(In diesem Blute, vergossen für mich,
Ertrinkt ihr? Goddam, um so schlimmer!
Euer Voltaire, denket dran, sicherlich
Ein geistvoller Kopf, doch ein grimmer,
Über Englands Geschichte äußert er sich,
Der Spötter, der große, man sehe dort
Wie Wasser fließen das rote Blut,
Geschrieben sein könnt’ sie, mit einem Wort,
Von Henkershand ebensogut!)
Abb. 78. E. Tap: Joffre, der treue Wächter.
(La Guerre sociale, Paris.)
Abb. 79. Manfredini: Suprême serment. Schwöre mir, Otto, daß du mich nicht mit einer Französin betrügen wirst.
(Le Rire rouge, Paris.)
Als Ersatz für die nicht mehr erscheinenden Witzblätter mußten in den ersten Kriegsmonaten Ansichtskarten herhalten, die auf den Boulevards zu Tausenden gekauft wurden. Sie sind noch viel schlimmer als die deutschen „Ulkkarten“ aus den ersten Monaten des Krieges, und das will doch gewiß viel heißen! Irgend etwas Geistvolles bringt diese schmutzige Wut nicht fertig. Man sieht den deutschen Kaiser, dem täglich ein Glas Blut frischgeschlachteter Kinder serviert werden muß (der „Künstler“ nennt sich P. Carrère); sieht den Kaiser in der Uniform der Totenkopf-Husaren ein Kind als Zielscheibe festhalten, während ein „Boche“ mit kupferroter Nase es totschießt, auf einer andern den Kaiser vor der Bibel betend, während ein deutscher Soldat mit einem Schwein daneben auf einen Priester schießt (die letzteren beiden Karten sind erschienen bei La Litho Parisienne, 27 rue Corbeau; der Zeichner führt den urfranzösischen Namen Muller). Es wäre ganz verkehrt, diese Absurditäten tragisch zu nehmen und sich sittlich darüber zu entrüsten, sie sind unsagbar dumm; höchstens kann man bedauern, daß ein hochkultiviertes Volk so tief sinken konnte. Dann gibt es Karten mit dem abgehackten Kopf eines Deutschen als „Plat du jour“ und solche mit allen möglichen Schandtaten, die die Boches verüben. Wie traurig muß es um ein Volk bestellt sein, das zu solchen Mitteln greift! Das alles ist ja nun eigentlich nicht neu. Wer die Ausstellung von Kriegsliteratur der Jahre 1870/71 besichtigt hat, die die Berliner Kgl. Bibliothek kürzlich veranstaltete, der hat sich überzeugen können, daß es auch vor vierzig Jahren nicht anders war, und daß die Bezeichnung Hunnenfürst für den Repräsentanten des deutschen Kaisertums schon damals gang und gäbe war. Da heißt es in einem Erlasse: „Les hordes barbares de l’Attila moderne égorgent, violent, brûlent et saccagent tout dans nos plus riches départements; ils osent menacer Paris, la ville sainte, la capitale du monde civilisé.“ Und auch gegen den deutschen „Militarismus“ wurde schon damals für „Freiheit und Zivilisation der Welt“ gefochten; Napoleon III. ermahnt in einem Erlaß vom 28. Juli 1870 seine Soldaten: „La France entière vous suit de ses voeux ardents et l’univers a les yeux sur vous. De nos succès dépend le sort de la liberté et de la civilisation.“ Und auch von den Grausamkeiten der Deutschen war schon damals die Rede. Ein Manifest vom 18. Januar 1871 sagt wörtlich: „L’ennemi tue nos femmes et nos enfants, il nous bombarde jour et nuit, il couvre d’obus nos hôspitaux.“[1] Und daß die französischen Schulhefte als Titelblätter vor dem Kriege Hetzbilder gegen die Deutschen brachten, ist uns ja wohlbekannt. In dem gleichen Stile bewegen sich jene Karikaturenhefte, die zu billigem Preise in Paris verkauft werden. Man hat das Gefühl, als ob dieser wahnsinnige Haß allein noch die verschiedenen Parteien in Frankreich zusammenzuhalten vermag. Ein solches Album ist beispielsweise bei Ollendorff in Paris unter dem Titel „Boches“ erschienen. (Boches! Deutschland unter alles. Von Ricardo Florès. Preis 60 Centimes, Ollendorff Editeur, Paris. 16 Seiten in Großquart.) [Abbildung 75] führt eine verhältnismäßig harmlose Seite daraus vor. Die übliche Ungenauigkeit der Franzosen bei Darstellung deutscher Verhältnisse zeigt sich auch hier wieder: Sie kennen nicht einmal den Namen des Generaldirektors der preußischen Museen (der übrigens sprechend unähnlich dargestellt ist). Die übrigen Tafeln zeigen die bekannten Darstellungen von Plünderung, Raub, Kindermord usw.
[1] „Schlagworte“, Aufsatz von Rudolf Friedmann in der „Vossischen Zeitung“ vom 2. Januar 1915.