Die orangegelben Porzellandächer, welche über die roten Mauern der verbotenen oder Purpurstadt emporragen, sind jene der kaiserlichen Paläste. Die meisten anderen Hausdächer Pekings bestehen aus grauen Hohlziegeln. Das auswärtige Amt, Tsung-Li-Yamen genannt, und die ausländischen Gesandtschaften sind in ehemaligen Prinzen- oder Mandarinenresidenzen untergebracht, und wer das behagliche Innere einer solchen kennen lernen will, braucht nur eines dieser Gesandtschaftspalais mit seinen vielen Gebäuden, seinen Höfen und Gärten zu besuchen. An Sehenswürdigkeiten in unserem Sinne besitzt Peking nur wenig. Mit Ausnahme der Tempel des Himmels und der Erde am Südende der Chinesenstadt, der alten Jesuitensternwarte, der vielen Pagoden, marmornen Thore und Brücken ist in der Hauptstadt des Chinesenreiches nicht viel zu sehen. Den besten Ueberblick über die Stadt erhält man, wenn man einen Turm der katholischen Kirche besteigt oder aus der breiten äußeren Stadtmauer spazieren geht. Dort ist man wenigstens gegen den furchtbaren Staub und das Gedränge des schmutzigen Volkes geschützt, und dorthin flüchten sich auch an schönen Tagen die Mandarine zu einem Spaziergang; statt Hündchen mit sich zu führen, tragen sie vielleicht auf einem Stöckchen einen Jagdfalken, Kanarienvogel oder eine Wachtel. Von hier oben aus gesehen zeigt sich Peking viel freundlicher, denn die hohen Mauern, mit welchen die Mandarinenwohnungen umschlossen sind, verbergen diese vollständig, während man von den Stadtmauern wenigstens zwischen den Baumkronen der vielen grünen Gärten die Dächer der Häuser zu Gesicht bekommt. Jede größere Residenz hat ihren Garten, und das am meisten ins Auge fallende Objekt inmitten dieser Gartenstadt bleibt immer das Gelb der kaiserlichen Porzellandächer, so daß ein witziger Franzose einmal sagte, von der Stadtmauer aus gesehen zeige sich Peking wie eine plat d’épinard aux oeufs, eine Spinatschüssel mit einem Eidotter in der Mitte.

Bei weitem interessanter als der äußere Rahmen ist das Leben und Treiben, das sich in demselben abspielt. Von dem offiziellen Leben der Kaiserstadt bekommt man allerdings nur wenig zu sehen: Mandarine mit verschiedenen ihrem Rang entsprechenden Stickereien auf Brust und Rücken zu Maultier und begleitet von einem Troß von Dienern oder in Sänften, die, je nach dem Range ihres Insassen, von zwei, vier oder sechs Trägern getragen werden; mandschurische Bannersoldaten und Yamenläufer, Angestellte der Regierungsbureaus. Die Straßen der Tatarenstadt zeigen sonst nur wenig Leben, denn die Chinesen, die eigentlichen Träger des Handels und Verkehrs, dürfen in derselben nicht wohnen, und alle Theater, Freudenhäuser, Opium- und Theehäuser sind hier verboten.

Audienzhalle im Kaiserpalast zu Peking.

Desto lebhafter ist das Leben und Treiben in der Chinesenstadt. Auf den Fahrwegen in der Mitte der Straßen drängt sich das Volk, wandert von Bude zu Bude, kauft und verkauft, schreit, lärmt, gestikuliert, lebhafter als in der Toledo von Neapel. Endlose Reihen der kleinen, zweiräderigen Maultierwägelchen fahren auf und nieder, alle Augenblicke stockt der Verkehr; auf den Fisch-, Fleisch-, Pelz-, Porzellan- und Gemüsemärkten ein fortwährendes Gedränge, hier und da auch eine öffentliche, grausenerregende Hinrichtung; unter viereckigen Sonnenschirmen gehen ambulante Handwerker, Barbiere, Restaurateure und dergleichen ihren Geschäften nach; zwischen ihnen, besonders aber an der Bettlerbrücke, kauern zahllose Bettler, zum Teil entsetzlich verstümmelt, Blinde, Lahme, Aussätzige, mit offenen Wunden bedeckt, und flehen unter fortwährendem Kumscha- Kumscharufen um Almosen. Als Rahmen dieses ungemein belebten, farbenreichen, seltsamen Bildes dienen die vielen Kuriositätenläden, Konditoreien, Restaurants, Kramläden aller Art; schlanke Pfeiler, von denen verschiedenfarbige lange Holzschilder, mit allerhand Inschriften in großen Goldbuchstaben bedeckt, herabhängen, überragen die einstöckigen kleinen Häuschen. Niedliche, mit geschnitzten Balustraden versehene Galerien ziehen sich unter den Dächern des ersten Stockwerkes hin, und die Häuserfronten, besonders jene der Konditoreien, sind über und über mit vergoldeten Schnitzereien bedeckt, die allerdings von dem schrecklichen Staub geschwärzt sind.

Das Observatorium in Peking.

Hier und dort werden auf freien Plätzen von den vergnügungssüchtigen Zopfträgern allerhand Tierkämpfe veranstaltet; nicht nur Hähne, auch Tauben, Wachteln, ja sogar Grillen werden dazu verwendet, und mit gespannter Aufmerksamkeit folgen die Wettenden dem Kampfe der winzigen Tierchen. Leben, Lärmen, Bewegung, Verkehr überall, dazu Staub, Schmutz, Gedränge, Gestank und furchtbare Hitze, die im Winter ebensogroßer Kälte Platz macht. Ebenso still und schläfrig, wie es in der Tatarenstadt zugeht, ebenso lärmend und bewegt ist es in der Chinesenstadt: in den Chinesen steckt das Leben, der Erwerb, der Reichtum, und dennoch sind die Tataren die Herren der Stadt und des ganzen Landes.

An Sehenswürdigkeiten besitzt Peking außerhalb seiner Mauern viel mehr als innerhalb. Einige Wegstunden nördlich von Peking erheben sich die Ausläufer des mongolischen Hochlandes, und verborgen zwischen den stellenweise bewaldeten Abhängen liegen zahllose Klöster, Pagoden, Grabstätten, Tempel; dort liegen auch die kaiserlichen Sommerpaläste und ausgedehnten Parks. Dorthin flüchten sich während der heißen Zeit die fremden Vertreter und Missionare und gehen allerhand Sport nach; noch weiter gegen Norden liegen die bekannten Kaisergräber der Mingdynastie, und den Abschluß der belebten, reich bebauten und bevölkerten Landschaft bildet die ungeheure chinesische Mauer mit ihren gewaltigen Türmen und Thoren. Sie allein übertrifft die gehegten Erwartungen, alles andere in und um Peking bleibt weit hinter denselben zurück, und mit leichtem Herzen verläßt man die weit über das verdiente Maß berühmte, aber immerhin hochinteressante Kaiserresidenz des Chinesenreiches.