbeitet. In Deutschland wird aus Sägespänen, die mit Roggenmehl vermischt werden, eine Art Brot gebacken, das von Menschen sowohl als auch von Pferden verzehrt wird. Eine Dampfbäckerei stellt allein zwanzigtausend solcher Brote am Tage her.“ Solcher Unsinn stand übrigens nicht bloß in der anglo-amerikanischen Presse, deren Ignoranz zur Genüge bekannt ist. Auch englische Zeitungen, z. B. die Londoner Times haben in der ersten Zeit manche Ente in die Welt gesetzt. Ein uraltes Vorrecht der Unterliegenden ist die Lüge. Später, als es mit den Lügen nicht mehr ging, haben sie allerdings recht objektiv berichtet. Interessant ist, wie solche falschen Berichte oft entstehen. Man entsinnt sich, daß im September 1914 die Nachricht die Runde durch die gesamte Presse machte, es wären achtzigtausend Russen im Hafen von Archangelsk nach Frankreich eingeschifft worden. In England nennt man im Eierhandel die russischen Eier einfach Russen, wie wir russische Zigaretten kurzweg als Russen bezeichnen und wie die Kaninchen, die in Massen aus Belgien über Ostende nach London kommen, „Ostendes“ heißen. Zu Beginn des Septembers erhielt nun ein Londoner Eier-Kommissionär eine Depesche des Wortlauts: „80000 Russen aus Archangel abgegangen.“ Ein Telegraphenbeamter erzählte diese Ankündigung als neueste inhaltschwere Zeitungsdepesche geschwätzig weiter, irgendein Reporter griff sie auf — und in zwei Tagen waren die Zeitungsleser der Alliierten um eine verheißungsvolle, erst nach langer Zeit weichende Hoffnung reicher. — Hier waren also die unschuldigen Eier an einer Nachricht schuld, die die ganze Welt tagelang beschäftigte. Omne vivum ex ovo!

Über französische Lügen hatte sogar „Corriere d’Italia“ eine grotesk wirkende Liste gebracht: Die Basutoneger haben sich den Engländern als Pfeilschleuderer angeboten; der Sultan von Marokko hat außer 50000 Getreuen auch ein Heer von Odalisken nach Frankreich gesandt; die Deutschen haben die Provinz Antwerpen geräumt, belagern aber die Festung dieses Namens; die in Archangelsk an Bord genommenen Russen sind am Nordkap gelandet und treffen morgen in London ein; der Inn wälzt blutige Wogen in den Lech usw. usw.

Bewußt harmlos sind dagegen die Zeichnungen in dem schon mehrfach zitierten „Life“, wie die von Dan Lynch über Fabrikation der Schweizerkäse in der jetzigen Zeit ([Abb. 50]); die Käse werden zwischen der deutschen und französischen Grenze in die Höhe gewunden, und die Geschosse sorgen für die Durchlöcherung.

Abb. 51. Marcus: Das Duett der „Bindestrich-Amerikaner“.

(N. Y. Times, New York.)