Abb. 92. Guido Cadorin: Die Entente unter Dach und Fach.
(Il Numero, Rom.)
In allen Witzblättern werfen sich die Gegner jetzt gegenseitig vor, Kinder und Greise in das Heer einzustellen. Wenn in Deutschland und Frankreich Mütter voller Sorgen und doch voll Stolz ihre noch nicht militärpflichtigen Söhne als Freiwillige hingeben, so sollte das eigentlich kein Stoff für Scherze sein — auch in deutschen Blättern nicht. Wenn französische Blätter die beabsichtigte Einberufung siebzehnjähriger Franzosen als Kinderkreuzzug bezeichnen, so ist das doch nur Galgenhumor. Dieses Thema ist aber unerschöpflich, wie [Abbildungen 94]-[97] zeigen. Die höchste Hyperbel erreicht Roger Cartier: in einer glänzend gezeichneten Linien-Karikatur zeigt er drei hochschwangere Frauen, deren Söhne bereits im Mutterleibe auf ihre militärische Brauchbarkeit hin untersucht werden. So absurd der Gedanke ist: die Karikatur selber gehört zu den witzigsten und besten des ganzen Krieges. Die Darstellung entbehrt jeder Roheit, und das außerordentlich heikle Thema ist hier mit einer Delikatesse behandelt, wie wir sie schon früher in den Zeichnungen französischer Graphiker beobachten konnten, die die gewagtesten Sachen mit so viel Geschick zu illustrieren wissen, daß diese Darstellungen mit pornographischen Erzeugnissen nicht das geringste mehr zu tun haben. In „Le Rire rouge“ begegnen wir einer ganzen Reihe solcher amüsanten Karikaturen, die um so mehr auffallen, als sie mit Produkten jammervoller Roheiten vereint stehen. Den größten Raum in „Le Rire rouge“ nehmen natürlich die Verhöhnungen der deutschen Truppen ein. In einer Zeichnung D’Ostoyas „En Serbie“ sieht man die weinenden Frauen und Kinder vor der deutschen Front („Und da sagt man immer, wir seien nicht galant, wir lassen die Damen sogar voran gehen!“) Eine große Rolle spielt Joffre, der französische Nationalheld der Gegenwart, der Hindenburg Frankreichs. Charles Léandre widmet ihm das in [Abbildung 77] wiedergegebene ganzseitige Blatt „Le Silencieux: Joffre. Il ne dit rien, mais chacun l’entend.“ Er ist der Mann, der die Geschicke Frankreichs leitet, nicht der Präsident Poincaré, die sonntägliche Spießbürgertype, von dem die französischen Zeitungen eigentlich nur noch reden, wenn er anstandshalber einmal an die Front fährt. — Wie viel „Le Rire rouge“ zusammenlügt, zeigen die Bilder, die die Deutschen, besonders den Kronprinzen, auf der Flucht vorführen. Dieser Gedankengang kommt auch in einer Zeichnung von Djilio zum Ausdruck ([Abb. 85]), auf der ein Musikalienhändler dem Kaiser Noten anbietet: „Hier ist ein Marsch, ‚Berlin-Paris‘, ein ‚Triumphzug nach Warschau‘;“ darauf der Kaiser: „Haben Sie keine Retraiten (Rückzüge)?“ — Das alles in einem Lande, dessen Regierung dem Volke auch noch nicht eine Verlustliste zugemutet hat!
Abb. 93. Scarpelli: Der Bibabo. („Sieh einmal, wie garstig er ist. Wenn du nicht artig bist, wird er dein Baby auffressen!“)
(Il Numero, Rom.)
THE LAST LINE.
Abb. 94. C. Harrison: Deutschlands letztes Aufgebot.
(Punch, London.)