(Le Rire rouge, Paris.)

Seit November 1914 erscheint „Le Rire“ wieder und zwar unter dem Titel „Le Rire rouge“ als Kriegsausgabe, nachdem dieses bedeutende französische Witzblatt kurz nach Ausbruch des Krieges, wie schon erwähnt, sein Erscheinen eingestellt hatte. Die erste Nummer zitiert Henri Lavedans Ausspruch: „Le soldat français rit, partout. C’est une de ses manières.“ Und dann heißt es weiter in der Ansprache an die Leser, die das Wiedererscheinen in so ernster Zeit rechtfertigen soll: „Le Rire ne sera pas le fou Rire, mais le Rire rouge. In der jetzigen tragischen, aber ungeheuer ruhmvollen Zeit, die wir erleben, ist Le Rire alles andere als unangebracht, im Gegenteil sehr notwendig; wieviel Wahrheiten müssen gesagt werden, wieviel Heldentaten von den Meistern der Satire und der Zeichnung festgehalten werden! Und was besonders Wilhelm II. betrifft (die Adjektiva sind hier in der Übersetzung weggelassen), muß nicht gerade er mit dem roten Eisen der Karikatur gezeichnet werden? Dieser Aufgabe werden sich unsere Mitarbeiter mit allem Eifer und allem Talent und aller patriotischen Begeisterung widmen usw. usw.“ Nicht immer scheint übrigens die Redaktion mit der Zensur Glück gehabt zu haben; schon in der zweiten Nummer beklagt sie sich darüber, daß ihr „deux admirables dessins de Willette“, mit denen sie den Haß gegen die „massacreurs des femmes et tueurs des enfants“ nähren wollte, gestrichen worden sind, aber die folgenden Nummern enthalten noch genug Roheiten, so daß die Redaktion nicht allzu viel Grund hat, sich über die Zensur zu beklagen. Hin und wieder erscheinen allerdings immer noch leere Flächen an den Stellen, wo das Blatt verkleinerte Abbildungen aus den Witzblättern des Auslandes bringt, übrigens sehr unparteiisch und bewundernswerterweise auch solche deutsche Karikaturen, die Frankreich in sehr derber Weise verhöhnen. So gibt es gleich in der ersten Nummer zwei leere Flächen mit der Unterschrift „Simplicissimus, Munich“. Sieht man nun von den Geschmacklosigkeiten des Inhalts ab, so muß man doch, wenn man gerecht sein will, anerkennen, daß künstlerisch „Le Rire Rouge“ auf einer höheren Warte steht. Kein Wunder: die bekanntesten und bedeutendsten Karikaturisten Frankreichs haben sich hier ein Stelldichein gegeben: Fabiano, Faivre, Gerbault, Guillaume, Léandre, Métivet, Steinlen, Willette usw., also auch ein großer Teil von denen, die früher an der „Assiette au Beurre“ mitgearbeitet haben. Mit dem Text sieht es natürlich böse aus: fast alles läuft auf eine Verhöhnung Deutschlands, besonders des Kaisers und des Kronprinzen, hinaus, und von dem berühmten französischen Esprit ist nicht viel zu spüren. Wie weit der Haß geht, und daß er auch vor den Kindern der Deutschen nicht Halt macht, davon möge die nachstehende Übersetzungsprobe ein Bild geben. Was werden wohl später die Franzosen sagen, wenn sie solche Roheiten wieder hervorholen; werden sie sich nicht selber schämen? Die Geschichte nennt sich „La Noël des petits Boches“:

