Abb. 104. Robert Minor: Die Weckeruhr.
(World, New York.)
Der am wenigsten verhaßte von allen Geistern, die verneinen, muß sich ungleich zahmer betragen, wenn er sozusagen unter militärischer Kontrolle steht, wie es bei dem Blatte „Le Héraut“ der Fall ist, das die französischen Gefangenen im Lager von Zossen herausgegeben haben. Es ist nur eine Nummer erschienen, und diese ist schon heute eine bibliophile Seltenheit. Das vom lithographischen Stein abgezogene, vier Großfolioseiten umfassende Blatt ahmt nicht ungeschickt den Stil der großen französischen Tageszeitungen nach. Rédacteur principal ist ein gewisser Eugène Dienne; als Chefredakteur zeichnet Luc Fichtner, der auch im Anzeigenteil sein Pelzgeschäft in Paris empfiehlt. Dieser Annoncenteil ist durchaus ernst gemeint; er gibt ein treffliches Bild davon, welchen Ständen die französischen Gefangenen angehören. Wir finden da Inserate über die Baumschulen Legrux in Douai, über die Milchzentrifuge Cambraisienne in Maubeuge usw. usw. Leitartikel, wissenschaftliche und Sportnachrichten, nichts fehlt. „Le but essentiel du Héraut est de propager sous une forme gaie, vivante, et de faire comprendre, l’esprit de Fraternité.... Nos pensées restent graves; sans l’oublier jamais, qu’il nous soit permis de chasser le cafard, suivant l’expression imagée des coloniaux, surmontant le regret de la Patrie éloignée, par une réaction de gaité saine et de bon aloi, légitime et nécessaire ...“ — Nette Federzeichnungen sind in den Text eingestreut, von denen [Abb. 88] eine Probe gibt.
Abb. 105. Der einzige Überlebende.
Amerikanische Karikatur.
Unter den Zossener Gefangenen sind auch eine Anzahl Künstler und Lehrer, die sich ihre freie Zeit durch Anfertigung von scherzhaften Originalaquarellen vertreiben, die von guter Begabung zeugen und denen infolgedessen auch ein künstlerischer Wert nicht abzusprechen ist. Zwei dieser farbigen Originale auf Postkarten sind hier in schwarzer Reproduktion abgebildet ([Abb. 89] und [90]), Spottblätter auf die mitgefangenen „Verbündeten“. Andere Karten zeigen zum Teil in sehr derber Darstellung, „Les Aborts“, „Toilette intime“, „A la Queue“ (das Essenfassen; hier hat der Künstler, um die Eßmarke im Original auf der Karte verwenden zu können, sogar auf die eigene Ration verzichten müssen).
In Frankreich selbst sind die in der Etappe, ja sogar im Schützengraben erscheinenden Zeitungen (im Stile unserer Bierzeitungen) fast noch zahlreicher als bei uns, wenn sie auch an Güte lange nicht an die Liller Kriegszeitung heranreichen, die wohl das weitaus Beste in ihrer Art darstellt. Auch in der Vergangenheit haben weltgeschichtlich bewegte Zeiten solche Gelegenheitszeitungen hervorgebracht. Man denke an die zur Zeit der Choleraepidemie 1831 erschienenen Blätter, an die zahlreichen kurzlebigen Zeitungen des Jahres 1848. Und ganz besonders hatte „Le Héraut“ schon 1870 einen Vorgänger in der Zeitung „Prométhé“, die französische Gefangene in Spandau herausgaben und die heute zu den gesuchtesten Seltenheiten zählt.
Abb. 106. F. Jüttner: Wilson will nicht.