Dem „Kladderadatsch“, der in den annähernd siebenzig Jahren seines Bestehens immer und fast ausschließlich die politische Satire pflegte und über einen ausgezeichneten Stab von Mitarbeitern, vor allem auch unter seinen Zeichnern, verfügt, war es nicht schwer, der begeisterten Erhebung der Deutschen Ausdruck in Wort und Bild zu verleihen. Von Gustav Brandt, dem Schüler der Düsseldorfer und Berliner Akademie, rührt seit Jahrzehnten das künstlerisch Feinste und Wichtigste her, das der „Kladderadatsch“ gebracht hat. Weltbekannt sind seine Porträts berühmter Zeitgenossen, denen er jetzt unter anderm das Bildnis des eigentlichen Urhebers des ganzen Krieges hinzugefügt hat ([Abb. 4]). „Wie dem Kothurnschritt der alten Tragödie das leichte Satyrspiel folgte, so hat der Ernst der Geschichte, so hat der Ernst des Lebens immer den Humor und den Witz zur Seite gehabt, denn nur durch diese Begleitschaft wird der Ernst des Lebens uns erträglich gemacht. Es ist dies die idealere Seite unserer Witzblätter, wenn sie ihre Aufgabe richtig verstehen,“ schrieb er beim Erscheinen der ersten Kriegsnummer. Aber auch die andern deutschen Witzblätter, und selbst solche, die vorwiegend die gesellschaftliche Satire behandeln, nahmen rasch eine Neuordnung vor. Die Themen, die noch im Juli 1914 die Hauptsache bildeten, versanken vor größeren Aufgaben. Die Klänge des Two-Steps übertönte das Summen der 42er Brummer, und der Tango ging in den masurischen Sümpfen mit unter.

Selbst deutsche Witzblätter, die sich sonst von der Politik vollständig fernhielten, haben sich den veränderten Verhältnissen fügen müssen und bringen nun auch Kriegswitze und Kriegskarikaturen. In den „Meggendorfer Blättern“ finden sich recht hübsche Illustrationen von tüchtigen Zeichnern. In den „Fliegenden Blättern“ ist ebenfalls der sonst den Schwiegermüttern, zerstreuten Professoren, Dackeln und stehengebliebenen Regenschirmen geweihte Raum teilweise mit netten, stubenreinen Witzen, die sich in irgendeiner Weise mit dem Weltkrieg beschäftigen, angefüllt.

Abb. 4. Gustav Brandt: „Eduard VIII.“ von England, der Mann ohne Gewissen.

Karikatur auf den unmittelbaren Urheber des Krieges, den englischen Minister des Auswärtigen Edward Grey. (Kladderadatsch.)

Und dabei sind die besten Scherze die ungewollten. Man denkt da an jene alte Frau, die auf die Frage, wie es ihrem Sohn ginge, glückselig antwortete: „Ja, zuerst hat er es sehr schwer gehabt, da hatte er wenig Ruhe, aber jetzt kann er in einemfort schlafen.“ Sie hatte die Worte „in einem Fort“ mißverstanden. — Als das (falsche) Gerücht am Anfang des Krieges verbreitet war, die Franzosen hätten durch Spione im Elsaß die Brunnen durch Cholerabazillen vergiften lassen, erzählte es ein biederer Sachse seinem Freunde auf der elektrischen Bahn. Er sprach aber immer nur von „Cholera-Pillen“, die die Franzosen ins Wasser geworfen hätten (da war es natürlich kein Wunder, daß die Abführung so rasch erfolgte!).

Außerordentlich groß war der Absatz, den die führenden deutschen Witzblätter fanden. Der „Kladderadatsch“ mußte einzelne Nummern siebenmal neu drucken lassen, „Lustige Blätter“, „Ulk“, „Jugend“ und „Der wahre Jakob“ konnten ihre Gesamtauflagen wesentlich erhöhen. Solche Zeitschriften wirken aufklärend im Auslande, denn der vom Feinde irregeführte Neutrale wird sich sagen, wer so zu lachen vermag, der kann nicht, wie man mir einreden will, geschlagen am Boden liegen. Auch der neu entstandene „Brummer“ hatte großen Erfolg. Und die verwöhntere Ansprüche befriedigenden Nummern der „Kriegszeit“ aus dem Verlage von Paul Cassirer in Berlin, in denen Führer der deutschen Griffelkunst wie Max Liebermann und August Gaul dem Geiste der Zeit künstlerischen Ausdruck gaben, fanden weit über den Kreis der eigentlichen Graphiksammler hinaus zahlreiche Freunde. Ganz erstaunlich aber war der Umsatz in Postkarten; ein einziger Berliner Verlag verkaufte von Ansichtskarten mit Karikaturen in einer Woche dreiviertel Millionen!

Abb. 5. Ricardo Marin: Der Geist Hamlets.

„Sein oder Nichtsein ist die Frage“.