Die Pekinger Regierungszeitung vom 29. Juni 1895 brachte folgendes Edikt des Kaisers: „In den letzten Wochen ist im Bereiche der Hauptstadt viel Regen gefallen, und noch immer ist der Himmel mit Wolken bedeckt, so daß zu befürchten steht, es könnte durch zu viel Regen die Ernte geschädigt werden. Wir sind auf das tiefste besorgt, und es erscheint geziemend, um günstiges Wetter zu flehen. Wir werden uns deshalb am 1. Juli nach Takao-tien zum Opfern begeben und die himmlische Macht bitten, Regen und Sonnenschein, alles zur rechten Zeit, zu gewähren, auf daß man beruhigt der Ernte entgegensehen könne.”
Am 30. Juni erschien in der Regierungszeitung folgende Nachricht: „Der Kaiser wird sich morgen früh drei Uhr zum Opfern nach Takao-tien begeben.”
Aehnliche Edikte und Nachrichten finden sich in der genannten Zeitung nahezu jede Woche. Bald opfert der Kaiser in der Ahnenhalle, bald im Tempel des Himmels oder in jenem der Erde. Die Opferzeit ist gewöhnlich ungemein früh, zwischen drei und fünf Uhr morgens, zuweilen sogar mitten in der Nacht.
Wenn in diesen Edikten von Priestern niemals gesprochen wird, sondern immer nur vom Kaiser, so hat dies seinen Grund darin, daß er selbst der Stellvertreter der chinesischen Gottheit auf Erden ist, eine Art Hoherpriester mit dem Zopfe. Wie in biblischen Zeiten König und Oberpriester häufig in einer Person vereinigt waren, so ist es in China bis auf den heutigen Tag geblieben. Ja noch mehr: der Kaiser ist der Sohn des Himmels, seine Vorfahren auf dem Drachenthrone weilen als Geister in der Gesellschaft der himmlischen Mächte, und er selbst fährt bei seinem Ableben auf einem goldenen Drachen zum Himmel. Sein Geist lebt dort fort und beeinflußt das Leben der Hinterbliebenen in derselben Weise, wie das seine von seinen eigenen Vorfahren beeinflußt wurde. Aus diesem Glauben entwickelte sich der Ahnenkultus, der in China und besonders am Kaiserhofe kaum weiter getrieben werden kann. Innerhalb der verbotenen Purpurstadt im Herzen Pekings befindet sich ein großer kaiserlicher Ahnentempel, und auch in den anderen, dem Himmel, der Erde, der Sonne und dem Monde geweihten Tempeln Pekings sind die kleinen Ahnentafeln der verstorbenen Kaiser aufgestellt. In dem Tai-miau, d. h. dem Großen Tempel, neben dem Kaiserpalast, befinden sich außer den Ahnentafeln der Kaiser auch jene der Kaiserinnen aus den letzten zehn Generationen, einfache Holztäfelchen, auf welchen die Namen und Titel der Verstorbenen verzeichnet sind und die in vergoldeten Holzkästchen auf langen Tischen stehen. Anschließend an den kaiserlichen Ahnentempel befindet sich an der Ostseite eine Halle für die Ahnentafeln der kaiserlichen Prinzen, an der Westseite eine zweite für die Tafeln verdienter Staatsmänner, Feldherren und andere, also eine Art chinesischer Ruhmeshalle, jedoch ohne irgend welchen anderen Schmuck, ohne Statuen oder dergleichen.
In diesem Tai-miau bankettiert der Kaiser unmittelbar nach seiner Thronbesteigung mit seinen kaiserlichen Vorgängern, denn die Opfer, welche diesen dargebracht werden, denken sich die Chinesen als Festmahle. Sobald der Kaiser in großem Ornat die Halle betreten hat, werden vor die Ahnentafeln jedes einzelnen Kaiserpaares die Opfer gesetzt, und zwar vor jede Tafel drei Becher Wein, zwei Schüsseln Suppe, ein kleines Tischchen und ein Stuhl, auf welchem passende Kleider für den unsichtbaren Vorfahren liegen. Jeder Kaiser erhält außerdem noch zwei Stücke kostbaren Seidenstoff. Auf langen Tischen vor jedem Kaiserpaare werden auch noch zwischen Weihrauchfässern und glimmenden Räucherkerzchen je ein geschlachtetes Schwein, ein Rind und ein Schaf gelegt. Hierauf tritt der Kaiser allein in die Mitte der Halle, wirft sich auf die Knie, und mit der Stirne den Boden berührend ruft er der Reihe nach alle seine Vorfahren mit ihren Namen und Titeln an, eine zeitraubende Affaire, wenn man bedenkt, daß diese Titel aus je zwölf bis zwanzig Wörtern bestehen. Dann bittet er sie, diese Opfergaben als Ausdruck seiner Fürsorge und Verehrung entgegenzunehmen. Der Kaiser liest dieses Gebet von einer kleinen gelben Holztafel ab, die er sodann unter den Klängen eines mongolischen Musikkorps und dem Gesang von Chorsängern den Zeremonienmeistern übergiebt. Beamte raffen nun die Seidenstoffe zusammen und tragen sie in feierlichem Aufzuge zu einem großen offenen Altare, wo sie in Gemeinschaft mit der Gebettafel verbrannt werden.
Hierauf folgt eine höchst eigentümliche Zeremonie, die lebhaft an ähnliche Zeremonien im altjüdischen und christlichen Gottesdienste erinnert. Ein hoher Tempelbeamter reicht dem Kaiser einen Becher mit dem Wein des Segens dar. Bevor er ihn empfängt, kniet er dreimal nieder und berührt jedesmal mit der Stirne dreimal den Boden. Hat er den Becher geleert, so wird ihm das Fleisch des Segens auf einer Schüssel dargereicht, wobei er dieselbe Anzahl von Kautaus auszuführen hat. Im Laufe dieses Opferdienstes hat er im ganzen achtzehnmal niederzuknien und die Stirne vierundfünzigmal auf die kalten Steinplatten zu senken, eine recht anstrengende Turnübung, die von allen anwesenden Prinzen und Würdenträgern ebenfalls ausgeführt werden muß.
Der wichtigste Tempel Pekings, in welchem der Kaiser selbst als Hoherpriester den Opferdienst versieht, ist der berühmte Tempel des Himmels. In der Chinesenstadt, anschließend an die starken, hohen Umfassungsmauern Pekings, befinden sich zwei große, mehrere Quadratkilometer umfassende Tempelhaine, eigentlich schattige, mit prachtvollen alten Bäumen besetzte Parks, auf deren grünen Matten die Opfertiere, Rinder, Schafe und andere, grasen. Hohe, blaßrote Mauern umschließen diese weiten Plätze des Friedens, und nur wenigen Fremden ist es vergönnt, in das Innere einzudringen. Der westliche Park enthält den Tempel des Ackerbaues, der östliche den viel größeren und wichtigeren Tian-niau, d. h. den Tempel des Himmels. Bevor die augenblicklich regierende Dynastie auf den Thron gelangte, war der Tempel des Ackerbaues eigentlich der Tempel der Erde. Aber im Jahre 1531 entschieden die Schriftgelehrten, daß dieser Tempel der Erde außerhalb der Stadtmauern liegen müsse, und es wurde deshalb nördlich der Tatarenstadt ein Park von etwa dreihundert Morgen angelegt, in dessen Mitte sich der Tempel oder vielmehr der Altar der Erde erhebt.
Der Tempel des Himmels zu Peking.