Weihnachten bei den kleinen Boches. „Gut,“ sagte der liebe Gott zum Weihnachtsmann, „dies Jahr brauchst du dir augenscheinlich keine Sorgen zu machen; aus Amerika schickt man von allen Seiten Puppen für die kleinen Kinder in Frankreich, Belgien, England, Rußland und Serbien. Du kannst sie nun verteilen und hast es nicht nötig, auf den Lagern Umschau zu halten.“ — „Das ist alles ganz schön,“ antwortete der Weihnachtsmann, „aber es bleibt mir doch noch weitere Arbeit, wenn es auch nicht gerade die angenehmste ist ... Du wirst es begreiflich finden, daß niemand in der Welt daran gedacht hat, Puppen für die kleinen Boches zu schicken. Ich muß aber auch ihnen etwas bringen, denn das ist meine Pflicht.“ — „Geh zum Teufel (wenn es mir erlaubt ist, mich so auszudrücken)“, schrie der liebe Gott und stieß mit einem Fausthieb die Wolken weg, die ihm als Kissen dienten, so daß die Barometer in allen Ländern anfingen zu fallen, „ich will mit diesen Wilden und ihrem Auswurf nichts mehr zu schaffen haben!“ — „Aber, lieber Vater, wie soll ich mir die Puppen besorgen?“ — „Mach das, wie du willst; ich will mit der Sache nichts mehr zu tun haben!“ — Der Weihnachtsmann war sehr verstört, als er den lieben Gott verließ; er wußte nicht, was er nun anfangen und woher er die Puppen für die kleinen Boches nehmen sollte. Plötzlich schlug er sich an die Stirn. Warum war er auch nicht eher auf die Idee gekommen? Warum hatte er nicht schon früher daran gedacht, daß die Boches ja einen Gott für sich haben; sicher würde ihm dieser alte gute Gott die notwendigen Puppen nicht verweigern. Und er suchte und fand ihn zwischen grauen und schweren Wolken, die über der Provinz Brandenburg hingen. Dort trug er ihm sein Ersuchen vor. „Zum Teufel!“ schrie der alte gute pommersche Gott. „Du hast gut reden!... Übrigens habe ich deinen Besuch schon erwartet. Die Puppen sind fertig und eingepackt. Unser Michael wird dir die Lieferung übertragen; es ist alles erstklassige Ware, made in Germany.“ Sankt Michael führte den Weihnachtsmann mit verbundenen Augen zwischen vier Trabanten hindurch in ein Magazin, wo er ihm die Pakete aushändigte, die in schwarz-weiß-rotes Papier gepackt waren. Der Weihnachtsmann zog wieder ab, bis zur Himmelsgrenze von den vier Satelliten bewacht, die ihn nicht aus den Augen ließen. Dann begann er seine Reise und ließ die Pakete in die Schornsteine fallen. Oft mußte er sich die Nase zuhalten, denn aus den Essen drang der ekelhafte Geruch von Sauerkraut und Würsten und der noch üblere Duft der Boches. — Am nächsten Morgen aber klatschten die kleinen Boches vor Freuden in die Hände, als sie die Sendungen in den deutschen Farben erhielten. Und noch mehr freuten sie sich, als sie die Pakete geöffnet hatten und die schönen Puppen sahen. Das waren auch wirklich wundervolle Puppen! So herrlich, wie sie sie noch nie vorher bekommen hatten; sie stellten im kleinen ein vollständiges Abbild jener Art von Menschlichkeit dar, die ihre Papas zu verwirklichen sich bemühten: der einen Puppe war der Kopf gespalten, der anderen die Hände abgeschnitten, wieder einer anderen die Augen ausgestochen, und einer war der Bauch aufgeschlitzt. Es gab nicht eine einzige, die nicht sorgfältig verstümmelt worden war. — Und die kleinen Boches, aufs höchste erfreut und entzückt, drückten mit Freudentränen in den Augen ihre Puppen an die Brust und riefen: „Gott mit uns! Deutschland über alles.“ —

Diese Probe dürfte vollauf genügen, und wir brauchen nicht erst noch auf den „Carnet de Route de Fritz Schweinmaul“, den „Dentiste Boche“ und ähnliche „Scherze“ einzugehen. Der Inhalt beschäftigt sich sonst mit den üblichen Angriffen gegen den Kaiser und Kronprinzen, welch letzterer mit allen möglichen Gegenständen verschwindet, sogar mit dem Schachbrett Napoleons. Unterschrift: „Non content d’avoir volé le jeu d’échecs de Napoléon le kronprinz collectionne aussi les échecs sur les champs de bataille.“ Sehr eingehend beschäftigt sich „Le Rire rouge“ auch mit dem deutschen „Gretchen“, das für ihn die Repräsentantin der deutschen Frau ist, ein plumpes, fettes, ungeschlachtes Weib mit Bammelzöpfen und oft mit Brille ([Abb. 79]). Auf diesem Bilde treten auch, wie figura zeigt, wieder die obligaten Würste als Attribute des Deutschen in Aktion, die wir schon auf den englischen Karikaturen zu bewundern Gelegenheit hatten. Im Gegensatz dazu wird die Französin als vornehm und mondän gezeichnet, zum Beispiel in einem Bilde von Fabiano „Flirt 1914“, auf dem eine elegante Pflegerin einem verwundeten Senegalesen zärtlich die Hände streichelt, während ein im Nebenbette liegender Franzose sich dieser Bevorzugung nicht erfreuen darf.

Abb. 86. L. Vidaillet: Die Drückeberger in Frankreich.

„Nun schlagen wir uns schon über ein Jahr!“ — „Ja, wie die Zeit vergeht!“

Französische Karikatur aus „Le Rire Rouge“.

Abb. 87. Marcelle Arnac: Das harte Brot.