Löwenstandbild vor dem kaiserlichen Sommerpalast zu Peking.

Kommen dagegen, besonders im Juli und August, die gewöhnlich sehr heftigen Regengüsse, dann ist Peking ein einziger stagnierender Sumpf, aus welchem nur die Häuser und stellenweise der mittlere Fahrweg hervorragen. Für Fußgänger ist dann selbstverständlich der Verkehr ganz unmöglich, aber auch für Reiter und die Insassen von Sänften ist er mitunter lebensgefährlich. Der Schlamm verdeckt die zahlreichen Untiefen, und stolpern Reittiere oder die zuweilen bis über die Knie im Schlamme watenden Sänftenträger, dann purzeln gewöhnlich auch die in kostbare Gewänder gehüllten Mandarine in die stinkende Jauche. Von den beiden Uebeln, Staub und Schlamm, ist der Staub immer noch das kleinere.

Der Kaiser hat von diesen elenden, verlotterten Zuständen seiner Hauptstadt kaum eine Ahnung. Selten verläßt er die verbotene Stadt seiner Paläste, um sich nach irgend einem der großen Tempel zu Gebeten und Opfern tragen zu lassen, und dieses große Ereignis wird gewöhnlich vorher in der Regierungszeitung bekanntgemacht. Dann wird von seiten der Stadtbehörden über Hals und Kopf an der Ausbesserung jener Straßen gearbeitet, durch welche der kaiserliche Zug seinen Weg nehmen soll; der mittlere erhöhte Fahrweg wird mit gelbem Sand bestreut, die Löcher werden ausgefüllt, die Jahrmarktsbuden zu beiden Seiten geschlossen, und wo sich besonders unflätige Stellen in den Häuserreihen zeigen, werden große gelbe Tücher vorgespannt, damit ihr Anblick den kaiserlichen Augen entzogen bleibt. Auch sonst werden alle Fenster und Thüren der Häuser geschlossen, die Straßen aber für jeden anderen Verkehr abgesperrt, und während es bei uns unstatthaft ist, den Souveränen den Rücken zuzuwenden, ist dies bei den Chinesen Vorschrift.

Ja, wenn doch der Kaiser einmal unvermutet den Befehl geben würde, einen andern als den so vorbereiteten Weg einzuschlagen! Aber ebenso, wie die Chinesen Sklaven des Kaisers sind, so ist der Kaiser wieder Sklave der Traditionen und der strengen Hofetikette. Eine derartige Willensäußerung von seiten eines chinesischen Kaisers ist kaum jemals vorgekommen, wie es auch unter den verschiedenen Söhnen des Himmels niemals einen Harun al Raschid gegeben hat.

Recht drollig sind die Namen mancher Straßen der Hauptstadt. Eine Straße in der Nähe der Gesandtschaften heißt die „Straße der glücklichen Spatzen” von den zahlreichen, frechen Sperlingen, die in Peking gerade so ihr Unwesen treiben wie bei uns und im Verein mit Hunden, Raben und Tauben die einzigen Straßenreiniger sind. Eine Straße heißt Barbarenstraße (unter welchem Namen die Europäer in China bekannt sind), andere führen die Namen Affen, Gehorsam, Steinerner Tiger oder Unermeßbar große Straße; die verkehrsreichste und lärmendste aller Verkehrsadern aber heißt sonderbarerweise die Straße ewiger Ruhe. Sackgassen werden in China tote genannt, im Gegensatz, zu den anderen, die lebende heißen. Auch die Paläste und Tempel haben eigentümliche Namen. Der Palast des Kaisers heißt der friedliche Palast des Himmels, jener der Kaiserin der Palast der irdischen Ruhe, ein Confuciustempel heißt die Halle gespannter geistiger Uebung, und einzelne Thore führen die Namen wie: das Große Reine oder das Thor des ewigen Friedens, oder endlich das Thor der standhaften Unschuld.

Der Gelbe Tempel zu Peking.

Die Paläste der verbotenen Stadt bekommt der gewöhnliche Sterbliche niemals zu sehen, außer er wäre kaiserlicher Prinz, Tatarengeneral oder mandschurischer Eunuch. Selbst den Gesandten der Großmächte wurde niemals der Anblick des eigentlichen Kaiserpalastes zu teil. Gelegentlich des Neujahrsfestes wurden sie vor einigen Jahren zum erstenmal innerhalb der Umfassungsmauern des Palastes empfangen, aber auch nur in einer freistehenden, von der eigentlichen Kaiserresidenz entfernten Halle. Mandschurische Palastwachen halten jeden Unbefugten an den Thoren zurück, doch ist wenigstens die äußere oder zweite Kaiserstadt den Europäern geöffnet. Ein großer Teil derselben wird von den schattigen Anlagen des kaiserlichen Parkes eingenommen mit seinem künstlichen See, über welchen mit Statuen geschmückte hohe Marmorbrücken führen, mit seinen künstlich aufgeworfenen, tempelgekrönten Hügeln, mit Yamen und offiziellen Bauten verschiedener Art, durch ihre grünen Dächer kenntlich.