Das nördliche Stadtthor in Peking.

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GRÖSSERES BILD]

Mit dem Betreten der Hauptstadt beginnt die Enttäuschung, die mit jedem Schritte, mit jeder Stunde des Aufenthaltes sich steigert. Wo ist auch nur die Stadt? Auf weite Strecken Staub und Sümpfe, hier und da ein elendes Chinesenhäuschen, keine Straßen, keine Paläste, keine Pagoden, ganz wie ich es in der alten Hauptstadt des Reiches, in Nanking, gefunden habe. Erst nach langem, ermüdendem Ritt über die elendesten Wege beginnt das Gewirr schmutziger, mit niedrigen Häuschen besetzter Straßen, dicht gedrängt mit ebenso schmutzigen, ärmlichen Leuten. Auch wenn die zweite, die Chinesenstadt von der Tatarenstadt trennende Mauer passiert ist, es wird nicht besser; wir sind endlich in der Straße der Gesandtschaften, ohne daß ihr Aussehen es irgendwie, höchstens durch die Flaggenstangen über den niedrigen Thoreingängen, verriete. Auch das einzige Hotel der Reichshauptstadt Chinas befindet sich hier, kaum bescheidenen Ansprüchen genügend. Und diese schmutzstarrenden Straßen, diese armseligen Mauern und ärmlichen Kaufläden bilden Peking? Sollte es doch nicht irgendwo bessere Stadtteile mit Palästen und schönen Tempeln, mit reinlichen Straßen und Plätzen geben?

Die große Umfassungsmauer, die wir bei unserem Einzuge bewundert haben, ist in Peking wie in jeder anderen Stadt Chinas gleichzeitig das bedeutendste Bauwerk. In der Größe und Mächtigkeit ihrer Ringmauern sind die Chinesen wohl unübertroffen. Hier am Fuße der Ausläufer des mongolischen Hochlandes umschließen sie in einem länglichen Rechteck gegen fünfundsechzig Quadratkilometer Landes, etwa die gleiche Fläche wie Berlin, aber da die Bevölkerung Pekings kaum ein Drittel jener von Berlin erreicht, so ist es begreiflich, daß weite Strecken innerhalb der Ringmauern von Feldern und wüsten, unbebauten Ländereien eingenommen sind, in denen man sich ganz leicht irgendwo in der Mongolei, weit von Peking entfernt, denken könnte. Nur die mittleren Teile des großen Rechtecks sind wirklich mit Häusern und Straßen besetzt.

Das Merkwürdigste der letzteren ist wohl ihre Regelmäßigkeit. Ich kenne in der Alten und Neuen Welt wenige Städte, die so abgezirkelt wären, wie Peking. Unsere alten Städte zeigen ein Gewirr krummer, enger Gäßchen, als hätten ihre Gründer mit Absicht die gerade Linie vermieden. Selbst die neuesten Städteschöpfungen in den amerikanischen Prairien, die wohl einen regelmäßigen, schachbrettartigen Straßenplan haben, dehnen sich nach verschiedenen Richtungen der Prairie ungleich aus. Peking, das doch ebenfalls eine uralte Stadt ist, besitzt zunächst die genau rechteckige Umfassungsmauer der Tatarenstadt, an welche sich südlich eine ebenso regelmäßige Umfassungsmauer um die Chinesenstadt anschließt. Innerhalb beider Städte sind die Straßen nach Schachbrettform angelegt, nur sind jene der Chinesenstadt enger. In der Tatarenstadt sind manche Straßen wahre Boulevards, bis zu dreißig Metern Breite.

Endstation der Bahn Taku-Peking.

Die Umfassungsmauer der Tatarenstadt sperrt diese auch gegen die Chinesenstadt ab, ein merkwürdiges Wechselspiel! In alter Zeit erbauten die Chinesen unweit Peking die berühmte Große Mauer gegen die Tataren, und hier in der Hauptstadt Chinas erbauten die Tataren eine große Mauer gegen die Chinesen!

Das regelmäßige Straßennetz der Tatarenstadt, die entschieden die schönere von beiden ist, wird auf eigentümliche Art unterbrochen. Gewiß hat jeder in japanischen Bazars schon die viereckigen Schachteln gesehen, in denen man beim Abheben des Deckels kleinere Schachteln findet, die wieder kleinere einschließen. Aehnlich liegt innerhalb der Tatarenstadt eine zweite, mit der äußeren parallele Umfassungsmauer, welche die offizielle Kaiserstadt umschließt, und innerhalb dieser zweiten Mauer zieht sich parallel zu dieser eine dritte Mauer hin, ein Rechteck umfassend, welches die allen Europäern und Chinesen vollständig unzugängliche eigentliche Palaststadt des Kaisers und seines Hofes enthält. Drei ummauerte Städte sind auf diese Weise ineinandergeschachtelt, und an die äußerste, größte, schließt sich die durch Thore verbundene Chinesenstadt an.

