Eine sehr umfangreiche Sammlung von Karikaturen aus der Zeit des siebziger Krieges besitzt die Berliner Königliche Bibliothek, die auch diesmal neben anderen Instituten und zahlreichen Privaten die Veröffentlichungen über den Weltkrieg eifrig sammelt. Durchaus nicht alles, was erscheint, ist literarisch und künstlerisch bedeutsam, aber echte Sammler heben diese Dinge auf, auch das Kleinste und Unscheinbarste, als vergängliche Zeugnisse einer ungeheuer großen Zeit, mit der ein neuer Abschnitt der Weltgeschichte beginnt.
[Abb. 2.] Nicholas Haz: Die Armee der Zivilisation.
(The Fatherland, New York.)
Wie verhältnismäßig leicht hatten es die Sammlungen und Sammler der siebziger Jahre — trotz der Fülle des Erschienenen — gegen die unserer Tage! Zwar in Frankreich ist unter dem Druck der gewaltigen Ereignisse der Born der Satire zunächst nur langsam geflossen, die Künstler des Humors und Witzes hatten das Lachen verlernt, oder es war zur Grimasse geworden. Aber die andern Länder, vor allem Deutschland, wetzten diese Scharte überreichlich aus. Gerade weil es niemand, auch den öffentlichen Sammlungen nicht, gelingen wird, eine auch nur annähernde Vollständigkeit zu erreichen, bietet sich dem einzelnen hier ein fruchtbares Feld. Aber es heißt, rasch zugreifen. Schon sind manche Einblattdrucke und Gelegenheitszeitungen außerordentlich selten.
[Abb. 3.] Japanische Karikatur aus Tokio. (Stellungskrieg Winter 1914.)
„Auf dem europäischen Kriegsschauplatze ist jetzt nicht viel Tätigkeit zu bemerken, kein Wunder: beide Teile sind eingefroren. Sie scheinen der aufgehenden Sonne (Japan) zum Auftauen zu benötigen.“
Ein trefflicher Maßstab für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Landes ist seine Fachpresse; ihr Fortbestehen während der Kriegszeit kennzeichnet am besten die Widerstandskraft eines Reiches. In Frankreich haben viele wissenschaftliche Zeitschriften ihr Erscheinen im Sommer 1914 eingestellt und fehlen zum Teil noch heute. Die großen Tageszeitungen kommen auch jetzt noch in sehr verringertem Umfange heraus, während in England und in Deutschland fast die gesamte Presse ohne Unterbrechungen und Kürzungen erscheint und außerdem eine große Reihe neuer fortlaufender Veröffentlichungen entstanden ist. Auch das ist ein Zeichen deutscher Kraft und Überlegenheit. Ja, es ist der Fülle des Guten bei uns etwas reichlich viel geworden! Schon im November 1914 klagten die Buchhändler darüber, daß jeder Verleger sich verpflichtet fühle, eine Kriegsgeschichte herauszugeben, und daß es ihnen unmöglich sei, allen Wünschen um Verwendung für diesen reichen Segen nachkommen zu können. Waren doch schon in den ersten Wochen mehrere Dutzend Kriegs-Chroniken in Lieferungen angezeigt worden!
Selbst in den ernstesten Zeiten ist Witz und Satire nicht zu bannen; auch während dieses fürchterlichen Völkerringens lassen sich heitere Augenblicksbilder nicht ausschalten. Und schließlich, halten wir uns doch immer vor Augen: wirklicher Humor ist nur bei sittlich reifen und wahrhaft ernsten Menschen zu finden. Es wäre ja auch schlimm bestellt, wenn den vielen Millionen, deren Nerven jetzt aufs äußerste in Anspruch genommen werden, der Sinn für den Scherz verloren ginge! Die Karikatur ist eben eine Großmacht. Ein gut gezeichnetes Blatt prägt sich dem Gedächtnis weit stärker ein als der schönste Leitartikel, und manche Blätter können sogar erzieherisch wirken! Aber der Humor leistet noch mehr: er hilft den Kampf gewinnen. „Ich habe hier draußen die Erfahrung gemacht“, schreibt der Tübinger Nationalökonom Professor Robert Wilbrandt als Ortskommandant von La Roche bei Longwy an den „Kladderadatsch“, „wie wohltuend der Humor aus der Heimat uns ist, gerade jetzt in diesem einzigen Kampf, wo er jubelnd erklingt, wo er so ganz andere Objekte und so viel Grund hat zum Lachen. Für mich und meinen Zug habe ich durch Bestellung gesorgt; das zirkuliert dann noch weiter. Aber was bedeutet das gegenüber dem Bedürfnis; an der Front ist es gewiß noch viel stärker als hier beim friedlichen Landsturm. Eine nationale Mission ist zu erfüllen. Der Humor schlägt Schlachten. Im feuchten Schützenloch hilft er mit. Witzblätter an die Front! Das ist meine Bitte an Herausgeber, Stifter, Vereine, Liebesgabenspender. Möge Ihr Blatt diese Bitte beherzigen, unterstützen und verbreiten!“