PARADE-MARCH
Michel vole les pendules; von Boden, les tableaux;
Gretchen vide les armoires et Messieurs les Officiers, les caves.
Abb. 75. Ricardo Florès: Parademarsch.
Aus dem Album „Boches, Deutschland unter Alles“.
(Paris, Ollendorff Editeur, 1914.)
Wohl kaum einem Lande ist der Krieg so überraschend gekommen wie Frankreich, denn wenn man dort auch immer stolz auf das „archiprêt“ pochte und eine Reihe von Kriegshetzern fleißig an der Arbeit waren, so hatte man, wenigstens soweit die große Mehrheit in Betracht kam, doch nicht ernstlich an einen Krieg geglaubt, zum mindesten nicht an einen solchen im Jahre 1914. So fand denn der 1. August die Franzosen archiprêt in dem Sinne von 1870, nämlich unvorbereitet. Wandel und Handel stockte, vor allem der Buchhandel, und er hat sich auch bis heute noch nicht richtig erholen können, während er in andern Ländern schon längst sich den neuen Verhältnissen anzupassen wußte. In Deutschland beträgt allein die Zahl der mit dem Kriege in Zusammenhang stehenden Neuerscheinungen vom 1. August bis 31. Dezember 1914 1416 Nummern, während in Frankreich der „Mémorial de la Librairie“ im ganzen bloß 286 Werke verzeichnete und unter diesen nur 20, die in direktem Zusammenhange mit den Zeitereignissen standen. Eine große Reihe von Revuen und Zeitungen verschwanden sang- und klanglos und sind auch nicht wieder erstanden; andere fristen notdürftig als zweiseitige Blätter ihr Dasein. In Paris hörten die Witzblätter nach Ausbruch des Krieges zunächst auf zu erscheinen. Die Karikatur trat zuerst wieder in den Tageszeitungen auf, in jenem Stil, der für die gesamte Literatur und Kunst seit dem Ausbruch des Krieges für Frankreich charakteristisch ist. Es ist dort anders als bei uns: während hier nur wenige Schreier und Toren die Ausnahme bilden und die weitaus überwiegende Mehrzahl der Deutschen sich vernünftig und korrekt benimmt, ist es in Frankreich gerade umgekehrt; dort ist die Besonnenheit eine Ausnahme, und die Masse des Volkes, auch die der Gebildeten, ist von einer Art Wahnsinn befallen, dessen pathologische Wutausbrüche in der Tagespresse, den Witzblättern, den Ansichtskarten und in Einzelheften zum Ausdruck kommen, die zu sammeln für jeden, der sich überhaupt mit der Kriegsliteratur beschäftigt, zum mindesten sehr reizvoll ist. Das Bewußtsein der Ohnmacht einem stärkeren Feinde gegenüber hat die Franzosen in eine hysterische Raserei versetzt, deren Ergüsse einfach jeder Beschreibung spotten. Aber es ist wirklich richtiger, alle diese Dokumente von der komischen Seite zu betrachten, als sie ernst zu nehmen. Die gekränkte Eitelkeit, die Sorge um den Untergang der „Gloire“ hat dieses bedauernswerte Volk zu solchen sonderbaren Delirien geführt. Frankreich glaubt noch immer, die Welt führe Krieg, weil seine Eitelkeit vor 44 Jahren durch den Verlust Elsaß-Lothringens verletzt wurde. Nur ganz langsam und allmählich machen sich auch Stimmen in Frankreich bemerkbar, die vor übergroßem Siegesbewußtsein warnen und den Deutschen Gerechtigkeit widerfahren lassen, ja, die sogar das Wort „Les Allemands“ wieder in Anwendung bringen, das doch jetzt in der französischen Presse verpönt ist und durch „Assassins“, „Barbares“, oder das so beliebte „Boches“ ersetzt wird.
Besonders interessant sind jene Dokumente, die angeblich authentische deutsche Originalaufnahmen bringen, während es sich tatsächlich um französische Fälschungen schlimmster Art handelt. Durch alle Blätter bei uns ging ja jene Illustration, die drei deutsche Offiziere mit ihrem „Raub aus französischen Schlössern“ zeigte, in Wirklichkeit die Abbildung dreier Kavallerieleutnants, die sich nach einem Herrenreiten mit den drei gewonnenen Preisen hatten photographieren lassen; der Hintergrund war vorsichtig wegretuschiert worden. Auf eine andere Fälschung aus dem „Matin“ (der überhaupt kaum zu überbieten ist) machte kürzlich der „Kunstwart“ aufmerksam: das Blatt hatte eine Aufnahme eines Berliner Photographen benutzt, die den Kaiser und den Kronprinzen in freundlichem Gespräche vorführte. Der „Matin“ fälschte nun in das Original verschiedene „Kleinigkeiten“ hinein und dann wurde der nötige Text zu dieser Fälschung fabriziert: „Explication orageuse des deux Willies. Les officiers de la suite sourient ironiquement.“ Noch toller aber ist, was sich das Blatt „L’Intransigeant“ kürzlich geleistet hat; es brachte eine Gruppe hoher deutscher Offiziere mit ausgesprochen tieftraurigen Gesichtern, alle Mienen verraten Niedergeschlagenheit und Mutlosigkeit. Die Unterschrift: „Offiziere des deutschen Großen Generalstabes beim Rückzug nach einem mißglückten Angriffsversuch.“ Die Photographie war allerdings vollständig Original und auch nicht gefälscht. Aber man sah in dem französischen Blatte die Figuren nur bis etwa zu den Knien, die ganze Aufnahme zeigte nämlich die so traurigen und kopfhängerischen deutschen Offiziere bei der Beerdigung eines auf dem Felde der Ehre gefallenen Kameraden!
Bei all diesen Hetzereien passieren auch originelle Schnitzer. Das „Journal“ brachte im Januar mit der nötigen Entrüstung eine Abbildung aus der „Jugend“: Kitchener als Frosch mit den Händen in einer blutigen Masse hingemordeter Menschen wühlend. Man hoffte wohl auf die Entrüstung der gekränkten Engländer. In Wirklichkeit handelte es sich aber um eine — französische Karikatur der „Assiette au Beurre“ aus der Zeit des Burenkrieges (wie die „Jugend“ auch richtig angegeben hatte).
[Abbildung 76] zeigt eine Karikatur von L. Métivet, die in der letzten vor dem Kriege ausgegebenen Nummer von „Le Rire“ veröffentlicht worden ist. Sie bezieht sich auf die berühmte „Stiefeldebatte“ in der französischen Kammer, die sich um die mangelhafte Ausrüstung des Heeres drehte und über die ja in deutschen Witzblättern zahlreiche Satiren veröffentlicht wurden. Der Soldat ist in Betrachtung seiner beiden Füße versunken, deren einer bekleidet, deren anderer unbekleidet ist, und fragt verwundert, welcher nun eigentlich der „Kriegsfuß“ sei. Die Kritik des eigenen Heeres spielte in französischen Witzblättern ja überhaupt immer eine große Rolle, wenn sie auch ganz anderer Art war, als jene harmlosen Scherze, mit denen deutsche Witzblätter über den bisweilen etwas zu großen Schneid unserer Offiziere in liebenswürdiger Weise spotteten. Besonders die Zeichnungen von Jossot lassen an Schärfe nichts zu wünschen übrig; sie üben an der ganzen Organisation des französischen Heeres eine ätzende Kritik.