Wie von den Städten, so gilt das Einschachteln und Ummauern auch von den Wohnsitzen der Prinzen, der Mandarine und militärischen Würdenträger, von den verschiedenen Regierungsämtern und den Yamen. Während wir unseren Gebäuden nach der Straßenseite zu die schönsten und imposantesten Formen geben, während wir sie mehrere Stockwerke hoch aufbauen, mit Türmen, Erkern und Balkonen versehen, ist in Peking, wie überhaupt in ganz China, das gerade Gegenteil der Fall. In der Tatarenstadt wandert man in den breiten, staubigen, sonnigen Avenuen zwischen niedrigen, grauen Mauern einher, die hier und da von freistehenden Thorbogen unterbrochen sind, unter deren Ziegeldächern sich in vergoldeten Lettern die Ueberschriften der verschiedenen Aemter befinden. Von den Gebäuden selbst sieht man höchstens einige mit blauen und grünen Glasurziegeln bedeckte, kurios geschwungene Dächer über die äußeren Umfassungsmauern hervorragen. Anders in der Chinesenstadt. Dort bieten die Straßen einen malerischen, belebteren Anblick dar, denn der Verkehr ist in den viel engeren Straßen auf einen kleineren Raum eingeschränkt, die Häuser enthalten überall Kaufläden der verschiedensten Art, und vor diesen sind noch in der Mitte der Straße lange Reihen von Kaufbuden aufgestellt, zwischen denen sich die Tausende und Abertausende langbezopfter Chinesen drängen. Nur hier bekommt der Fremde ähnliches Leben, ähnlichen Verkehr zu sehen wie in den anderen Hauptstädten Chinas, in Canton, Hankau, Tientsin, sofern es ihm der aller Beschreibung spottende Zustand der Straßen überhaupt gestattet. Während in unseren Ländern den Hauptstädten gewöhnlich die größte Sorgfalt gewidmet wird, ist in China das Umgekehrte der Fall. Kaum eine andere Großstadt des weiten Reiches dürfte einen ähnlichen Schmutz und Unrat zeigen wie Peking. In früheren Zeiten mag es wohl anders gewesen sein, denn noch jetzt zeigen die Straßen Spuren einstiger sorgfältiger Pflasterung. Aber in China wird selten etwas ausgebessert. Einmal gebaut, bleiben die Bauten oder Straßen sich selbst überlassen, bis sie allmählich gänzlich verfallen. Ursprünglich waren die Straßen auf eigentümliche Weise angelegt. Während wir beispielsweise die an den Straßenseiten entlang laufenden Trottoirs erhöhen und den mittleren Teil der Straße tiefer legen, ist in Peking der mittlere Fahrweg für Wagen, Reiter und Sänften erhöht, und die Seitenwege längs der Hausmauern sind tief. Freilich ist durch den regen Verkehr der Unterschied zwischen Fahr- und Fußweg an vielen Stellen verwischt worden; die Pflasterung bot den Chinesen einen bequemen Steinbruch dar, aus welchem sie sich das Baumaterial für ihre Häuser holten, und stellenweise liegt der mittlere Straßenteil sogar tiefer. Die Tausende von Fuhrwerken, Kamelen und Maultieren haben im Laufe der Jahrhunderte den Straßenboden aufgewühlt, und mit Ausnahme der sommerlichen Regenmonate sind die Straßen mit fußtiefem schwarzen Staub bedeckt. Durch den lebhaften Verkehr fortwährend aufgewirbelt, erfüllt dieser Staub die Atmosphäre, legt sich auf Hausdächer, dringt in die Kaufläden, lagert in dicken Schichten auf den Waren, Lebensmitteln und den Verkäufern, schwärzt die zuweilen schön bemalten und mit Vergoldungen geschmückten Häuserfronten, eine furchtbare, ekelerregende Plage, wenn man in Betracht zieht, auf welche Weise der Staub entstanden ist. Aller Unrat von Tieren und Menschen wird auf die Straße geworfen und bleibt dort liegen. Tausende und Abertausende von Lastträgern, Kutschern, Kamel- und Maultiertreibern entleeren sich täglich auf der Straße, und ertönen zur Zeit des Sonnenunterganges vor den Thoren die Gongschläge als Signal der Thorsperre, so erscheinen gewöhnlich gleichzeitig vor den Hausthüren Knechte, um dem mit dem scheußlichsten Unrat geschwängerten Staube auf eine originelle Weise noch weiteren Unrat zuzuführen. Wasser ist nämlich in Peking, das natürlich keine Wasserleitung besitzt, ein kostbarer Artikel. Wasserträger durchziehen die Straßen und verkaufen den Kübel für einige Sapeken. Ebensowenig besitzen die Häuser eigene Kloaken. Die guten Bewohner der Reichshauptstadt töten also zwei Fliegen mit einem Schlage dadurch, daß sie die flüssigen Abfälle der Häuser zum Begießen der Straßen verwenden. Die Knechte schöpfen den Unrat mit großen Schaufellöffeln aus den Kübeln und schleudern ihn möglichst weit über die Straße, ähnlich wie unsere Bauern ihre Felder zu düngen pflegen. Dadurch wird allerdings der Staub für ein Stündchen, gerade zur schönen, kühlen Abendzeit, gelöscht, aber in Peking wird sich dann gewiß jeder aus naheliegenden Gründen hüten, sein Haus zu verlassen.